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WIEN / Theater an der Wien: LES CONTES D’HOFFMANN

20.03.2012 | Oper

Hoffmann und sein zweites Ich: Aris Argiris und Kurt Streit 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater an der Wien: 
LES CONTES D’HOFFMANN von Jacques Offenbach
Premiere:  19. März 2012 

Das ist ein für das Theater an der Wien im Grunde ungewöhnlicher Abend, denn Mainstream-Repertoire wie „Hoffmanns Erzählungen“ liegt nicht auf der Linie des Hauses und bringt auch nicht allzu viel, wenn man es nicht sängerisch hoch besetzen kann. Und das war, dies gleich voraus geschickt, an diesem Abend leider nicht der Fall. Er klang musikalisch übrigens im Ganzen so „trocken“, als hätten die Wiener Symphoniker in Gestalt von Riccardo Frizza irgend einen sturen Fundamentalisten alter Musik vor sich, der vor jedem Wohlklang zurückschreckt – und mit diesem hat Jacques Offenbach, wie wir wissen, wahrlich nicht gespart.

Das trockene Hörerlebnis hat wohl nichts mit der „Fassung“ zu tun, die ja bei „Hoffmann“ ein ewiges Spiel der Fachleute ist. Hier verwendet man, wie nachzulesen, jene „der letzten Hand“, wie sie Michael Kaye zusammengestellt hat, wo im Giulietta-Akt plötzlich alle beginnen, die Dialoge zu sprechen statt zu singen. Variationen gibt es bei „Hoffmann“ immer, dass es aber an diesem Abend absolut keine berauschende „Champagner-Musik“ war, wie der Regisseur sie nennt, steht fest.

Dieser Regisseur war das Medien-Atout der Aufführung. Man engagiert nicht alle Tage einen Filmregisseur, der so berühmt ist wie William Friedkin. Wobei gar nicht anzunehmen ist, dass das Publikum mit seinem Namen allein etwas anzufangen weiß. Aber sobald man „Der Exorzist“ sagt, ist alles okey – das war der Vater aller Filme, die danach Horror so schön mit Priesterkrägen verbunden haben und aus hübschen Menschen verzerrte Monster machten… Nun ist auch, je mehr man auf den originalen E.T.A. Hoffmann zurückgeht, natürlich „Hoffmanns Erzählungen“ eine enorm gespenstische Oper. Man konnte also erwarten, dass hier die Richtigen zusammen finden.

Was herauskam, war aber bloß eine brave, durchschnittliche, keinesfalls sonderlich einfallsreiche Aufführung, der man gerne zugesteht, das Werk zu erzählen. Mit ein paar geringfügigen Änderungen, erst einmal zu Beginn – die letzten Töne von „Don Giovanni“, Applaus, die Sängerin Stella verbeugt sich im Kostüm. Dann, erstaunlich, kommt der Bösewicht und singt die „Spiegel“-Arie, die sonst in Venedig stattfindet. Und man erkennt schnell, dass er akkurat aussieht wie Hoffmann: Schon wieder einmal das Doppelgänger-Motiv. Friedkin glaubt an das Gute und das Böse im Menschen –  der Gegenspieler sitzt also in Hoffmann selbst. So steht es jedenfalls im Programmheft. So richtig ändert die „Idee“ an der Sache aber nichts.

Da hat Michael Curry die Bühne gestaltet, der sonst auch für den Cirque du Soleil und Disney arbeitet (der „König der Löwen“ ist ihm wirklich schön gelungen): Ein bisschen Zirkusluft zu Beginn, wenn Lichtgirlanden im Hintergrund schwingen. Im allgemeinen bleibt es bei zwei Treppengerüsten, ein paar Versatzstücken und Projektionen. Olympia als Riesenpuppe, Antonias Mutter auf einer extra herabgesenkten Riesenleinwand, bei Giulietta im Touristen-Venedig zwischendurch eine Riesenwand mit Spielkartenmotiven. Das alles spielt heute, und diese Kostüme (Herbert Murauer) – in Luthers Keller die Prolos mit ihren Baseballkappen – wirken extrem reizlos. Kurz, das Ambiente haut nicht wirklich hin. Und die Oper läuft brav ab, interessiert nicht sonderlich und überrascht kaum.

