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WIEN / Theater an der Wien: MATHIS DER MALER

13.12.2012 | Oper

 

   
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater an der Wien:
MATHIS DER MALER von Paul Hindemith
Premiere: 12. Dezember 2012  

Wenn wir das Theater an der Wien nicht hätten… Ja, es gibt tatsächlich Repertoirelücken zu stopfen für Wiener Opernfreunde. Die Staatsoper hat „Mathis der Maler“ zwischen 1958 und 59 siebenmal gespielt, Karl Böhm dirigierte, Paul Schöffler war der Titelheld, Lisa Della Casa die Ursula. Und wer damals nicht dabei war, hatte seither keine Gelegenheit, diese Oper auf einer Wiener Bühne zu sehen. Die gleichnamige Symphonie gab es immer wieder einmal (unter dem Motto „leicht verdauliche Moderne“) im Konzertsaal. Aber Hindemiths Bühnen-Opus Maius? Nun, das Theater an der Wien hat es  mit einer beeindruckenden Aufführung für unsere Zeit nachgeholt.

Dass ein wenn auch thematisch „historisches“ Bühnenwerk, das in der Nazi-Zeit entstand (und von diesen prompt verboten wurde, so dass die Uraufführung in die Schweiz auswandern musste), auch ein politisches Werk sein muss, ist klar. Hindemith hat sich auch den Text zu seiner Oper über den Maler Matthias Grünewald selbst geschrieben. Aber wie man die Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Adel und rebellierenden Bauern (und der Künstler zwischen allen Fronten) auf die damalige Welt umlegen könnte – das war Regisseur Keith Warner glücklicherweise völlig egal. Er hat uns die Banalität von SS-Uniformen auf der Bühne erspart, hat ein „historisches“ Werk inszeniert und doch eines, das gewissermaßen aus jeder realen Zeit herausgelöst ist. Seine Inszenierung funktioniert auf höchster Ebene als großes Gleichnis für Politik ebenso wie für die Künstlerproblematik.

Und das schafft er vor allem durch das grenzgeniale Bühnenbild von Johan Engels. Wer will, kann ihm Vordergründigkeit und Kitsch vorwerfen, aber tatsächlich muss man sagen, dass es lange nichts Vergleichbares gegeben hat. Der wahrlich geschundene Gekreuzigte, den Grünewald im Zentrum seines Isenheimer Altars malte, wird als überdimensionale Plastik zum optischen Angelpunkt des Geschehens. Aber nicht statisch, sondern über die Maßen mobil, immer mit Bühnenelementen verbunden, die auf der Drehbühne dann die jeweils nötigen Schauplätze erzeugen. Durchaus auch mit schaurigen Effekten des damaligen beginnenden 16. Jahrhunderts, wenn im Arbeitszimmer des Erzbischofs Albrecht von Brandenburg etwa lauter geschmückte Skelette in Glassärgen herumstehen – die damals so begehrten Leichen der Heiligen, der Reliquienkult blühte. Und wenn in Mathis‘ Traum die Monster kommen, dann kriechen sie im Stile von Hieronymus Bosch über die Bühne. Das Engelskonzert findet sich hingegen nur projiziert, wenn es für Regina ans Sterben geht.

Es ist eine Ausstattung, deren Opulenz immer im Dienst der Sache steht, und die Sache ist die, aus „Mathis der Maler“ auch optisch ein „großes“ Werk zu machen, so wie es musikalisch eines ist. Der Südafrikaner Johan Engels hat mit seinen Bühnenbildern wieder einmal gezeigt, was Phantasie und Bühnentechnik können (und glücklicherweise hat ihn offenbar niemand im Theater an der Wien mit dem Hinweis, das ginge nicht, oder mit: Das kostet zu viel, eingebremst). Wenn sich zum Finale die Torso-Teile des gekreuzigten Jesus mit Millimeter-Präzision wieder zusammenfügen, ist das nicht nur ein Symbol von hoher Aussagekraft für den Frieden, den Mathis am Ende findet, sondern auch für diese Inszenierung.

