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WIEN / Theater an der Wien: IOLANTA / FRANCESCA DA RIMINI

20.01.2012 | Oper

                              
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater an der Wien:
IOLANTA von Peter Iljitsch Tschaikowski  
FRANCESCA DA RIMINI von Sergei Rachmaninow
Premiere: 19. Jänner 2012 

Bis vor kurzem hätte man noch sagen können, dass es sich bei Tschaikowski  „Iolanta“ und Rachmaninows „Francesca da Rimini“ um zwei relativ unbekannte Kurzopern handelt, aber seit das Tschaikowski-Werk in Baden Baden und bei den Salzburger Festspielen für die Netrebko „entdeckt“ wurde, ist es ein Begriff. Man könnte es sogar zur Not allein spielen, denn mit seinen eindreiviertel Stunden ist es auch nicht kürzer als etwa die „Salome“.

Aber im Theater an der Wien steckt hinter der Paarung der letzten Tschaikowski-Oper von 1892 mit dem frühen Rachmaninow von 1906 (übrigens auch seine letzte Oper, obwohl der Komponist noch bis 1943 lebte) ein übergreifendes Regiekonzept des britischen Regisseurs Stephen Lawless. Sollte es dabei wirklich nur um „eingesperrte Frauen“ gehen, wie man aus dem Programmheft-Interview mit dem Regisseur den Eindruck gewinnen könnte, wäre der Aufwand dafür gewaltig – denn im zweiten Stück wird gleich der ganze Archipel Gulag auf die Bühne gebracht. Wobei die Idee, dass dieser ein greifbares Analogon zu Dantes Hölle darstellen könnte, nicht so abwegig ist…

Iolanta ist die blinde Tochter des Königs der Provence und wird, wenn auch in bester Absicht, im goldenen Käfig gehalten, damit ihr nichts geschieht. Francesca stammt aus Dantes „Göttlicher Komödie“ und lebt wegen Ehebruchs als Schatten in der Hölle. Beide Libretti stammen von Tschaikowskis Bruder Modest Iljitsch, das erste Werk als „Märchen“ ohne konkrete Vorlage gedacht, das zweite nach Dantes „Inferno“ gestaltet, wobei in der Rahmenhandlung Dante von dem Schatten Vergils in diese Unterwelt geführt wird.

So gänzlich überzeugend stellt sich der Zusammenhang zwischen den Stücken nicht her, aber die Optik hilft: Benoît Dugardyn hat einen Bühnenraum gebaut, der zuerst wie „a nutshell“ wirkt, eine große, schützende Schale in Weiß, geradezu zuckerbäckerartig ausgestaltet, um Iolanta darin leben zu lassen, nur dass die Hofleute des Originals hier vordringlich Krankenschwestern sind. Die Kostüme von Jorge Jara erzählen nicht wirklich, wann die Geschichte spielen soll: Wenn sich die Bühne von Iolantas Gemach wegdreht, erweist sich die Rückseite als metallische Halbkugel, vor der die übrigen Herrschaften auftauchen – der Vater kann ebenso Militär wie ein aktueller russischer Oligarch sein, die Liebhaber kommen auf Skiern und tragen heutige Gewänder, der Arzt wirkt zeitlos moslemisch, nur das Krankenhauspersonal wirft zum chorischen Happyend seine Uniformen ab und zeigt sich ja doch wohl in zaristischem Gewand? Man soll nicht zu viel grübeln.

Auch nicht darüber, dass sich plötzlich, in das ehrlich gemeinte Tschaikowski-Happyend (die Blinde wird schließlich sehend und bekommt außerdem noch den Mann, den sie liebt und vice versa!), ein beängstigender roter Stern über dem Geschehen erscheint und Soldaten hereinstürmen, die ihre Waffen auf die eben noch glücklichen Protagonisten richten… Sie gehören, wie man nach der Pause schnell begreift, zum zweiten Stück, wo die Halbkugel nach wie vor da ist (ihr Innenraum hat sich allerdings von Iolantas weißem Zimmerchen in eine „rote“ Bibliothek verwandelt) und wo es zusätzlich jede Menge eiserne Treppen und Galerien gibt, wie man sie aus Gefängnisfilmen kennt.

