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WIEN / Theater an der Wien: LA DONNA DEL LAGO

10.08.2012 | Oper

WIEN / Theater an der Wien:
LA DONNA DEL LAGO von Gioachino Rossini
Premiere: 10. August 2012

Gäbe es nicht die DVD einer 20 Jahre alten Scala-Aufführung, Rossinis „La donna del Lago“ wäre dem Opernbesucher hierzulande seit Menschengedenken nicht untergekommen. Dabei war diese „Seria“ aus dem Jahre 1819 bald nach ihrem Entstehen in unseren Breiten sehr populär. Man ermisst das beispielsweise daran, dass diese „Dame vom See“ oder „Das Fräulein vom See“, wie diese Vertonung eines Walter-Scott-Textes auf Deutsch genannt wurde, etwa Johann Nestroy mehrfach untergekommen ist, als er in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts noch als Bassist tätig war und die Rolle des alten Douglas sang.

Die alte Scala-Inszenierung (von jener von 2011 gibt es leider keine komplette optische Aufzeichnung, nur Bröckchen auf YouTube) wurde damals von Muti dirigiert, also ist die Regie von Werner Herzog entsprechend ausgefallen. Er verlegte die Geschichte historisierend dorthin, wo sie vom Original her hingehört, ins schottische Hochland, See und Schloß sind auch dabei – dass man sich trotzdem (Kostüme!) wie bei Wilhelm Tell fühlt, macht nichts, denn die Verwandtschaft zwischen diesen beiden Werken wurde oft festgestellt: Rossini in der Bergwelt, mit all seinen kompositorischen Seria-Künsten (wenn auch im Grunde ohne das musikalische Lokalkolorit, das manche hören mögen – und manche eigentlich nicht vernehmen). Eine solche Inszenierung der Geschichte über „Frau zwischen drei Männern“ war von Christof Loy natürlich nicht zu erwarten. Dass er sich nicht die Mühe gemacht hat, sich wirklich mit dem Werk an sich auseinanderzusetzen, ist allerdings bedauerlich, denn der Mann hat ja auch schon gezeigt, dass er ganz hervorragende Inszenierungen bieten kann. Nun, das ist keine. Es sind wieder einmal nur – Ideen!

Natürlich kann der Regisseur sich ausreden – was er zeigt, soll eine Art Traumspiel sein. Elena ist kein schottisches Adelsfräulein mehr, sondern ein unscheinbares Mädchen in einem schottischen Hintertupfinghausen, die klassische Außenseiterin. Sie träumt sich in alles Mögliche hinein (und dann ist ja bekanntlich alles erlaubt), und Realität und Wunsch mischen sich zu einem untrennbaren, undurchschaubaren Mix. Was Rossini als Happyend gedacht hat, das die Heldin überwältigt (was sich auch musikalisch ausdrückt), ist hier eine Art hektisch-hysterischer Anfall rund um die erträumte Hochzeit mit einem Traummann (ein König!), und so wird dann auch eine grandiose Arie musikalisch zertrümmert – wie das ganze Werk in Stücke gelegt wird. Denn was man zu sehen bekommt, hat natürlich mit Rossinis Oper, weder mit der Scott-Handlung noch mit der Musik (!), das geringste zu tun.

Was an den „modernen Regisseuren“ besonders ärgert, sind die eigenen Klischees, die sie sich verfertigen – jeder hat eine „Masche“, und dass Theater auf dem Theater gemacht wird, gehört dazu. Darum ist eine Art Wirtshaus mit Bühnenöffnung im Hintergrund der ständige Rahmen. Schottland demonstriert sich in einem Kilt (und in der Wollmütze der Heldin – es ist dort bekanntlich kalt), der titelgebende See wird in ein paar Ruderbewegungen abgefeiert – und sonst?

Ja, da ist eigentlich wenig mehr als eine Kleinstadtsatire daraus geworden, die in den optisch so scheußlich unattraktiven fünfziger Jahren spielt (Ausstattung: Herbert Murauer) und sich selbst schrecklich lustig findet: Wenn die schottischen „Rebellen“, die zum Kampf aufbrechen, hier ein paar Jammergestalten sind, die sich um Bierdosen raufen und am Ende des ersten Aktes – eigentlich sollten sie bitte in die Schlacht stürmen – gemütlich davonschleichen… Das gibt auch noch einen verwirrend-verzögerten Aktschluß: Achtung, Pointe!

