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WIEN / Theater an der Wien: LES BOULINGRIN

23.01.2012 | Oper

WIEN / Theater an der Wien:
LES BOULINGRIN von Georges Aperghis
Konzertante Aufführung
23. Jänner 2012 

Der Ruhm des in Griechenland geborenen Komponisten Georges Aperghis, der in seiner Wahlheimat Frankreich nicht gering zu sein scheint, hat sich noch nicht unbedingt nach Österreich verbreitet. Die Frage bleibt offen, ob das der Fall sein wird, nachdem uns das Theater an der Wien mit dessen 70minütiger Kurzoper „Les Boulingrin“ bekannt gemacht hat, die er 2010 als Auftragswerk für die Opéra Comique in Paris schrieb. Damals schon übernahm das Klangforum Wien den kammerorchestralen Teil, und bei diesen Musikern, die zwar international zusammengesetzt, aber in Wien doch sehr verankert sind, dürfte der Zusammenhang liegen, dieses Werk nun konzertant ins Theater an der Wien geholt zu haben. Das für seine Verhältnisse übrigens  nicht übertrieben voll war. Und jene, die daheim geblieben sind, haben meines Erachtens den besseren Teil gewählt.

Was bekam man geboten? Grundlage ist eine Vier-Personen-Groteske von Georges Courteline, von der man auch dann kaum etwas versteht, wenn man leidlich Französisch spricht – die Musik ist zu laut und der Bürgerschreck-Autor spielte sich in seinem absurden Text zusätzlich mit Lautmalereien, die alles Gebotene noch verwirrender und verrückter machen. Hat man nachher in der Straßenbahn Zeit, das Stück im Programmheft zu lesen, ist es in seiner seelischen und äußeren Grobheit und Gemeinheit regelrecht abstoßend. Da kann man ja geradezu froh sein, es „nur“ mit einer konzertanten Aufführung zu tun zu haben.

Erzählt wird die Geschichte eines a priori unsympathisch hingestellten Schnorrers namens Des Rillettes, der sich zuerst beim Dienstmädchen erkundigt, ob er wohl beim Ehepaar Boulingrin gut unterschlupfen und es sich an ihrem Tisch regelmäßig gütlich tun kann (solche Leute hat man schon gern). Das Dienstmädchen, das sich über kurz oder lang als total verrückt herausstellt, versichert, alles sei bestens – aber für den Rest der Handlung fallen die Boulingrin nur noch über einander und dabei auch über Des Rillettes her, bis ihn und uns nach 70 wahrlich furchtbaren Minuten das Knallen eines Champagnerkorkens erlöst: Auf diesen Champagner hatte der Schnorrer bisher vergebens gewartet…

In diesen 70 Minuten steht Emilio Pomarico  (der erste Dirigent, den ich erlebt habe, der abseits einer Generalprobe im Pullover dirigiert) vor seinen zehn Klangforum-Musikern und entfesselt die schlimmste Katzenmusik, die man sich vorstellen kann, ein entsetzliches Gequietsche und Gejaule der Instrumente, das überdies immer gleich einförmig ist, so weit der Abend auch fortschreitet. Dabei hat – das ist wohl lustig gemeint – der Mann am Schlagzeug noch ein paar Sonderfunktionen: er sägt andächtig an einem Glas, hantiert lautstark mit Pfannen, knallt Flaschen scheppernd herum, probiert, welche Töne aneinander geriebene Kaffeeschalen ergeben. Was soll man sagen? Es kommt nicht mehr darauf an.

Denn dazu jaulen dann noch die Sänger – Lionel Peintre als Des Rillettes (klein, bebrillt, Halbglatze, aus den Wolken stürzend angesichts der Diskrepanz von erwartetem Ideal und erlebter Wirklichkeit) meist mit Lauten des Entsetzens, Madame Edwige Bourdy die ganze Skala der möglichen Töne hinauf und hinunter zankend, Monsieur Vincent Bouchot meist weinerlich, aber auch recht ekelhaft, und das Dienstmädchen Donatienne Michel-Dansac vordringlich überhaupt nur Sprachbrocken gackernd und  jodelnd.

Es war eine Qual. Doch als ich nach dem Ende aus dem Raum stürzte, jellten noch laute Bravo-Rufe in meine leidgeprüften Ohren.

Renate Wagner

 

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