Und während Stephen Lawless das erste Werk in dem manchmal seltsamen Ambiente noch geradlinig auf seine Handlung hin inszeniert hat, so findet sich der Zuschauer nun statt bei Dante (oder gar der Renaissance) in der grausamen Welt des Archipel Gulag (wieder mit rotem Stern), wo als Ersatz für die Hölle die bedauernswerten Insassen von Uniformierten herumgehetzt werden, sich ausziehen müssen, hektisch über die Treppen getrieben werden … viel Aufwand für eine Sache, die in nuce ja die Dreieckshandlung vom empörten Gatten und dem unglücklichen Liebespaar ist (das dann am Bibliothekstisch ziemlich zur Beischlaf-Sache schreitet). Das scheint nun erdrückend viel für diese Geschichte, wenn die Musik von Rachmaninow auch um einiges dramatischer und gewalttätiger ist als die ausschwingende Lyrik Tschaikowskis. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier ganz gewaltig um des Inszenierens willen inszeniert wurde…

Auf „gewaltig“ hatte es auch Dirigent Vassily Sinaisky am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien angelegt, wo immer er die Musik „donnern“ lassen konnte, geschah es, und vermutlich hat auch er die Sänger zu dem mächtigsten Stimmaufwand angeregt, zu dem sie fähig waren. Der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) leistete diesbezüglich jedenfalls auch Gewaltiges.

Die beiden Titelrollen interpretierte Olga Mykytenko, die schon mit der vordringlich lyrischen Iolanta an ihre Grenzen geriet, wie viel mehr mit der Francesca mit ihren stellenweise wahnwitzigen Höhen. Wie viele russische Stimmen ist auch diese eher hart und schmal, und so war die Dame nicht unbedingt jenes strahlende Zentrum, das der Abend benötigt hätte.


Olga Mykytenko, Saimir Pirgu. Foto: Barbara Zeininger

Saimir Pirgu, den wir seit der „Don Giovanni“-Premiere vor über einem Jahr nicht mehr an der Staatsoper gesehen haben (und der dort auch längere Zeit nicht vorgesehen ist), ist gut eine Nummer größer geworden – in jeder Hinsicht. Bemerkenswert, wie die Stimme an Kraft und Umfang zulegt hat, er kann metallisch schmettern (und tut es auch reichlich), ist aber auch glücklicherweise noch zu Mezzavoce-Passagen fähig. Der schlanke, wendige Jüngling ist ein Mann geworden, gerade 30 und schon der Ansatz eines Doppelkinns, er soll aufpassen, dass er kein gestandener Mann wird, so gut, wie er (noch) aussieht, sollte er die nächsten zwei Jahrzehnte durchhalten. Die Beispiele von Kaufmann bis Vogt zeigen, dass die Optik in solch optischen Zeiten wie den unseren sich höchst förderlich auf eine Karriere auswirkt. Zumal ihm mit der gegenwärtigen Verbreiterung seines Materials schon einige Rollen über sein bisheriges Fach hinaus offen stehen.

Die gewaltigste Stimme des Abends (wenn man sagt: „eine Röhre“, ist es als Kompliment gemeint) kam von Dmitry Belosselsky, erst als Vater, dann als Gatte, ein russisch-rauer Bass, wie er im Buche steht. Der in der Staatsoper gut bekannte Dalibor Jenis (mit wüster Haarpracht und unübersehbarer Erscheinung) war nur im ersten Stück als Rivale des Tenor aufgeboten, musste sich aber seinerseits von einer Tänzerin (!) verführen lassen (Barbora Kohoutková, ganz „klassisch“ auf der Spitze tänzelnd). Ladislav Elgr und Vladimir Baykov, in der „Iolanta“ in kleinen Rollen unterwegs, waren im zweiten Stück Dante und Vergil und betrachteten das Chaos, das der Regisseur entfesselt hat.

Ja, überfrachtet hat er zumal das zweite Stück ohne Zweifel. Aber eindrucksvoll genug, dass es keinerlei Widerspruch im Publikum gab und der Beifall stark, wenn auch nicht über die Maßen enthusiastisch ausfiel.

Renate Wagner

 

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