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WIEN/ Theater an der Wien: HANS HEILING von Heinrich Marschner. 3. Aufführung

19.09.2015 | Oper

Marschner – HANS HEILING – Theater a.d. Wien, 3. Aufführung am 18.10.2015

(Heinrich Schramm-Schiessl)

Es gibt Opern, die kennt man aus dem „Opernführer“, hat vielleicht – so wie ich – die eine oder andere Aufnahme davon in seinem Archiv, aber man kennt davon bestenfalls ein oder zwei Stücke wirklich.. So ein Werk ist Heinrich Marschners 1833 – also zwischen Webers „Freischütz“ und Wagners „Holländer“ – uraufgeführte Oper „Hans Heiling“. Man kennt davon die Ouvertüre und – weil sie manche Baritone auf ihre Arienplatten genommen haben – die Arie des Hans „An jenem Tag“. Bei mir kommt noch dazu, daß ich in meiner Jugend eine Wahltante hatte, die, damals schon sehr betagt, seit ihrer Jugend in die Oper gegangen ist und, neben anderen heute kaum mehr gespielten Werken, auch über den „Hans Heiling“ schwärmte. Tatsächlich wurde das Werk in der „Alten“ Hof- bzw. Staatsoper durchaus öfter gespielt. Die erste Produktion gab es bereits zwei Jahre nach der Eröffnung des Hauses im Jahre 1871 und brachte es bis 1896 auf immerhin 53 Vorstellungen. 1912 gab es dann eine Neuproduktion, die es allerdings bis 1924 nur mehr auf 12 Vorstellungen brachte.

Heinrich Marschner schrieb insgesamt 18 Opern, von denen sich eigentlich nur „Hans Heiling“ und sogar noch etwas mehr „Der Vampyr“ haöbwegs in den Spielplänen behaupten konnten. Vom Österr. Rundfunk gibt es von beiden Opern Studioproduktionen aus den 50er-Jahren, wobei im „Hans Heiling“ Hilde Konetzni die Königin und der junge Waldemar Kmentt den Konrad singt.

Vom Stil der Musik her ist er ein typischer Romantiker, der allerdings die musikdramatische Entwicklung der folgenden Jahre erahnen läßt. Nicht umsonst wird von Musikwissenschaftler behauptet, daß sich Wagner durchaus auch mit der Musik Marschners befaßt hat, und in manchen Passagen des Werkes glaubt man doch bereits Wagnerisches zumindest zu erahnen.

Die Handlung des Stückes besteht – wie zahlreiche andere Werke dieser Zeit – darin, daß sich ein überirdisches Wesen – diemal ein junger „Mann“ – in ein Erdenmädchen verliebt und wie in fast allen diesen Werken geht die Geschichte naturgemäß nicht gut aus. Leider ist, wie bei vielen heute fast vergessenern Opern, das Libretto (Eduard Devrient) einigermaßen durchwachsen. Die sicherste Art und Weise, diese Werke wieder zu erwecken ist, sie „vom Blatt“ zu inszenieren, oder zumindest die Geschichte einfach zu erzählen. Direktor Roland Geyer, der diesmal sebst für die Inszenierung verantwortlich war, tat dies im großen und ganzen, konnte aber der Versuchung doch nicht widerstehen, in das Werk einzugreifen. Da er der Meinung war, dass das Publikum heute an Überirdischem nicht mehr interessiert sei– warum dann so viele Menschen in Fantasy-Filme gehen, frage ich mich – deutete er die Ausgangsposition dahingehend um, dass Hans Heiling in der Kindheit und Jugend von seiner Mutter mißbraucht wurde. Nun ist Kindesmißbrauch in den letzten 15-20 Jahren zu Recht ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema geworden und hat naturgemäß auch  den Weg auf die Opern- und Theaterbühnen gefunden – an Martin Kusejs „Rusalka“ in München sei erinnert – aber hier wirkt es irgendwie künstlich aufgesetzt. Dominante Mütter, die ihre Söhne nicht an eine andere Frau „verlieren“ möchten, gab es immer und wird es immer geben, aber daraus gleich zu schließen, dass hier automatisch Kindesmißbrauch vorliegt, erscheint mir doch etwas weit hergeholt. Aber natürlich bietet ihm dieser Zugang die Möglichkeit mit lebenden Bildern aus Kindheit und Jugend die Ouvertüre zu illustrieren, denn bloß rund sieben Minuten nur Musik zu hören, ist im zeitaktuellen Theater ein absolutes No-go. Als zweites offenbar unvermeidbares Element wird das Stück natürlich ins Heute verlegt. Ansonsten ist die Regie koventionell, mehr arangiert denn inszeniert und der Kunstgriff, das Ganze als Rückblende der am Grab Heilings stehenden Mutter zu schildern, ist da schon wieder ein alte Hut.Das Bühnenbild (Herbert Murauer) wird dominiert von zwei eher hässlichen Feuermauern, die verschiebbar sind und dazwischen Bilder die den im Libretto vorgegeben Schauplätzen entsprechen, ermöglichen. Die Kostüme von Sybille Gädeke sind zeitlos heutig, also dementsprechend fad und unansehnlich.

Erfreulicher ist die musikalische Seite des Abends und hier ist ibn erster Linie das RSO-Wien unter der Leitung von Constantin Trinks zu erwähnen. Trinks hat das Werk hörbar sorgfältig einstudiert, sorgt zu jedem Zeitpunkt für das richtige Tempo und die richtige Stimmung. Solopassagen wurden sorgfältig herausgearbeitet, lediglich beim Blech gab es kleinere Unfälle.

Von den Sängern konnten mich eigentlich nur Michael Nagy in der Titelrolle und Angela Denoke als Königin zufriedenstellen. Nagy begann zwar einigermaßen vorsichtig, sodass seine bekannte Arie eher wirkungslos blieb, steigerte sich aber dann besonders in seiner großen Szene im dritten Akt. Darstellerisch war er durchaus präsent, auch wenn etwas mehr Persönlichkeit nicht schaden würde. Angela Denoke war dagegen als Persönlichkeit voll präsent und sie hatte ihre stärksten Momente in der Szene mit Anna im Wald. Stimmlich schien sie mir nicht ganz auf der Höhe zu sein, da stellenweise ein leichtes Vibrato zu hören war. Katerina Tretyakova stellte das zwischen ihren Gefühlen hin und her gerissene Mädchen Anna sehr glaubhaft dar, stimmlich gefiel sie mir nur mit Einschränkungen. Die Mittellage klingt zwar recht ansprechend, in der Höhe wird die Stimme aber schrill und ziemlich dünn. Peter Sonn schlug sich als Konrad wacker. Er hat nicht unbedingt ein angenehmes Timbre und außerdem klingt die Stimme nicht wirklich. Auch darstellerisch blieb er eher blass. Stephanie Houtzeel sang die Gertrude zwar sehr ordentlich, war aber als Figur, weil viel zu jung aussehend, nicht glaubhaft. In kleineren Rollen hörte und sah man Christoph Seidl (Stefan) und Patrick Maria Kühn (Niklas).

Großartig war der von Erwin Ortner einstudierte Arnold-Schönberg-Chor.

Während während der Vorstellung der Applaus eher schütter war, kam am Ende doch noch etwas wie Begeisterung auf.

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß die Aufführung solcher Werke die Existenz des Theaters an der Wien als weiteres Wiener Operrnhaus rechtfertigt, nicht aber der xte Figaro.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

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