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WIEN/ Theater an der Wien: LA STRANIERA. Eine szenisch nicht zu realisierende Oper

25.01.2015 | Allgemein, Oper

LA STRANIERA Besuchte Aufführung: 24.01.2015, Premiere: 16.01.2015

Eine szenisch nicht zu realisierende Oper

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 Im Vergleich zu Norma, der Sonnambula und den Puritanern hatte es Vincenzo Bellinis vierte Oper ungleich schwerer, sich auf den europäischen Bühnen zu behaupten. Die Uraufführung des melodramas in zwei Akten fand am 14. Februar 1829 am Teatro alla Scala in Mailand statt. Dem Libretto von Felice Romani liegt der Roman „L’Étrangère“ von Charles Victor Prévôt, vicomte d’Arlincourt (1789-1856) zu Grunde. Der gleiche Stoff aber wurde auch von François Ponsard (1814-67) in seiner Tragödie „Agnès de Méranie“ (1847) verarbeitet.

Das Opernhaus Zürich hat nun gemeinsam mit dem Theater an der Wien diese „Straniera“ koproduziert und die beiden halsbrecherischen Hauptpartien der  Adelaide und des Arturo vernünftiger Weise gleich doppelt besetzt.

Marlis Petersen hat die Rolle der Alaïde bereits vor einem Jahr im Aalto-Theater in Essen in eben dieser Inszenierung von Christof Loy gesungen, die man nun auch im Theater an der Wien zeigt. So hanebüchen das Libretto ob seiner Verwicklungen, die an die Schicksalstragödien eines Zacharias Werner erinnern, wirkt, die Handlung dieser Oper beruht auf einem historischen Vorbild. König Philipp II. August von Frankreich heiratete 1193 die dänische Prinzessin Ingeborg. Kurze Zeit später aber ließ er die Ehe mit Ingeborg annullieren und heiratete 1196 Agnes-Marie von Andechs-Meranien. Ingeborg wurde inhaftiert und Papst Innozenz III. verhängte über den in Bigamie lebenden französischen Monarchen das Anathema und drohte ihm mit Exkommunikation. Daraufhin wurde Agnes vom König verstoßen, der seinerseits wiederum Ingeborg an den Hof zurückholte. Agnes, die sich auf Schloss Poissy zurückgezogen hatte, starb dort wenig später 1201 nach der Geburt ihres Sohnes Tristan.   

Unbenannt

Das Bühnenbild von Annette Kurz gleicht dem Inneren eines Schiffes, bei dem vom Oberdeck Seile in den Rumpf hinabhängen. Möglicherweise findet diese Ausstattung ja in Zeiten, in denen man rigoros den Sparstift bei Theaterproduktionen ansetzen muss, auch für eine Tristan und Isolde Inszenierung Verwendung? Die schwarz verschleierte Alaïde huscht über die Szenerie, alle beäugen sie mit großem Misstrauen und ihre Rivalin Isoletta, kostümiert im Sissy-Look (Kostüme: Ursula Renzenbrink), durchleidet einen hysterischen Anfall nach dem anderen, sodass für das Publikum bereits jetzt feststeht, Arturo wird eine solche Frau wohl niemals ehelichen…

Schnell stempelt das Volk jener Tage die geheimnisvolle Fremde zur Hexe und fordert, nachdem ihr der Tod von Barone Valdeburgo und Arturo zur Last gelegt wird, ihren Tod, woraufhin der wild gestikulierende Chor die sich heftig zur Wehr setzende Alaïde unsanft hin- und her schubst. Das Publikum konnte bei so viel an unfreiwilliger Komik die Lacher kaum unterdrücken. Die Pradler Ritterspiele hatten sich mit dieser Inszenierung wohl die geweihten Räume des Theaters an der Wien erobert. Und selbst der Rezensent musste sich dabei ertappen, dass er an derbem Humor durchaus Gefallen finden kann. Als gegen Ende der Oper dann die Hochzeit zwischen Arturo und Isoletta stattfinden soll, dieser seine Gemahlin in spe vorausschickt und man über ihre Naivität, sich so einfach fortschicken zu lassen, nur wundern kann und als sie sich dann abgehend noch mehrmals nach ihrem geliebten Arturo umdreht, kann man das Lachen kaum mehr unterdrücken. Die Inszenierung ob des tragischen Stoffes ist wahrlich zu einer Farce à la Wirtshaus im dritten Akt des Rosenkavaliers ausgeartet.

