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WIEN / Theater an der Wien: PETER GRIMES

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Alle Fotos Theater an der Wien / Copyright: Monika Rittershaus

WIEN / Theater an der Wien:
PETER GRIMES von Benjamin Britten
Neueinstudierung der Theater an der Wien-Produktion von 2015
Premiere: 16. Oktober 2021   

Roland Geyer verabschiedet sich als Intendant mit dem Revival seiner „Greatest Hits“, und „no amal, no amal, no amal“ klingt es metaphorisch durchs Theater an der Wien. Noch einmal, was vor knapp sechs Jahren, im Dezember 2015, an diesem Ort fasziniert hat – die weitestgehend abstrahierte, in vieler Hinsicht radikale Interpretation von Benjamin Brittens „Peter Grimes“ durch Regisseur Christof Loy.

An sich erzählt diese Oper eine Außenseitergeschichte die ganz „real“ in einem englischen Fischerdorf spielt, und je kleiner ein soziales Biotop, umso brutaler der gesellschaftliche Druck. Aber zu der Realität, dass hier Hütte, Schenke, Kirche und immer präsent das Meer wären, versteht sich heute niemand mehr, obwohl das Würgende wie auch das immer wieder ins Irreale Kippende des Werks natürlich in solch engem Ambiente auch wirken müsste.

Wenn man die Geschichte all ihrer „Realität“ entkleidet, wie Regisseur Christof Loy es tut (Bühne: Johannes Leiacker), bedeutet das zweifellos einen Nachteil für die vielen Nebenfiguren, die meist im Chor versinken und sich und ihre Funktionen nicht profilieren können (ebenso wie die Handlung im Detail in der Luft hängen bleibt).

Aber dafür gewinnt der Abend auf nahezu leerer Bühne, nur ein Bett im Vordergrund (die schmale, aber signifikante Welt des Peter Grimes) natürlich etwas ungemein Gleichnishaftes. Indem der Chor schlechtweg brillant geführt ist (auch mit Hilfe der Choreografie von Thomas Wilhelm), im Beobachten, Näherrücken, Zusammenrücken, Bedrängen, wird die „Jagt den Außenseiter“-Situation so stark, wie sie nur sein kann.

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Darüber hinaus ist „Peter Grimes“ natürlich, unwidersprochen eine homosexuelle Geschichte mit ihren Geheimnissen, und das kann man hinunterspielen – oder ausreizen bis zum Letzten, wie Christof Loy es tut, zumal in der Geschichte des „Boy“. Das ist hier kein Halbwüchsiger aus einem Dorf, das ist weit mehr ein ganz bewusster Strichjunge, der es darauf anlegt, zum Objekt der Begierde für alle zu werden, sogar von einer Frau – auch Ellen Orford würde ihm erliegen, und Kapitän Balstrode, für den das gar nicht vorgesehen wäre, findet sich in das Spiel der Sexualität eingebunden: Man spürt, dass er Grimes gerne „so“ nahe wäre, und er läuft erst in letzter Minute vor den Versuchungen des „Boys“ davon…

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In einer echten Dorfgesellschaft wäre all das vermutlich genug, um Grimes nicht nur auszugrenzen, sondern wie einen Hexenmeister zu erschlagen, in Loys leerem Raum ist dese quasi hin und her fließende Erotik das Zentrum des Geschehens. Dabei nützt er Brittens großartige Orchesterzwischenspiele zu erfunden Aktionen vieler, meist ja doch sexueller Art. Wenn Grimes auch diesen Boy verliert – man wird nie, soll nie erfahren, ob er ihn aus welchem Grund auch immer getötet hat -, dann gibt es noch eine Traumsequenz, wo der tote Junge, den er hereingetragen hat, noch einmal aufersteht und sich mit ihm zu einem wunderbaren Liebestanz findet… Andere sexuelle Szenen gehen so weit, dass sie fast wie Vergewaltigungen wirken. Mag so etwas früher schockhaft erschienen sein, so ist Homosexualität heute so selbstverständlich, dass niemand mehr „Päderast“ denken wird – was noch vor Jahrzehnten die Figur des Peter Grimes gewissermaßen verdächtig oder peinlich gemacht hat.