Nun, zweimal vielleicht mit einer Mini-Idee: Als Antonia plötzlich etwas im Bett heftig umarmt, hat sie ein Skelett der Mama im Arm, ähnlich jenem, das Hitchcock in „Psycho“ hervorgrinsen lässt, als sich der Sessel zu Anthony Perkins dreht. Endlich! denkt man, vielleicht ist jetzt was los, man würde sogar schlechten Geschmack willkommen heißen, wenn er gegen Einförmigkeit hilft. Aber nichts mehr. Nur am Ende kämpft Hoffmann gegen Schlémil mit langen Rudern, wie sie die Gondolieri verwenden, auf „asiatisch“ – na ja, im Kino wirkt dergleichen überzeugender.

Ja, und dann gibt es noch ein kleines Rätsel: Wenn Hoffmann das Lied von Klein Zack singt, erscheint dieser – als Marionetten-Puppe. Und er sieht aus wie die allerschlimmste Juden-Karikatur, direkt aus dem „Stürmer“ abgekupfert. Und der Puppenspieler darf damit dann sogar noch eine Sondernummer abziehen. Bitte, was wollte uns der Regisseur damit sagen?

Was die Besetzung betrifft, so war der Abend alles andere als ein akustisches Fest. Was soll man mit einem so unleugbar großen Künstler wie Kurt Streit tun, der eine so hoffnungslos harte, scharfe Stimme hat, die er nie dazu bringt, etwas Wärme oder Glanz auszustrahlen? Man müsste ihn geradezu verurteilen, nur moderne Opern zu singen, wo es auf Klangschönheit nicht ankommt und er sein ganzes Können in den Dienst der guten, wenn auch im allgemeinen ungeliebten Sache stellen könnte… Dabei spielt er den Hoffmann ganz interessant als dümmlichen, ungeschickten Mann, und angesichts seiner Fehlgriffe in Liebessachen ist das ja prinzipiell nicht falsch. Es hilft nur nichts, wenn man aus der Hauptfigur anstelle eines romantischen unglücklichen Poeten nur einen – Unglückswurm macht.

Man hat offenbar Stimmen gesucht und gefunden, die Streit entsprachen: knochentrocken und mit Gewalt herausgestoßen klingt der Bariton des Griechen Aris Argiris, der als Erscheinung allerdings gute Figur macht. Mit der Muse der Roxana Constantinescu konnte sich das Publikum kaum befreunden, und das ist angesichts einer uninteressant scharfen Stimme einzusehen. Andreas Conrad quälte in vier Rollen, vor allem als Frantz, die Ohren der Zuhörer.

Mari Eriksmoen spielte eine witzige und sang eine achtbare Olympia, allerdings mit einer silbrig grundierten Stimme, und bekanntlich wirken die Koloraturen umso besser, je klarer und reiner die Stimme ist. Juanita Lascarro hörte sich als Antonia schwer überfordert an, schwang sich allerdings im Terzett mit der Mutter (Ann-Beth Solvang wird als „La voix de la tombe“ geführt, kein Wunder, wenn man sie als Skelett kennen lernt) und Miracle zu leidenschaftlichem, fast mitreißendem Impetus auf – eine Rarität an diesem Abend.

 Angel Blue, die Filmschönheit

Angel Blue lässt sich als Giulietta per Gondel herbeiziehen, als käme sie zu den Filmfestspielen von Venedig, und sie würde dort auch alle Blicke auf sich ziehen. Leider singt die dunkelhäutige Schönheit zwar passabel, aber lange nicht so gut, wie sie aussieht. Magdalena Anna Hofmann schließlich muss als Stella volle dreieinhalb Stunden (bis 22,30 Uhr) warten, bis sie ihre paar schrillen Phrasen los werden darf.

Martijn Cornet als Schlémil und Hermann, Oliver Ringelhahn als Spalanzani, Pavel Kudinov als Luther und vor allem Papa Crespel könnten in jeder im allgemeinen besser gesungenen Aufführung bestehen.

Am Ende gab es freundlichen Beifall, ein paar schüchterne Buh-Rufe gegen den Regisseur. Es steht jedenfalls fest, dass William Friedkin als Opernregisseur nie so berühmt sein wird, wie er es als Filmregisseur war…

Renate Wagner

 

 

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