Regisseur Christof Loy hat das Problem der eigentlichen Unmöglichkeit, eine solche abstruse Handlung stringent auf die Bühne zu stellen, erkannt und scheut daher auch nicht vor eigenwilligen Tableaus schon zu Beginn der Oper zurück, wo das Ende vorweggenommen wird, indem sich Isoletta über den Leichnam ihres Arturo beugt, diesen zärtlich küsst. Doch dieser erwacht dann unvermutet aus seinem komatösen Schlaf und die eigentliche Handlung der Oper setzt nun ein. Und das groteske Element wird auch in den Kostümen wieder gespiegelt. Nicht nur im Sissy-Kostüm von Isoletta, auch die Fremde sieht in ihrer schwarzen Robe aus wie Morticia A. Addams. Requisiten wie Krone und Schmuck, den Alaide aus einem Koffer hervorholt, in Reminiszenzen versunken liebevoll anlegt, um ihn später wieder von sich zu schleudern, gehören mittlerweile zum Standard- und Verlegenheitsrepertoire unzähliger  Inszenierungen, zumindest seit Patrice Chereau, wenn nicht schon früher.   

Schloss – Wald – Gericht, das sind die drei Schauplätze dieser Oper, die sich im Einheitsbühnenbild lediglich dadurch voneinander unterscheiden, dass verschiedene Vorhänge in der Ästhetik des britischen Fotografen David Hamilton vom Schnürboden herabgelassen bzw als riesengroßer Hintergrundprospekt von Mitgliedern des Chores hochgehalten werden.

Es war der Abend von Marlis Petersen als Alaïde. Mit ihrer ausgewogenen Technik meisterte sie sämtliche halsbrecherischen Koloraturen, die extremen dramatischen Attacken bis hin zu den lyrisch getragenen Piano-Phrasen. Ihre Straniera gerät solcherart durch eine überwältigende Bühnenpräsenz zu einem Erlebnis der Sonderklasse. Sie beklagt im Liegen ihre aussichtslose Liebe zu Arturo und leidet nachfühlbar daran, als Outcast vom König verbannt worden zu sein.

Der US-amerikanische Tenor Norman Reinhardt als Arturo, Conte di Ravenstel, ist ein adäquater Partner der Petersen ohne Höhenprobleme. Allerdings driftete manches wohl auch auf Grund des Dirigates von Paolo Arrivabene vom Belcanto in den Verismo ab. Möglicherweise war diese musikalisch veristische Darbietung der Straniera auch deshalb intendiert, um von den allzu vielen Unzulänglichkeiten des Librettos abzulenken? Und wegen seiner seelischen Zerrissenheit hat ihm Bellini auch keine eigene Arie komponiert.

Theresa Kronthaler trat als Isoletta zunächst mit dunkelbraunem Haar auf, später in Blond und dann wieder mit braun, ein Wechsel wohl einem Wechsel ihrer  seelischen Befindlichkeiten zuzuschreiben. Zu den hysterischen Anfällen dieser larmoyanten Figur passte auch ihr eher scharfer Sopran.

Franco Vassallo ließ mit markigem Bariton als Barone Valdeburgo, Bruder von Alaïde, aufhorchen. Auch er präsentierte seine Partie in veristischem Stil. Akzente setzte nach der Pause auch Stefan Cerny mit auffallend schönem Bass als Priore degli Spedaliere. Martin Snell war ein besorgter rollengerechter Brautvater Signore di Montolino. Der Bösewicht der Oper, der Intrigant Osburgo, wurde von Vladimir Dmitruk, einem Mitglied des Jungen Ensembles des Theaters an der Wien mit messerscharfem Tenor mehr als rollengerecht dargeboten.

Der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor schwelgte in den von Bellini großzügig vorgesehenen Passagen. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien musizierte unter der Leitung von Paolo Arrivabeni besonders leidenschaftlich und färbte so Bellinis Musik veristisch ein.

Der lang anhaltende Applaus, mit vielfachen Bravorufen durchzogen, dauerte etwa 15 Minuten.                                                          

Harald Lacina

 

 

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