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WIEN / Theater an der Wien: LA STRANIERA (Premiere 2)

17.01.2015 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

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WIEN / Theater an der Wien: 
LA STRANIERA von Vincenzo Bellini
Premiere 2 am 16. Jänner 2015 

Krieg der Diven? Die Gruberova von Marlis Petersen herausgefordert? Das ist Journalisten-Blödsinn. Jeder Opernfreund, der ein bisschen Ahnung hat, kann sich die Frage, warum das Theater an der Wien die Titelrolle der „Straniera“ doppelt besetzt, selbst beantworten.

Wir haben es mit einem Stagione-Haus zu tun, das sechs bis sieben Aufführungen einer Produktion bieten muss, um seine Abonnenten und Interessenten zu befriedigen. Siebenmal diesen Bellini-Kehlkopf-Brecher gewissermaßen im Zwei-Tage-Takt zu singen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann sicher sein, hätte die Gruberova es gewollt, niemand hätte ihr eine Kollegin zur Seite gestellt. Dass sie es nicht gewollt hat, ist nur vernünftig.

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Alle Fotos: Monika Rittershaus

Und dass diese Kollegin Marlis Petersen ist, erklärt sich leicht – nicht nur damit, dass sie diese Rolle bereits vor einem Jahr im Aalto-Theater in Essen gesungen hat (wohin sich diese Loy-Inszenierung auch verirrt hat). Ihre Beziehung zum Theater an der Wien ist eine glanzvolle und intensive für beide Seiten: Roland Geyer wählte sie für die drei Frauenrollen im „Hoffmann“, als er persönlich eine schief gegangene Inszenierung mit neuer Besetzung „verbesserte“; sie war eine sensationelle Elettra in der schrägen Michieletto-Inszenierung des „Idomeneo“; und sie bot dem Haus mit ihrer (Grazer Konwitschny-) „Traviata“ einen besonderen Erfolg. Sie ist für die Straniera solcherart eine logische Wahl, zumal ihr „Fach“ zwischen Koloratur und Dramatik changiert, und sie trat mit einem neuen Tenorpartner zur zweiten Premiere an.

In der Petersen und dem Amerikaner Norman Reinhardt hat die Produktion nun ein schlankes, jugendlich wirkendes Protagonisten-Paar, das der Dynamik der Aufführung gut tut. Marlis Petersen steht nicht wie eine erstarrte Trauerweide herum, sondern leidet an ihrem Außenseitertum, ihrer aussichtslosen Liebe und den aufgehäuften Schicksalsschlägen mit überzeugender Lebendigkeit. Um ihre Stimme muss man keine Angst haben, die Schnitzer sind vergessenswert, die Technik meistert alles, von den langen, getragenen Piano-Phrasen bis zu den dramatischen Attacken, wobei sie keine Selbstzweck-Brillanz pflegt, sondern auch Kehlkopfakrobatik in den Dienst des Ausdrucks stellt. Das Vergnügen – und natürlich soll auch tragische Oper ein Vergnügen für das Publikum sein! – wird nur dadurch ein wenig getrübt, dass ihre Stimme nicht genuin schön ist. Eine erstklassige Besetzung für die Straniera ist sie jedenfalls.

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Bei dem Amerikaner Norman Reinhardt erhebt sich über die baritonale Mittellage eine leichte, gut geführte, interessant metallisch legierte Stimme ohne Höhenprobleme, die durchwegs beste Wirkung erzielt. Im übrigen – so sehen auch Liebhaber aus (möglicherweise mit anderer Haartracht noch besser), und vielleicht wird man in Zukunft von diesem Tenor (bisher vor allem in Leipzig tätig, einer der Taminos der Bregenzer Festspiele) noch mehr hören. Man könnte es sich gut vorstellen.

Ein Rätsel gab an diesem Abend die Isoletta auf, war sie doch bei der ersten Premiere geradezu penetrant strohblond und erschien plötzlich mit dunkelbraunem Haar. Kurze Überlegung, ob man die Dame vielleicht ausgetauscht hat, aber das Programmheft erzählte nichts dergleichen, und was man hörte, klang bekannt und seit den zwei Tagen davor leider nicht verbessert. Es war wohl ohne Zweifel wieder Theresa Kronthaler.

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Weniger gut bei Stimme als bei der ersten Premiere war Franco Vasallo, wieder ließ der Baß von Stefan Cerny positiv aufhorchen, sonst alles beim Alten. Prachtvoll wieder der vom Komponisten so verschwenderisch bedachte Arnold Schoenberg Chor, wieder ein positiver  Eindruck das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das unter der Leitung von Paolo Arrivabeni besonders schön die leidenschaftlichen und dramatischen Passagen der Musik realisierte.

Bescherte die Inszenierung von Christof Loy neue Erkenntnisse? Ein Chor darf nicht herumstehen, das ist heutzutage zu Recht verpönt, wenn man ihn aber so wild herumscheucht, wie es hier meist geschieht, macht es auch nicht viel Sinn. Erzählt wird Stückwerk, von Szene zu Szene, handwerklich perfekt gemacht, wobei man gerne zugesteht, dass Loy versucht hat, den Darstellern zu ihren unglaubhaften Geschichten wenigstens so etwas wie glaubhafte psychologische Reaktionen zu geben.

Im übrigen setzt die Inszenierung erkennbare Zeichen – die Stricke, die vom Schnürboden (Nomen est Omen) herabhängen, sollen wohl von der Lust einer Gesellschaft, den Einzelnen zu binden und gar aufzuhängen, erzählen (und in einer Szene baumelt ja auch eine Kleiderpuppe, die die Straniera darstellt). Ja, und einen Koffer gibt es auch, aus dem die Titelheldin königlichen Schmuck holt, um ihn später wegzuwerfen. Koffer – seit Mime (es war Heinz Zednik!) 1976 im ersten Akt des Bayreuther „Siegfrieds“ von Patrice Chereau seine Koffer packte, sind diese zum „fatalen Requisit“ jeder modernen Inszenierung geworden…

Vergessen wir aber nicht die Hoffnungslosigkeit des Regie-Unternehmens – jede Verrücktheit und Verfremdung hätte die Geschichte nicht wesentlich gescheiter gemacht. Bedenkt man, dass man sich die Hälfte der Handlung sparte, wenn der Sopran bei der ersten Umarmung des Baritons ein erläuterndes „Fratello!“ geseufzt oder geschluchzt hätte, es gäbe keine Eifersucht, keinen Mord, keinen Prozeß… Und der historische Hintergrund der Geschichte, das Programmheft erklärt ihn? Dass ein französischer König eine geliebte Frau heiraten wollte, aus Staatsräson eine ungeliebte nehmen musste und die geliebte irgendwo „parkte“, in der Hoffnung, die andere stirbt, worauf man die Straniera zur Königin ausruft? Möglicherweise hatte König Philipp II. August von Frankreich wirklich so ein wildes Privatleben… trotzdem: Damit strapaziert man selbst ein Opernlibretto ganz gewaltig.

Egal, wollte man angesichts der Musik, die beim Wiederhören noch schöner wurde, wirklich auf dieses Bellini-Werk verzichten? Nie und nimmer. Also, allen Einwänden zum Trotz: Danke für die „Straniera“.

Renate Wagner

 

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