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WIEN/ Theater an der Wien: PETER GRIMES – "Daphne zu Gast in Wien". Premiere

12.12.2015 | Oper

PETER GRIMES  12.12. 2015. Theater an der Wien „Daphne zu Gast in Wien“

Jetzt hat es geklappt. Agneta Eichenholz, die Freia Genfs, die Zdenka in Amsterdam, die Clara/Clarissa („Der Sandmann“ von Andrea Lorenzo Scartazzini) und die Daphne der Oper Basel wurde ans  Theater an der Wien engagiert und  schlüpfte in die Rolle der grauen Maus mit Seele (Ellen Orford) in Brittens Werk über die Menschen am unberechenbaren Meer. Seit der jungen Janowitz erlebte ich selten eine solche Innigkeit in der Stimme. Noch ist ihr Sopran lyrisch, die dramatischen Stellen kommen aber ohne jede Überforderung. Souverän führte sie zum Beispiel das Damenquartett an. Dieser begnadeten Stimme gebührt eine verantwortliche Begleitung seitens der Operndirektionen und der musikalischen Leitungen. Mein persönlicher Neujahrswunsch wäre, dass Frau Eichenholz in Wien eine künstlerische Heimat fände.

Joseph Kaiser ist mir als Roméo (Gounod) von der Met her bekannt. Zu schätzen weiß ich sein im Gegensatz zu vielen prominenten Sängern weites Repertoire ohne einseitige Spezialisierungen. Die manchmal zu hörenden Verengungen in seiner Stimme mindern nicht den großartigen Gesamteindruck. Ein guter Stimmumfang mit Gefühlsintensität in lyrischen hohen Lagen lässt ihn mir prädestiniert für die Rolle des Zelebranten in Bernsteins „Mass“ erscheinen.

Mit andrem Material beschenkt ist Andreas Conrad. Ein heldischer Charaktertenor, wenn man diese Definition gelten lassen will. Er spielt einen  Methodistenprediger, wie ich sie auf den Fidschi-Inseln des Öfteren erleben konnte. (Die Methodisten stellten ursprünglich eine Reformbewegung gegen die in ihren Augen verbürgerlichte Anglikanische Kirche dar.) Wenn ich Conrad in verschieden Rollen höre, bedaure ich ihn noch nie als Mime genossen zu haben. Sein Gegenspieler als Vorsteher der offiziellen Pfarrgemeinde ist der Tenor Erik Årman, der sich im Haus schon mehrmals bewährt hat.  

Andrew Foster-Williams (Balstrode, Freund von Peter Grimes?) lässt einen angenehm timbrierten Bariton hören. Schon zu Beginn der Oper ließ Stefan Cerny als Swallow seinen mächtigen Bass bedrohlich erschallen.  Dass er für mich der Wunschkandidat für die heikle Partie des Ersten Nazareners ist, ging in der Volksoper bereits in Erfüllung.

Hanna Schwarz weiß mit ihrer durchwegs dramatisch angelegten Partie zu beeindrucken, bestens assistiert von ihren Nichten Kiandra Howarth und Frederikke Kampmann. Toi, toi, toi für die weitere Laufbahn der beiden Nachwuchssängerinnen! 

Witwe und Apotheker, die verdiente und erfahrene Sopranistin, später ins Mezzo-Fach wechselnd, und das Mitglied des Jungen Ensembles des Theater an der Wien. Rosalind Plowright versteht ihrer Rolle stimmlich und darstellerisch Profil zu geben und der Juilliard School- Student Tobias Greenhalgh könnte sich schon für die Rolle des Balstrode bewerben.

Lukas Jakobski als Fuhrmann muss seine Naturstimme noch verfeinern.

Alle Protagonisten, der Chor und die Statisterie wurden von Judith Weihrauch ansprechend eingekleidet.  

Die musikalische Leitung wurde – nomen est omen – Cornelius Meister anvertraut, der mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien alle Fassetten des vielschichtigen  Werks zur Geltung brachte. Der Arnold Schönberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner hatte ebenso Anteil am großen Erfolg dieses Abends. Die Sopranistinnen des Chors hörten sich manchmal an wie eine einzige allumfassende Stimme. Christof Loy inszenierte mit seinem, was kein Wunder ist, viel beschäftigten Bühnenbildner Johannes Leiacker das Werk ohne Einseitigkeit, allen Aspekten des Werks gerecht werdend. Altbekannte Versatzstücke wie ein drohend nahe dem Orchestergraben aufgestelltes Bett oder eine Vielzahl von Stühlen dienten keiner oberflächlichen bzw. banalen Aussage sondern einer ambivalenten Symbolik. Die Stühle schlossen sich zu variablen, ineinander verschachtelten Stapeln innerhalb einer sich immer wieder ändernden Gesamtstruktur zusammen im Wechselspiel mit ebenfalls sich auflösenden und zusammenballenden Menschengruppen in einem Raum, der keine Einengungen durch sonstige Objekte erfährt.

Die dem Werk nachgesagten homoerotischen Motive (Peter Grimes – sein Gehilfe John – und auch Balstrode) werden hier offen angesprochen und choreografiert (Thomas Wilhelm), als zwischenmenschliche Anfechtungen, ohne tendenziöse Inanspruchnahme für eine Gender-Philosophie. Es dreht sich auch nicht um Pädophilie, denn Peter Grimes´ Gehilfe ist ein junger Mann, hervorragend als Tänzer Gieorgij Puchalski, für Peter Grimes die Wiedergeburt des verunglückten ersten Gehilfen.

Möge die Aufführungsserie dieser Oper zu noch größerer Popularität verhelfen!

Lothar Schweitzer

 

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