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WIEN/ Theater an der Wien: MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz). Uraufführung

04.06.2017 | Oper

TadW Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz) 4.6.2017 (Uraufführung)

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Copyright: Wiener Festwochen/ Jan Bauer

Im Nachhinein kann man Frau Professor, nein, Frau Professorin Katharina Wagner nur dankbar sein, dass sie einen bildenden Künstler, wie eben Jonathan Meese (23.1.1970*), in Bayreuth als Regisseur des Parsifal vorgesehen, mehr oder weniger freundlich aber bestimmt ausgeladen hat. An diesem Uraufführungsabend galt es keineswegs der Kunst, sondern vielmehr der eitlen Selbstverwirklichung eines sich zur Regiearbeit berufenen, vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Zeitgenossen. In formaler Hinsicht ist er eine Epigone von Anselm Kiefer (8.3.1945*), der mehrmals aus Anlass einer Performance den Hitlergruß ausgeführt hatte. Es scheint so, dass unter dem Deckmäntelchen der „Freiheit der Kunst“ rechtsradikales Gedankengut schon wieder salonfähig gemacht wird. Anders als der gleichaltrige norwegische Regisseur Stefan Herheim, der in seinen Inszenierungen ebenfalls gerne Assoziationen zu anderen historisch belasteten Zeiten heraufbeschwört, beschränkt sich Meese mit platten Verweisen auf James Bond Filme, Godzilla, Barbarella, Zardoz, um nur einige zu nennen. Und um das Ganze noch zu krönen, werden Meeses pseudophilosophische und anderweitige Gedanken noch zu dem Text der Oper begleitend auf den zwei Übertitelungstafeln in den Proszeniumslogen im ersten Rang gezeigt. Spätestens nach einer halben Stunde hat man sich an deren Lektüre satt gelesen, denn sie eröffnet dem Betrachter und der Betrachterin keinerlei fundamentale Erkenntnisse und Einblicke in das Regiekonzept. Der Titel der Oper mit gewollten orthographischen Fehlern im Deutschen „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz) mag eine Reminiszenz an seine eigene Vita sein, da der in Tokio geborene Meese bei seiner Rückkehr nach Deutschland nur Englisch sprach und als ein „Spätentwickler“ mit verzögerter Reife galt. Was eine stringente Personenführung betrifft, so findet sie bei Meese nicht statt. Vielmehr bebildert er die einzelnen Szenen mit einem Indianer-Kanu, einem Drachen anstelle eines Schwanes, den Parsifal erlegt. Und apropos Speer: der ist bei Meese ein Gewitterblitz, dazu werden noch im dritten Akt über weite Passagen hin Ausschnitte aus Fritz Langs Stummfilm von 1924 „Siegfried“ und „Kriemhilds Rache“ gezeigt. Als Ausstatter in Personalunion wird er noch durch die Choreographie von Rosita Steinhauser und das Lichtdesign von Lothar Baumgarte unterstützt.

Was die Musik von Bernhard Lang (24.2.1957*) betrifft, von dem man im Theater an der Wien 2006 „I Hate Mozart“ erleben durfte, hält er sich ziemlich an die Vorlage von Richard Wagner, paraphrasiert sie, kürzt den Text, lässt die Protagonisten häufig bis zu fünfmalige enervierende Repetitionen einzelner Satzteile oder Worte singen und wartet dann zu Beginn des zweiten Aktes mit einer verblüffend neuen jazzartigen Kompositionen für Klingsors Zaubergarten auf. So gesehen war der musikalische Teil dieses Abends noch so ziemlich das erfreulichste, was ich  als Premierenbesucher erleben durfte.

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Copyright: Wiener Festwochen/ Jan Bauer

Die Hauptrollen bei Wagners Parsifal erscheinen bei Meese in einer bewusster Verballhornung, indem aus Parsifal Parzefool, aus Amfortas ein Amphortas, aus Gurnemanz ein Gurnemantz, aus Kundry Cundry und aus Klingsor Clingsore werden. Countertenor Daniel Gloger darf in Herkuleskostümierung seinen  fitnessgestählten Body begehrlichen Blicken offerieren und dazu noch in den allerhöchsten Tönen trommelfellattackierend im zweiten Akt im Dialog mit Kundry-Barbarella mehr brüllen als singen. Dass Lang für diese Rolle einen Countertenor vorgesehen hat, könnte dem Film Parsifal von Hans-Jürgen Syberberg aus dem Jahr 1982 verpflichtet sein, indem Parsifal darin einmal als Mann (Michael Kutter) und dann wieder als Frau (Karin Krick) auftritt. Magdalena Anna Hofmann hat als Kundry-Barbarella in höchstem Fortissimo ebenfalls  bisweilen alberne Texte zu singen. Ob alle Beteiligten wirklich so bereitwillig das Konzept Meese mittragen, wage ich zu bezweifeln. Aber die Künstler und Künstlerinnen wollen ja wieder engagiert werden und sich von daher wohl kaum weigern, Unsinniges auf der Bühne nicht darzustellen… Und so fügen sich Tómas Tómasson als Amfortas, Wolfgang Bankl als Gurnemanz und Martin Winkler als Klingsor mit bewundernswerter Geduld diesem unter dem Etikett „Gesamtkunstwerk“  zusammengekleisterten Machwerk von Regisseur Meese. Und rollenddeckend gesanglich wie darstellerisch waren noch die zwei Gralsritter Alexander Kaimbacher und Andreas Jankowitsch sowie die zwei Knappen Johanna von der Deken und Sven Hjörleifsson mit von der Partie. Die Barbiepuppenhaften Blumenmädchen mit grellen popartigen Perücken wurden von Manuela Leonhartsberger, Marie-Pierre Roy, Melody Wilson und Xiaoyi Xu in Französisch, der wohl sinnlichsten Sprache der Verführung gesungen. Der Arnold Schoenberg Chor unter Erwin Ortner gestaltete den gesanglichen Teil dieses in konzeptioneller Hinsicht eher langweiligen Abends zufriedenstellend. Und auch Simone Young am Pult des Orchesters des Klangforums Wien war an einer stringenten Umsetzung von Bernhard Langs Parsifal Überschreibung interessiert. Wie gerne hätte sie wohl das unverwechselbare Original vom großen RW dirigiert…

In den allgemeinen Jubel am Ende konnte ich nicht einstimmen und auch die Verbeugung des Allroundkünstlers Jonathan Meese mit für den Anlass völlig unpassenden Trainingsanzug fand ich schlichtweg als eine Geschmacksverirrung, einzig von dem manischen Gedanken getrieben: Ich will, ich muss einfach schockieren. Das, lieber Herr Meese, ist mir aber für einen Premierenabend im Rahmen der Wiener Festwochen doch ein wenig zu substanzlos und klischeehaft dürftig…                              

Harald Lacina                                                                 

 

 

 

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