Das ginge an diesem Abend schon deshalb nicht, weil Eric Cutler in dieser Rolle ein so gerader, starker Mann ist, dass ihm nichts Schmieriges anhaftet. Er liebt, gewiß, er ist in seiner Verzweiflung auch brutal, aber alles an ihm atmet große Ehrlichkeit und tiefes Gefühl. Dazu kommt, dass er über einen gestandenen Heldentenor verfügt, den er gern einmal hören lässt, aber dennoch mit Stimmkultur durch die Rolle kommt. Die düsteren, oszillierenden Schatten, die einst in der Staatsoper über dem Grimes eines Neil Shicoff lagen, ist hier echtem Opern-Heldentum gewichen.

An seiner Seite der Tänzer Gieorgij Puchalski als der Boy, natürlich gar nicht das, was bei Britten gemeint war, aber als Figur – die bewusste Verführung – in diesem Rahmen goldrichtig. Vom aufrichtigen Freund zum Leidenden unter seinen vielen gemischten Gefühlen ist der Balstrode von Andrew Foster-Williams geworden, mit hartem Bariton und ungemein starker Ausstrahlung ein faszinierendes Bündel Unsicherheit.      

Unter den Nebenrollendarstellern – Rupert Charlesworth, Thomas Faulkner, Edwin Crossley-Mercer – waren Erik Årman als Reverend und Lukas Jakobski als Kutscher schon seinerzeit dabei. Wie gesagt, wer das Stück „echt“ haben möchte, wie es geschrieben wurde, wird hier das klar strukturierte Dorfleben mit seinen widersprüchlichen Figuren vermissen.

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Die Frauen stehen in dieser Männeroper in der zweiten Reihe, aber sie arbeiten sich vor, wobei die drei wichtigsten Rollen auch von der Premiere her hinübergerettet werden konnten. Die Ellen Orford hat man selten so intensiv gesehen wie von Agneta Eichenholz (zwischenzeitlich, 2017, in Wien als Lulu aufgetaucht und schnell wieder verschwunden). Die Stimme mag schärfer sein, als man es gerne hat, aber wie sie aus der Lehrerin nicht das wohlmeinende Mäuschen macht, sondern eine entschlossene, empfindende Frau, das ist bemerkenswert.

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Und wieder zwei Stars von einst auf der Bühne – Hanna Schwarz (wer wird ihre Fricka in Chereaus Bayreuther „Jahrhundert-Ring“ je vergessen?) als Kneipenwirtin der anderen Art (ganz in Rot, vom karottenroten Haar bis zum weinroten, engen langen Kleid) und Rosalind Plowright, einst der große Star von Covent Garden, als Mrs Sedley, keine Dorf-Lachfigur, sondern so mysteriös wie faszinierend hexenhaft. Die zwei  „Nichten“ in Rosa (hier hat  Kostümbildnerin Judith Weihrauch etwas overdressed) erwiesen sich als blond, rollendeckend blöd und recht schönstimmig (Miriam Kutrowatz und Valentina Petraeva). 

Benjamin Britten gehört (neben Richard Wagner natürlich) zu jenen Komponisten, wo man dem Orchester ebenso gerne zuhört wie den Sängern, denn hier geht es nicht nur um Begleitung und „Stimmung“, hier wächst ein eigenständiger musikalischer Kosmos neben dem szenischen. Was ein Orchester hier alles können muss, ist vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Thomas Guggeis glücklicherweise nicht zu viel verlangt, immer wieder horcht man bei besonders starken Passagen auf. Und der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner), der, wie man weiß, alles kann, war diesmal wieder besonders gefordert – und besonders eindrucksvoll.

Starker Beifall für einen starken Abend

Renate Wagner

 

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