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WIEN / Theater an der Wien: PEER GYNT

18.02.2017 | KRITIKEN, Oper

Peer Gynt Plakat

WIEN / Theater an der Wien: 
PEER GYNT von Werner Egk
Premiere: 17. Februar 2017 

Nehmen wir das Resümee vorweg: „Peer Gynt“ von Werner Egk ist zwar keines jener Meisterwerke der Oper, ohne die wir nicht leben könnten (wie „Tristan“, „Zauberflöte“, „Aida“ „Tosca“ oder „Rosenkavalier“), insofern ist er uns in all den Jahren, wo in Wien kein Mensch Egk gespielt hat (halt,  1964 gab es an der Volksoper „Die Zaubergeige“, 1992 im Konzerthaus einen konzertanten „Columbus“) nicht wirklich abgegangen. Wenn aber ein Operhaus wie das Theater an der Wien , das sich auch die Suche nach Raritäten zum Konzept gemacht hat, „Peer Gynt“ für fünf Vorstellungen hervorholt und eine Wissenslücke schließt, ist man durchaus dankbar. Die Querelen im Vorfeld schienen vergessen, als am Ende einhellig applaudiert wurde – obwohl der Regisseur Peter Konwitschny hieß, der ja berüchtigt dafür ist, es dem Publikum nicht leicht zu machen. Diesmal war er allerdings geradezu handzahm.

Ibsens „Peer Gynt“ ist nicht gerade einfach, tatsächlich ist es, genau betrachtet, eines der verrücktesten Stücke der Weltliteratur, das sich Egk als sein eigener Librettist sehr vereinfacht hat. Vieles fehlt, das integral zu dem Werk gehört (dass er Mutter Aase ins Jenseits kutschiert, dass er im Irrenhaus von Kairo Dr. Begriffenfeld trifft), anderes – eine mystische Gerichtsszene vor dem Finale – ist hinzuerfunden, aber hauptsächlich geht es um Peer zwischen der Welt der Menschen (mit Solveig als Bezugsfigur) und der Welt der Trolle (wo „die Rothaarige“ zuhause ist). Magisches ist durchaus eingeführt (auch in der Gestalt der „Vögel“), Grelles wechselt mit Lyrischem, das ist durchaus geschickt gemacht.

Egk hat sich die Möglichkeit geschaffen, musikalisch zwischen Wagner und damals modernen Rhythmen, etwa Tango, zu changieren, eindrucksvolle Zwischenspiele à la Strauss schwelgen zu lassen und bei aller Konventionalität der Tonsprache doch letztendlich nicht gestrig zu wirken: Weder für damals noch für heute. Wenn Peter Konwitschny im Programmheft von „sehr guter, abwechslungsreicher Theatermusik“ spricht (leicht abwertend im Vergleich zu Bergs Innovation), so gibt er immerhin dem Komponisten, was des Komponisten ist.

Im Grunde hätte man für diesen eher konventionell gestrickten „Peer Gynt“ einen Regisseur gebraucht, der zumindest ein optisches Feuerwerk entfesselt und die Welten schroff gegeneinander absetzt. Das tat Peter Konwitschny in der Alltags-Ausstattung von Helmut Brade nicht, die übrigens so peinigend lange Verwandlungspausen erforderte, dass man das Gefühl nicht los wurde, da beherrschte jemand die Technik nicht ausreichend – so schleppend darf das einfach nicht gehen , da muss man eben andere Lösungen finden. So wichtig und überzeugend sind die öden Häuseraufrisse, die hier aufgebaut wurden, nicht. Im Grunde hat nur die Südamerika-Episode echten szenischen Pfiff, mit einem riesigen, wie eine Kinderzeichnung hingestellten Schiff auf den Hintergrund gemalt, das dann, als die Kaufleute damit fliehen, als immer kleineres Bild gezeigt wird, bis es – paff! – in Feuer aufgeht. Dazu darf der Chor hier in Peruanischem Outfit agieren…

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Fotos: © Werner Kmetitsch

Dieser Chor ist als „Volk“ in Peers Umwelt meist weiß gekleidet und stilisiert als Masse agierend, trägt als „Trolle“ ein schwarzes Mal quer über das Gesicht und sind eindeutig als Unterschicht gemeint (die Kapitalismus-Kritik, die manche in den Trollen sehen wollten, kann man an diesem Fetzenproletariat nicht festmachen). Die Dämonie und Magie, die aus der Musik herauszuhören wäre, hat Peter Konwitschny verschmäht, alles ist in die Menschendimension geholt.

