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WIEN / Theater an der Wien: IL TROVATORE

26.05.2013 | Oper

 

Wiener Festwochen/ Theater an der Wien:
IL TROVATORE von Giuseppe Verdi
KOPRODUKTION Wiener Festwochen, Staatsoper Unter den Linden, Berlin
Premiere:  26. Mai 2013

Moderne Inszenierungen sind Denkspiele für das Publikum. Verzweifelt versucht man „nach-zu-denken“, was der Regisseur sich gedacht haben mag. Etwa so: Der „Troubadour“ ist vom Libretto her wohl Verdis berüchtigtste Oper. Man mag daran heruminszenieren, was man will, am Ende ist und bleibt es Blödsinn. Warum also überhaupt versuchen, einen Sinn hineinzupressen? Machen wir doch gleich den Blödsinn daraus, der es ist, zeigen wir ihn, stellen wir ihn aus, absurdes Theater, Parodie, Posse. Geht doch auch?

Ja, geht auch, wenn man den Publikumsjubel im Theater an der Wien bedenkt, der ein paar Einwände gegen das Regieteam in der allgemeinen Begeisterung untergehen ließ. Es hat also offenbar sehr gefallen, was Regisseur Philipp Stölzl sich für Verdis „Troubadour“ einfallen ließ. Damit beendeten die WienerFestwochen den dreijährigen Zyklus des berühmten „mittleren Trios“ des nunmehrigen Jahresregenten – und schicken die Tragödie in zweifellos ungewohntem Gewand ins Rennen.

„Gewand“ ist ein Schlüsselwort, denn die Ästhetik ist  – zumal in den Kostümen (Ursula Kudrna) –  ein entscheidender Teil des Konzepts. Einmal abgesehen von der Nebenrolle der Inez, die so, wie sie ist, offenbar aus Achim Freyers Volksopern-„Cenerentola“ herbeigeeilt scheint, stammen alle aus dem Kinderbuch, dort, wo die Zeichner ganz bunt, ganz grell, ganz komisch gelaunt sind. Ein bisschen Commedia dell’arte oder Comic lässt gleichfalls grüßen – grundsätzlich gilt also, Verdi, den Komponist der menschlichen Seelenregungen, gänzlich aus jedem realistischen Kontext zu lösen und in eine totale Kunstwelt zu versetzen. Und das mit eiserner Konsequenz.

Das beginnt mit der ersten Aktion, wenn Fernando nicht etwa wie ein normaler Hauptmann einherkommt, der den Wachsoldaten schaurige Geschichten aus der Familienchronik der Lunas erzählt: Er hüpft, er tänzelt, er verzerrt sich kunstvoll, als wäre er das tapfere Schneiderlein im Kinderballett, und analog muss sich der Chor (und das dann den ganzen Abend, auch wenn sie „Zigeuner“ oder eigentlich Zirkusleute spielen) wie eine wackelnde Dodel-Kompagnie aufführen. Machen wir uns lustig, je ernster, umso bunter, mit bedeutungsvollen Blicken und künstlicher Körpersprache. Puppentheater. Kindertheater. Jux und Tollerei.

Stölzl hat zusammen mit Conrad Moritz Reinhardt selbst die Bühne geschaffen: Zwei spitz auf einander zulaufende Wände, die aus an die hundert quadratischer Paneele bestehen, wirken auf den ersten Blick als total geschlossener Raum. Er kann sich aber je nach Bedarf verwandeln, Türen öffnen, Fenster (aus denen man auf die Bühne rutscht), auch aus der Versenkung taucht so mancher auf. Ein Einheitsraum, der ohne weitere Dekoration und Verwandlung für alle Szenen gilt, die ja keinerlei realistische Notierung mehr benötigen. Dafür kann man die Wände mit jeder Art von Videos bestücken (das erledigte, wie beim Staatsopern-„Ring“, fettFilm), da rinnt bei Bedarf auch Blut à la Nitsch-Schüttbild herunter, da gibt es Schattenspiele (Graf Luna schaurig mit Henkersbeil an die Wand geworfen), aber nicht alle Assoziationen überzeugen (Blumenvase, wenn es am Ende ganz grauslich wird?). Trotz der zeitsparenden Ausstattung dauerte der Abend dann zweidreiviertel Stunden – und sie wurden nicht unbedingt kurzweilig. Denn auf die Dauer ist, selbst wenn alles logistisch funktioniert, das Kindertheater, die puppenhafte Parodie nicht sonderlich packend.

Vor allem, weil der musikalische Teil manches schuldig blieb, was vor allem an dem Dirigenten Omer Meir Wellber am Pult des Radio-Symphonieorchesters Wien lag. Für den grandiosen Schwung und die dunkle Schönheit der Partitur hatte er gar kein Händchen, dafür dehnte er die Musik bis zum Geht-nicht-mehr und offenbarte, wenn überhaupt etwas, ihre Leierkasten-Qualitäten (also genau das, was Verdi nicht verdient).

Der Abend ist eine Koproduktion der Berliner Staatsoper Unter den Linden (derzeit im Schillertheater), die für ihre Premiere im November Anna Netrebko, Aleksandrs Antonenko und als Luna Placido Domingo ankündigt. Die Wiener Festwochen haben hingegen eher bescheiden besetzt, allerdings mit Sängern, die bereit waren, sich völlig auf das Konzept einzulassen, das heißt, mit Impetus sich selbst und ihre Figuren lächerlich zu machen. Das kann nicht einfach gewesen sein.

Die Italienerin Carmen Giannattasio sang – mit einer lächerlichen Krause an der Taille des Kostüms, die sie nicht zu einer Velasquez-Infantin, sondern zu einer Parodie einer Verdi-Heldin macht – die Leonora. Mit riesig rot umschminkten Augen unter einer enormen roten Mähne und in einem Gewand mit Colombina-Muster stapfte die Russin Marina Prudenskaya als Azucena wie eine Mischung aus Struwwelpeter und Rumpelstilzchen herum – im Kinderstück könnte sie auch den Löwen spielen. Der Pole Artur Rucinski tänzelte den Grafen Luna als lächerlichen Finsterling, und Manrico (Yonghoon Lee, aus der Staatsoper bekannt) trägt eine Riesen-Mandoline am Rücken – er ist ja der Troubadour. Sein hohes „C“ rutschte ihm bald wieder weg. Der ungarische Bass Gábor Bretz ließ als Ferrando eine schöne Stimme hören, was man nicht von jedem Beteiligten an diesem Abend sagen konnte. Selbst der Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner) wirkte angesichts der „wackligen“ Bewegungs-Anforderungen nicht so souverän wie sonst.

Dem Publikum hat es gefallen, es klatschte – wie erwähnt – heftig.

Renate Wagner

 

 

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