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WIEN / Theater an der Wien: LE COMTE ORY

16.02.2013 | Oper

 

WIEN / Theater an der Wien:
LE COMTE ORY von Gioachino Rossini
Premiere: 16. Februar 2013 

Rossinis vorletzte Oper “Le Comte Ory”, geschrieben für die Pariser Premiere von 1828 unter großzügiger (man könnte auch sagen: schamloser) Wiederverwendung eigener Musik und Einfälle, hat sich auf unseren Bühnen lange Zeit keiner sonderlichen Beliebtheit erfreut. Vielleicht fand man eine Nonnenklamotte eher für das Kino geeignet (wo es sie des öfteren gibt) als für die Opernbühne. Und die Bettszene zu dritt muss man auch erst in den Griff bekommen. Trotz einer Menge prachtvoller Musik, vor allem in den Chören, aber auch in irrsinnig herausfordernden Arien für die Protagonisten, ließ man im allgemeinen von diesem Werk die Finger.

Und dann setzte die Wiederentdeckung sozusagen gleichzeitig ein – im Jänner 2011 in Zürich (mit der Bartoli), im März 2011 an der Met mit der Sensationsbesetzung Florez, Damrau, DiDonato (glücklicherweise auch auf DVD erhältlich). Das Theater an der Wien hat – obwohl der Direktor doch gar nicht so auf Heiteres steht – in weiser Voraussicht in Zürich mitproduziert. Und konnte sich nun einen der stürmischsten Erfolge sichern, den er in seiner Ära bisher erzielt hat.

Und das war gar nicht so leicht, denn der „Comte Ory“ ist von der Dramaturgie her (auch wenn Eugene Scribe, ein erfolgreicher Theaterschreiber, am Libretto beteiligt war), ziemlich schwach. Im Original befinden wir uns zur Kreuzzugszeit, die Herren sind alle weg, wieso der freche Graf Ory es geschafft hat, mit immerhin einer stattlichen Anzahl von Freunden zuhause zu bleiben, wird nicht geklärt. Jedenfalls setzt er den einsamen Frauen nach, vor allem der Comtesse Adèle – und da gibt es für jeden der beiden Akt nur ein einziges Handlungsmotiv, das gedreht und gewendet wird: Im ersten verkleidet Ory sich als Eremit, um die Dame zu verführen, im zweiten sucht er als „Nonne“ in ihrem Hause Schutz vor Gewitter (und seine ganze Gefolgsmeute, ebenfalls im Nonnengewand, hinterdrein). Da wird manches, was eigentlich szenisch nichts hergibt, musikalisch immer noch gedreht und gewendet, so dass am Ende ein Drei-Stunden-Abend herauskommt, aber eine überzeugende Geschichte wie in doch vielen anderen Rossini-Opern wird hier absolut nicht erzählt.

Wahrscheinlich könnte das Ganze auch als Kreuzritter-Blödelei funktionieren, aber das unzertrennliche Regieteam Moshe Leiser & Patrice Caurier hat mit der „Übersetzung“ in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts und in ein kleines französisches Dorf (mit de Gaulle-Gemälde an der Wand und einem putzigen Citroen, der einhertuckert) keine schlechte Wahl getroffen: Der erste Akt ist Bühnenbildner  Christian Fenouillat (mit dem großen Wohnwagen für den Eremiten) zwar nicht sonderlich reizvoll gelungen, aber das Wohnzimmer mit Blumentapete, Bürgerlichkeit in schlimmster Art, wirkt dann schon sehr komisch (und die Kostüme von Agostino Cavalca passen und verschandeln die Damen nicht, was nicht jede Kostümbildnerin von sich behaupten kann…). Die Geschichte lässt sich ohne größere Gewalt in diesem Rahmen so erzählen, dass sie mehr oder minder stimmt, und sie wurde bis ins szenische und vor allem darstellerische Detail durchdacht.

Wenn man auch vielleicht – selbst auf die Gefahr, zimperlich zu erscheinen – nicht alles goutiert: Dass der Graf Ory begeistert an seiner Angebeteten schnuppert, na gut, vielleicht kann sie sich Chanel 5 leisten, aber dass er das auch an ihrem Hintern tun muss wie ein Hund… na bitte. Aber diese Oper ist nun einmal auf Grob-Komik angelegt, man denke nur an die Szene, wo die Nonnen-Herren allein gelassen in ihre Weinflaschen fallen, aber ganz schnell ins  Gebet versinken, wenn jemand ihre Party stört… das ist so meisterlich inszeniert, so präzise, so gescheit in seiner Blödheit, dass man vor dem Team Leiser / Caurier nur den Hut ziehen kann. Auch für ihre vielen kleinen Bosheiten, ob sie die weiblichen Dorfbewohnerinnen sanft auf die Schaufel nehmen oder die heimkehrenden Männer am Ende als wahre Krüppel auf die Bühne schleppen, die dennoch dem französischen Eros (französische Fahnen werden genug geschwenkt!) genügend Ehre machen, um ihre Angetrauten fast umweglos zu bespringen… Kein elegantes Finale, aber ein wirksames.