Man kann von dieser Inszenierung nichts fordern, was sie nicht geben will (nämlich das Stück und die Figuren), aber man darf sich doch wundern, was einem der Regisseur so alles zum Aufdröseln gibt. Hat man das Programmheft vorher nicht gelesen, dann weiß man nicht, dass er die Figur des dritten Liebhabers überflüssig findet – es ist bloß jener, der die Heldin eigentlich „kriegt“, aber das hat ihn nicht interessiert. Nun ergibt sich die totale Verwirrung, wenn Malcolm, als Hosenrolle vorgesehen, nicht als Mann, sondern als Frau erscheint, mehr noch, optisch als totales Ebenbild von Heldin Elena. Das gibt nun Weibergeschmuse, aber weil man wirklich nicht annehmen will, dass hier eine lesbische Lösung angestrebt ist und man sich auch nicht vorstellen kann, dass Elena eine Zwillingsschwestern (als Liebhaberin…) hat, muss man eben an ein Alter Ego denken. Das passt vorn und hinten nicht (darum muss dieser Malcolm zwischendurch die identischen Elena-Kleider ausziehen und im Kilt erscheinen…), und es geht vor allem mit dem Happyend nicht zusammen. Macht nichts, Elena bekommt bei Loy den König, der im Original eigentlich großmütig auf sie verzichtet. Und ehrlich, es kommt nicht mehr darauf an.

Denn alles ist dermaßen verdreht, falsch und nur auf Veräppelung (oder sollen wir sagen „Verarschung“?) ausgelegt, dass man die elementare Frage gar nicht mehr stellen will: Welchen Sinn macht es, ein Stück, das einfach unter schottischen Edelleuten spielt (soll sein auch noch im 16. Jahrhundert) und dem mit Rossinis prachtvoller, repräsentativer und dabei psychologisch wirklich raffinierter Seria-Musik perfekt entsprochen wird, in irgendwelche fünfziger Jahre zu stellen und sich noch und noch Jokus dazu einfallen zu lassen, der nichts damit zu tun hat? Da tanzen dann nämlich auch plötzlich irgendwelche Ballettmädchen, die wohl aus Giselle oder Schwanensee entsprungen sind, durchs Geschehen… (Ein Gastspiel aus Edinburgh in Scottish-Hintertupfinghausen?)

Wer hier mitwirken darf, hat nicht das große Los gezogen, und Wien bekommt nicht einmal – wie die Zuschauer in Genf, die zuerst mit dieser Produktion beglückt wurden – die gerühmte Goldstimme der Joyce DiDonato zum Ausgleich. Die schwedische Cross-Over-Sängerin Malena Ernman muss sich mit Wollmütze (auch im Innenraum), dickem Mantel und schäbigen Kleidchen herrichten lassen wie Kohlhiesels Tochter (nein, Mädchen, in dich verliebt sich kein König, nicht im kühnsten Traum), und sie hat auch keine wirklich schöne Stimme. Allerdings ist sie als Schauspielerin begabt, aber sie hat sich vom Regisseur in eine Art von Überaktivität hineinjagen lassen, die zwar von Nervenzuständen zeugt (ein gewisses Sonnambula-Vewirrungs-Gehabe ist ihr gelegentlich nicht abzusprechen), aber aus der Heldin (zumal in der geradezu empörend schief gesungenen letzten Arie) auch eine Art Komikerin macht. Dass die „Donna del Lago“ zu den Buffe von Rossini gehört, hat man gar nicht gewusst.

Obwohl auch der Rossini-Freund  zugeben wird, dass man in dieser Oper gelegentlich lächeln muss – vor allem, wenn der Komponist die beiden Tenöre gegen einander hetzt und diese sich in extremen Spitzentönen attackieren und damit quasi auf höchster Opernebene duellieren. Aber das kann auch sehr brillant und dramatisch sein, nicht nur schlechtweg blöd wie hier. Vor allem, wenn die Herren dann zum Kampf die – Taschenfeitel ziehen. Das ist die Fallhöhe zum Original, aber nein: Wozu hopsen denn die Tänzerinnen herum? Die bringen dann den beiden Protagonisten Riesenschwerter – mit dem Ergebnis, dass alles noch lächerlicher wird…

Als König Giacomo versucht der Brasilianer Luciano Botelho mit der Stimmgewalt des Amerikaners Gregory Kunde als Rodrigo mitzuhalten, was nicht leicht ist, zumal Kunde noch aus parodistischen Gründen den Schmettertenor nach allen Regeln der Kunst forcieren und ausstellen muss. Die Schmierenkomödie feiert fröhliche Urständ’.

Keine Pracht ist der eher trockene, resonanzlose Bass von Maurizio Muraro als Papa Douglas, während die Armenierin Varduhi Abrahamyan als „Alter Ego“ ihr Elena-Original durch einen schönen, vollen, satten Mezzo stimmlich mühelos aussticht.

Der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) bekam viel zu tun und tat es laut und schön (als welch erbärmliche Figuren sie über die Bühne geistern mussten, steht auf einem anderen Blatt), das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Leo Hussain war flott unterwegs, nicht immer fehlerfrei im Kontakt zur Bühne, aber für diese Aufführung reichte es. Rossini-Wonnen waren da nirgends zu gewinnen.

Die Buh-Rufe gegen das Leading Team klangen sonor und waren hoch verdient. Der Beifall klang noch lauter – wie immer.

Renate Wagner

 

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