Ein paar kleine, sinnlose Verrücktheiten (damit man nicht sagen kann, dem Regisseur sei nichts eingefallen) kommen gar nicht so richtig zur Geltung – etwa, dass Mutter Aase (na hoppala!) mit einem Maschinengewehr auf die Dorfgesellschaft schießt. Auch ein Auto auf der Bühne, ein weißer Oldtimer, macht sich immer gut, ob man es braucht oder nicht. Ja, und Solveig ist blind – wahrscheinlich muss die „gute“ Frau angesichts eines Mannes wie Peer blind sein, sonst hält man diesem egozentrischen Polterer nicht die Treue. Ja, und wir haben aufgepasst: Am Ende, wenn Peer und Solveig schon alt sind (und endlich brav werden), da ist hier ihr Faltenröckchen, in der Jugend einst hellblau, nun hellgrau geworden. Und die rote Perücke werfen sie dann doch weg…

Diese rote Perücke gehört der Troll-Tochter, der Rothaarigen, und die überzeugendste Idee dieser Inszenierung besteht darin, dass Peter Konwitschny die beiden Frauen, das große Gegensatzpaar, in einer Sängerdarstellerin zusammenführt. (Seine Erklärung im Programmheft ist eher flapsig: Er wisse „aus eigener Erfahrung, dass es sehr praktisch ist, wenn man eine Frau schnell mal gegen eine andere austauschen kann.“)

Die oft blitzartige Verwandlung von blonden Zöpfen (plus dunkler Brille, weil blind) in das wild wallende Rothaar (mit schwarzem Querstreifen im Gesicht, weil Trollin), ist nicht das einzige, was Maria Bengtsson absolut bemerkenswert gelingt und ihre Leistung zur eidrucksvollsten des Abends macht. Sie stellt wirklich zwei grundverschiedene Frauen auf die Bühne, die extremen Typen von Heiliger und Hure, Verinnerlichung und Exzessivität, und diese Vereinfachung wirkt sehr nachdrücklich, besonders wenn so schön gesungen wird wie hier.

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Bo Skovhus ist ein echter, blonder, nordischer Lackl, zu Beginn vielleicht ein bisschen reif, aber dieser Peer wird ja auch älter und alt, und spätestens in Südamerika ist er ganz richtig. Immer auch mit Ambition dabei, selbst wenn Konwitschny ihn in wüste Tänze ausbrechen lässt und fast seiner ganzen Kleider beraubt. Stimmlich schafft er den Part kraftvoll, wenn auch – man wird den Verdacht nicht los – immer am Rande des Forcierens.

Die Nebenrollen sind doppelt und dreifach besetzt, wobei Egk selbst nur Episoden schuf, einzig der König der Trolle hat mehr zu vermelden, und der hier zu jung wirkende Rainer Trost ließ seinen Tenor hören, musste aber anfangs als Wirt im Bordell den Wert seiner Figur gewaltig herunterfahren.

Auch die Aase kam, trotz Maschinengewehrs, nicht weiter zur Wirkung (Natascha Petrinsky), und viele Herrschaften in vielen kleinen Rollen absolvierten ihre Parts eher unauffällig, mit Ausnahme von Stefan Cerny, dessen Baß immer aufhorchen lässt und nach größeren Rollen zu verlangen scheint.

Leo Hussain stand am Pult des ORF Radio-Symphonieorchester Wien, der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) musste sich oft umziehen und war, wie immer, äußerst überzeugend, und am Ende war es gänzlich egal, ob Hitler das auch gefallen hat oder nicht: Das Wiener Publikum klatschte heftig, Konwitschny hat gar nicht gebohrt, und es hat sich gelohnt, dieses Werk kennen zu lernen.

Renate Wagner

 

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