Und schließlich haben die beiden eine einspringende Sängerin in nur zwei Tagen in ihre Inszenierung eingepasst, dass jedes Detail stimmte – Kompliment, allerdings auch für die Dame, die neben Ausstehen und Stimme noch jede Menge Köpfchen mitgebracht hat.

Beginnen wir gleich mit ihr, die nicht nur Pretty Yende heißt, sondern auch in hohem Maße „pretty“ ist, ein kaffeebraunes Gustostück einer jungen, großäugigen Frau, die diese Gräfin vielleicht naiv, aber gar nicht dumm spielt, immer weiß, was sie tut, Humor und Beweglichkeit bietet und eine reine Freude ist. Anzusehen und anzuhören – man würde ja gerne „A Star is Born!“ jubeln, aber das haben schon die New Yorker vor uns getan, wir können nur dem Theater an der Wien danken, dass es nach der Absage von Cecilia Bartoli – womit der Abend, ehrlich gesagt, seinen einzigen wirklich „Starnamen“ verlor – dafür gesorgt hat, dass hier eine vollwertige Besetzung auf der Bühne steht. Die Stimme – ja die Stimme! Man kann sie nicht anders als „strahlend“ bezeichnen, es ist ein kraftvoller Sopran, der aber durchaus auch Rossini-leicht geführt wird, der wie mühelos die Koloraturen staccato perlt und Spitzentöne in den Zuschauerraum wirft, die einen Opernfreund nur berauschen können. Pretty, pretty, diese Pretty (und das Wörterbuch weiß, dass pretty nicht nur für „hübsch“ steht, sondern auch für „bezaubernd“, „charmant“, „reizend“ oder „herrlich“).

Beim Lob für den Tenor wird man ein wenig zurückrudern, wenngleich Lawrence Brownlee seinen Ruhm vor allem im Rossini-, aber auch Donizetti- und Bellini-Fach verdient, denn das ist eine schöne, starke Tenorstimme, die in die höchsten Höhen klettert und alle nötigen Kunststücke (stellenweise lässt Rossini den Ory ja geradezu „meckern“) meistert. Freilich, einen glaubhaften Liebhaber wird er mit seiner Statur nie abgeben, und ein Darsteller-Künstler ist er auch nicht gerade, aber wenn es je grob und ungeschliffen zugehen darf, dann ja wohl bei dieser Übermuts-Posse.

Die dritte Hauptrolle wäre der Page Isolier, der mit der sehr hübschen, schlanken Regula Mühlemann eher leichtgewichtig besetzt ist, vor allem käme man angesichts ihres netten, hellen Stimmchens nie auf die Idee, dass man es eigentlich mit einem Mezzo zu tun haben sollte. Nach dem Ausfallen von Cecilia Bartoli ist Liliana Nikiteanu als Hausmütterchen Ragonde die einzige, die von der Züricher Besetzung übrig geblieben ist. Die Regisseure haben sich so viel Komisches für sie ausgedacht, dass der geringere stimmliche Anteil ihrer Leistung nicht so ins Gewicht fällt.

Der Direktor, der verkühlt vor den Vorhang kam, um die neue Hauptdarstellerin anzukündigen und die Grippe-Welle zu bedauern, entschuldigte Peter Kalman als Erzieher des Prinzen, aber die Rolle ist nicht so groß, dass man Beeinträchtigung gemerkt hätte. Pietro Spagnoli als Raimbaud, Orys Spießgeselle, musste bis zur Mitte des zweiten Aktes auf seine wirklich große Arie warten, wenn er der Nonnen-Brut ihren Weinvorrat bringt, aber das sang und spielte er dann so hinreißend, dass es zu einem Höhepunkt des Abends wurde, an dessen Gelingen auch der Arnold Schoenberg Chor (geleitet Erwin Ortner) einen erklecklichen Anteil hatte.

Im Orchestergraben musizierte das Ensemble Matheus  unter Jean-Christophe Spinosi, und obwohl sie schon allerlei Rossini aufgeführt haben, klangen sie doch nicht unbedingt wie eine optimale Besetzung für diesen Komponisten – so blitzblank und klar, wie dieser sich anhören sollte, war es nicht immer, aber so, wie der Dirigent begeistert vor ihnen herumruderte, übertrug sich das auf die Musiker, dann auf die Bühne, schließlich in den Zuschauerraum. Man lachte nicht nur mit der Szene, man lachte auch mit der Musik, und so soll es sein.  

Das Publikum klatschte sich am Ende – vor allem angesichts seines neuen „Lieblings“ – in wahre Weißglut. Dann passierte etwas, was man bei Musical gewöhnt ist und was bei der Operette öfter stattfindet, aber bei Oper wohl nie: Jean-Christophe Spinosi, längst zum Verbeugen auf der Bühne, dirigierte von oben hinab, und es gab das Da Capo einer großen Chorszene mit Solisten (und nochmals den strahlenden Spitzentönen der jungen Diva). Darauf hörte sich das Gebrüll des Opernglücks aus dem Publikum an, als wäre man am Fußballplatz und feierte mindestens den Sieg eines Ländermatches. Nun ja – im (Freundschafts-?)Spiel der Rossini-Premieren siegte Wienzeile gegen Opernring schätzungsweise zehn zu null…

Renate Wagner

 

 

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