Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Theater an der Wien: HERZOG BLAUBARTS BURG/ GEISTERVARIATIONEN. Premiere

19.06.2015 | Allgemein, Oper

Béla Bartók / Robert SchumannHERZOG BLAUBARTS BURG / GEISTERVARIATIONEN 19.6. 2015                 
Tritt Andrea Breth in Christoph Marthalers Fußstapfen?

Blaubart_c_Bernd_Uhlig
Herzog Blaubarts Burg. Foto: Bernd Uhlig

Eigentlich sollte sich ein Bericht über diesen Abend auf den ersten Teil beschränken, denn der zweite Teil war schlichtweg inakzeptabler Bocksmist! Aber der Reihe nach: Bei einer Aufführung von Béla Bartóks „A kékszakállú herceg vára“ mit seiner rund einstündigen Aufführungsdauer stellt sich die Frage, mit welchem Werk könnte man dieses Werk verbinden. Nahestehend wäre natürlich eines der beiden Ballette von Bartók. In Hamburg, Frankfurt und Budapest hat man den Blaubart gleich im Doppelpack geboten, einmal aus der Sicht Blaubarts und nach der Pause aus der Sicht Judiths. Oder aber man kombiniert mit einem der zahlreichen Operneinakter, von Puccini, Martinů über Hindemith, die Liste kann beliebig lang fortgesetzt werden.

Bartók komponierte seine einzige Oper im Jahr 1911 nach einem Libretto von Béla Balázs (1884-1949). Uraufgeführt wurde sie am 24. Mai 1918 im Königlichen Opernhaus in Budapest. In seinen Ursprüngen geht der Blaubart-Stoff auf ein französisches Märchen zurück. Die Handlung ist vielschichtig und vieldeutig. Der Ritter wurde, so eine der vielen Deutungsversuche, einst in die Dunkelheit gestoßen wurde, aus der er ausbrechen möchte. Zu diesem Zwecke bedient er sich der „femininen Lichtkräfte der Psyche“ (vgl. Clarissa Pinkola Estés: Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München 1992) und stellt diese auf die Probe. Von seinem unstillbaren Machtrausch getrieben löscht er aber das Licht wieder aus und tötet dadurch jede seiner Frauen. Gleich den Untoten kann er selber daher niemals erlöst werden. Der Schlüssel zur letzten Kammer, der siebenten, stellt trotz des anfänglichen Verbotes, diese zu öffnen, gleichsam die Aufforderung an Judit dar, die tiefsten Abgründe von Blaubarts zerrütteter Seele aufzudecken. Das Geheimnis hinter dieser siebenten Türe aber liegt in der Zerstörung des weiblichen kreativen Potentials. Grob gesprochen ist es also der ewige Kampf der Geschlechter, der für das „schwache“, weibliche tödlich endet.

Das historische >Vorbild für Blaubart könnte Gilles de Montmorency-Laval, Baron de Rais (1404-1440), Marschall von Frankreich, ein Sadist und Knabenserienmörder des 15. Jhd. gewesen sein.

Den „Andrea Breth“-Stil an Tristesse tragen Martin Zehetgruber als Bühnenbildner mit, der wie gewohnt graue eintönige Räume aneinanderreiht, die durch die Drehung der Bühne hintereinander erscheinen. Eva Dessecker ist diesem Motto verpflichtet, indem sie das handelnde wie stumme Personal der Oper möglichst unattraktiv einkleidet.