Keith Warner bedient das Geschehen innerhalb dieses Rahmens, und er ist als Handwerker da ein wahrer Meister der Logistik. Die Oper hat ja einen besinnlichen Anfang, stürmt aber in kürzester Zeit handlungsmäßig los und bringt zwischen religiösem Gezanke und kriegerischen Auseinandersetzungen jede Menge Dramatik auf die Bühne. Nach der Pause wird der Abend, der am Ende eine Spieldauer von dreidreiviertel Stunden akkumuliert, dann etwas länglich, nach der dramatischen Szene zwischen dem Erzbischof und Ursula hat Hindemith das Sterben der Regina und die quälenden Traumsequenzen des Mathis in voller Länge ausgedehnt. Aber glücklicherweise gehen Warner auch hier die Ideen nicht aus, die immer jene des Theaters sind – er braucht keine billige Zeitgeist-Ideologie, um sie aufdringlich dazwischen zu schieben.

Man weiß und hört, wie vielfältig und reichhaltig Hindemith mit Zitaten aus der Musikgeschichte gearbeitet hat, die sich völlig harmonisch in das große Ganze der Partitur fügen, die von Bertrand de Billy am Pult der Wiener Symphoniker mit geradezu stürmischem Impetus geleitet wurde. Der Chor hat hier viele große Aufgaben, und der Slowakische Philharmonische Chor erledigt sie glänzend, wofür sich auch Blanka Juhanakova als Leiterin verbeugte. Was die Stimmen betrifft, so hat Hindemith alle Sänger (in ihren jeweiligen Stimmlagen) auf ihre denkbar höchste Tessitura gestimmt, was auf jeden Fall hohe Anstrengung erfordert und fast nie zu „schönen“ Gesangslinien führt (mit Ausnahmen, wenn er Regina Lyrik erlaubt und Ähnlichem). Das Auseinanderklaffen von höchst tonalem Orchesterteil und hochgespannten, nicht immer angenehm anzuhörenden  Singstimmen könnte es gewesen sein, was einen Teil der Zuschauer in der Pause aus dem Haus trieb…

Wolfgang Koch ist Mathis. Man hat ihn als bemerkenswerten Telramund und schönen Barak erlebt (und er ist als der Wotan des nächsten Bayreuther Sommers angekündigt). So, wie er immer „schlampert“ auf der Bühne steht, würde er einen überzeugenderen Falstaff abgeben als einen hoch gespannten, von inneren Konflikten zwischen Kunst, Religion und Politik zerrissenen Künstler – das ermangelt schon jeder optischen Überzeugungskraft. Stimmlich ist er voll da, kann mit seinem starken Bariton jederzeit die Orchesterwogen durchschneiden, die sich vor ihm aufbauen. Dennoch, für den Titelhelden wirkte er schlechtweg zu wenig interessant, zu wenig präsent.

Dafür waren rundum ein paar Idealbesetzungen zu verzeichnen, so durchwegs bei den Damen. Manuela Uhl kam als Einspringerin zu ihrem Wien-Debut und war – schlank, dunkelhaarig und glühend präsent – nicht nur gut anzusehen, sondern auch eine starke Vertreterin ihrer schwierigen Rolle: In einer Szene ist sie, die leidenschaftliche Protestantin, bereit, „einen Pfaffen zu verführen“ – da sprühte es Funken zwischen ihr und Kurt Streit. Die wohl allzu liebliche Rolle der Regina war bei der jungen blonden Russin Katerina Tretyakova bestens aufgehoben, die alles an zartem Kitsch bot, inklusive einem Mimi-gleichen Tod. Eine spektakuläre Gräfin stellte Magdalena Anna Hofmann auf die Bühne.

Der Idealfall des Abends war Kurt Streit als Albrecht von Brandenburg – in dieser Art von Rollen, wo es nicht auf Schöngesang, sondern Gestaltung durch Spiel und Stimme ankommt, ist er perfekt. Sehr würdig schritt Franz Grundheber über die Bühne, unter vielen kleinen Aufgaben fiel Charles Reid als perfekter Intrigant auf.

Der Abend war, und das ist im Theater an der Wien vergleichsweise selten, von Anfang an nicht voll. Nach der Pause waren das Paar links von mir und das Paar rechts von mir verschwunden, mit ihnen ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zuschauer. Der Anspruch, den der Abend stellte, war offenbar nicht gering. Das Publikum folgte ihm gespannt, ohne Zwischenapplaus. Am Ende gab es viel Jubel – den größten für das Leading Team. Vollkommen berechtigt, wie man nur sagen kann. Hier ist bemerkenswert viel Intuition und Intelligenz für Hindemith und seinen „Mathis“ aufgeboten worden.

Renate Wagner

 

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