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WIEN / Theater an der Wien: LA CALISTO (konzertant)

16.09.2012 | Oper

WIEN / Theater an der Wien: 
LA CALISTO von Francesco Cavalli
Konzertante Aufführung
16. September 2012 

„La Calisto“ von Monteverdi-Schüler Francesco Cavalli ist eines der 17. Jahrhundert-Werke, die für unsere Zeit wirklich und wahrhaftig wieder entdeckt wurden und häufig gespielt werden. Die Geschichte um einen der Seitensprünge von Zeus ist hier mit hinreißendem, überbordendem Humor, viel Lyrik und etwas Dramatik zu einem musikalischen Meisterstück zusammengeschmolzen. Szenisch hat man es bei den Festwochen 2003 in der Brüsseler Inszenierung von Herbert Wernicke (und die war wunderbar!) gesehen (davor auch schon, Ehre wem Ehre gebührt, 1998 in der Wiener Kammeroper).

Nun gab es eine „konzertante“ Aufführung im Theater an der Wien, aber das zehnköpfige Ensemble agierte dermaßen lebendig, rollengerecht und auf einander eingehend, dass man ihnen nur Kostüme hätte anziehen müssen (und ein paar Gobelins in den Hintergrund hängen) – und schon hätte die Geschichte quasi szenisch gestimmt. An Lebendigkeit ließ der Abend jedenfalls nichts zu wünschen übrig, auch wenn er sich im Salon von Penelope, sprich, im Bühnenbild von „Ulisse“ begab. Aber da Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset auch dort tätig sind, blieb man ja in vertrautem Terrain.

Die Sänger befanden sich, wie man so schön sagt, auf der Höhe ihrer Aufgaben: Die blonde Deutsche Christiane Karg gab die Titelheldin mit schönem lyrischen Sopran, die temperamentvolle Italienerin Francesca Russo-Ermolli, ganz in Rot, zickte die eifersüchtige Juno, dass es nur so eine Freude war. Temperamentvoll in Spiel und Gesang verkörperte die Norwegerin Ann-Beth Solvang als Diana die zweite umschwärmte Dame des Stücks, Milena Storti machte mit klingendem Mezzo aus der Linfea eine amüsante Charakterstudie, und Sabina Puértolas gab mit durchdringender Stimme einen kleinen Satyr – vielleicht hat das Rollenprofil sie dazu veranlasst, sich absolut wie ein zuckender Popstar zu gebärden. (Das soll wohl das Crossover für ein – ohnedies hier nicht vorhandenes – jugendliches Publikum sein?)

Jupiter verkleidet sich bekanntlich bei seinen Eroberungen gerne, und wenn er Diana spielt, dann schmückt sich Giovanni Battista Parodi mit Perücke und einem Schal und singt absichtlich schauerlich im Falsett – es ist komisch gemeint, also ist er goldrichtig. Der Spanier Borja Quiza (gegen den machtvollen Parodi geradezu schmächtig wirkend) soll als Mercurio einfach der Begleiter sein, da sieht man ihm einen etwas trockenen Bariton nach. Noch ein Bariton: Ludovic Provost als unterhaltsamer Waldgott.

Aber es waren zwei Tenöre, die extra aufhorchen ließen: Der von William Christie entdeckte Cyril Auvity sang mehrere Rollen und hatte als La Natura die ersten Töne des Abends – eine wirklich besonders schöne Stimme, was sich noch mehrfach erwies. Der Countertenor des Abends war der Katalane Xavier Sabata (kahlköpfig, mit mächtigem schwarzen Bart) als der in Diana verliebte Endimione, und das war wirklich eine Überraschung – einen so „angenehmen“ Altus, der fast eine „normale“ Mittellage hat und mit seinen hohen Tönen nicht erschreckt (es gibt Kollegen, die  einen bekanntlich mit sägenden Tönen aus dem Sessel heben) ist ungewöhnlich und angenehm.

Den Chor, wo nötig, sangen alle gemeinsam – nur den Schlusschor (im Programmheft abgedruckt) hatte der Dirigent gestrichen, wodurch der Abend ein poetischeres, aber etwas abruptes Ende nahm, was das Publikum etwas verdutzte. Als man begriff, dass es schon aus war, gab es den vollen Applaus, auch für Dirigenten und Orchester, die hier mehr in den Vordergrund traten als bei „Ulisse“, Cavallis vielschichtige Musik geradezu liebevoll modulierend.

Seltsam übrigens: So schwach besucht hat man das Theater an der Wien kaum je erlebt. Hoffentlich haben die konzertanten Aufführungen, die man so konsequent neben den szenischen anbietet, nicht den Reiz für das Publikum verloren. Wer bei „Calisto“ nicht dabei war, hat jedenfalls etwas versäumt.

Renate Wagner

 

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