Die Räume beispielsweise, eine Waffenkammer, die Schatzkammer, der Garten sollten, hört man genau auf Bartóks Musik alle prächtig und reizvoll aussehen, bis zu dem Moment freilich, wo sie sich blutrot färben, was wohl ohne ausgeklügelte Technik oder Videoprojektionen auf der Bühne nicht darzustellen ist. Der sattsam bekannte und oft zitierte Film von 1981 mit Sylvia Sass und Kolos Kováts hatte da freilich ideale Mittel zur Darstellung dieser (alb)traumhaften Seelenräume eingesetzt. Dennoch sind Andrea Breth in der Personenführung einige interessante Details gelungen. So merkt man sofort, dass Blaubart nur die Finsternis gewohnt ist und daher gleich in der ersten Kammer immer wieder an deren Wände anrennt, weil er sich als „Untoter“ in der Helle nicht mehr zu Recht findet. Auch steht zu Beginn bereits ein alter Mann stumm im Hintergrund, der dem treu ergebenen Faktotum aus zahlreichen Draculafilmen ähnelt. Und dieses Faktotum wischt sodann im ersten Raum das am Küchentisch klebende Blut immer wieder ab, gleich den Mägden in Richard Strauss‘ Oper „Elektra“. Den Kampf der Geschlechter führt die Regisseurin dann ironisch vor, indem Judit und Blaubart am Küchentisch sitzend um eine Flasche Wasser streiten, die jeder an sich ziehen will. Im weiteren Verlauf der Oper erscheint dann immer mehr stummes Personal, das abgeschnittene Blumen und Kleidungsstücke für Judit bereithält. Alles wirkt von Anbeginn wie ein Gefängnis, in das nicht einmal für einen kurzen Moment die Strahlkraft von Judits Weiblichkeit einzudringen vermag. Blaubart darf in Breths Sichtweise, die Frau auch erniedrigen, indem er sie einmal an den Haaren von einem Zimmer in das andere führt, dann wieder an einer Halskette wie einen Hund zum nächsten zerrt. Obsessive Fantasien von Personen beiderlei Geschlechts mögen darin eine gewisse Bestätigung ihrer sexuellen Vorlieben vorfinden.

Der Ungar Gábor Bretz hat die Partie des Herzog Blaubart bereits an der Mailänder Scala gesungen, routiniert mit männlich virilem Bariton in der Kehle, weniger dämonisch, als seelisch zerrüttet. Perfekt in der Diktion und äußerst bühnenpräsent den ganzen Abend über. Die französische Mezzosopranistin Nora Gubisch hatte da, schon allein von der Aussprache des Ungarischen mit seiner schwierigen Vokalharmonie, einen viel schweren Ausgangspunkt in der Rolle der Judit. Neben einiger Aussprachemängel hörte sich ihre Stimme bisweilen äußerst scharf an. Darstellerisch wirkte sie auch mehr devot als selbstbestimmt, was ich bei Andrea Breth eigentlich nicht nachvollziehen kann. Möglicherweise trägt aber für diese Sicht eine gerade aktuelle Befindlichkeit der Regisseurin Schuld.

Kent Nagano bot als Leiter des Gustav Mahler Jugendorchester einen soliden, wenn auch nicht impressionistisch leuchtenden Bartók.

Geistervariationen_11
Geistervariationen“:  Foto: Bernd Uhlig

Nach der Pause dann Robert Schumanns letzte Komposition, bevor er in die Nervenheilanstalt eingeliefert wurde. Seine „Geistervariationen“, mit einer Länge von ungefähr zwölf Minuten, von denen Schumann behauptet hatte, Engel hätten sie ihm diktiert.  Und das Publikum wartet natürlich gespannt auf die große Pianistin Elisabeth Leonskaja. Zu kurz für einen Abend dachte sich wohl die Regisseurin und quälte das Publikum, das sich offenbar in der Rolle des Masochisten oder der Masochistin gefiel mit einem völlig uninspirierten Vorspiel, in welchem die Insassen dieser Nervenheilanstalt sinnlose Sätze von sich geben und Radiatoren putzen. Einziger witziger Lichtblick ist der steppende Schauspieler aus dem International Theater in Wien, Grant McDaniel. Das Ganze dauert mehr als eine halbe Stunde, hätte eigentlich einen Orkan des Protests auslösen können, tat es aber nicht. Nur ein Dutzend Besucher und Besucherinnen tat das einzig Richtige und verließ still den Zuschauerraum. Der Rezensent sah sich leider verpflichtet, dieses traurige Schauspiel bis zum Ende über sich ergehen zu lassen. Elisabeth Leonskaja spielt übrigens die „Geistervariationen“ unsichtbar hinter einer geöffneten Türe der Hinterbühne, so verhalten, dass ein Großteil des Publikums im Zuge der sich langsam verdunkelnden Bühne (Licht: Alexander Koppelmann) das Naheliegende tat, nämlich einschlief. Es gab am Ende wieder erwarten auch keine Buhrufe für Andrea Breth für diesen, vor allem im zweiten Teil, völlig misslungenen Abend, dafür hatte die Regisseurin schon gesorgt, indem sie nicht alleine zur Verbeugung auf die Bühne trat. Mehr Mut hätte ich mir von Frau Breth eigentlich schon erwartet, aber sie ist halt auch kein Hans Neuenfels oder wie weiland bei seiner Faust-Inszenierung an der Wiener Staatsoper Ken Russell. Höflicher Applaus für alle Beteiligten, mehr war es nicht.                                     

Harald Lacina

 

Diese Seite drucken