Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Theater an der Wien: HAMLET

27.04.2012 | Oper

Ophelias Wahnsinn als Höhepunkt des Abends: Christine Schäfer  (Fotos: Barbara Zeininger)

WIEN / Theater an der Wien:
HAMLET von Ambroise Thomas
Premiere: 23. April 2012,
Besucht wurde die zweite Vorstellung am 26. April 2012 

Es hat – Premierenjubel von 1867 hin oder her – natürlich seinen Grund, dass dieser „Hamlet“ von Ambroise Thomas seither außerhalb Frankreichs fast von den Spielplänen verschwunden ist, obwohl er das berühmteste Stück der Weltliteratur zur Vorlage hat: Verglichen mit den besten Werken von Gounod oder Massenet (von „Carmen“ ganz zu schweigen), ist dieser Shakespeare-Held von seinem Komponisten nur zurückhaltend mit wirklich großer, inspirierter Musik bedacht. Die Wahnsinnsszene der Ophelia nimmt man natürlich aus, und sie hat ja nun auch als einsames Virtuosenstück großer Interpretinnen zumindest auf der Schallplatte (heute CD…) überlebt.

Im Theater an der Wien rechtfertig jedoch eine sehr interessante, wenn auch in Details vielleicht allzu eigenwillige Inszenierung von Olivier Py (Co-Produktion mit Brüssel übrigens) den Griff nach dem Werk. Es ist ein „Hamlet im Frack“ und als solcher nicht neu – das fiel schon den Regisseuren in den zwanziger Jahren (!) des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Auch „nackte“ Hamlets hat man schon gesehen, wenngleich die Idee, die große Auseinandersetzung mit Mutter Gertrude nicht in deren Schlafzimmer, sondern in der Badewanne spielen zu lassen, nicht gerade üblich ist. (Und man stellt wieder einmal fest, dass es heutzutage offenbar zum Anforderungsprofil von darstellenden Künstlern gehört, entweder ihren Busen oder ihre Genitalien dem Publikum darzubieten – o tempora, o mores!)

Py mag auch noch anderes überzeichnet haben, so vordergründig politisch, dass man rote Fahnen schwenken und mit „Freiheit“-Transparenten demonstrieren muss, ist dieses Stück ja wohl nicht – aber dennoch hat man das Gefühl, dass alles, was geschieht, letztendlich Hand und Fuß hat: Zumindest verlässt sich die Inszenierung doch vor allem auf die legitimen Künste des Theaters und nicht auf jene abstrusen, zusammenhangslosen Ideen, die heutzutage üblicherweise an den Haaren des Regisseurs herbeigezogen werden…

Starken Effekt macht die Szenerie (Ausstattung Pierre-André Weitz), die zumindest durch ihre Gefängnishaftigkeit aktuell anmutet: Treppen, Treppen und wieder Treppen (auch das war natürlich schon vielfach da, auch schon bei dem guten, alten Jessner 1926 in Berlin … und bei Schavernoch für Kupfer) beherrschen die ausschließlich in Schwarz-Weiß-Grau gehaltene Szene, die keinen Farbtupfen duldet. Diese Treppenelemente werden allerdings so phantasievoll kombiniert, dass sie immer lebendig bleiben und dem Regisseur viele Möglichkeiten bieten: Wenn dann etwa die Schauspieler-Szene gesteigerte Bewegung erlaubt und sich auch die Musik zu erhöhter Inspiration aufschwingt, erzielt man sogar Effekte, die fast (wenn auch nur vorübergehend) mitreißend wirken. Auch wenn die karge Düsternis des Gebotenen extrem unromantisch wirkt – aber in diesem Shakespeare-Stück sind wirklich alle Möglichkeiten drin (auch in einer französischen Vertonung).

Es war schön, Marc Minkowski dabei zuzusehen, wie gefühlvoll er am Pult der Wiener Symphoniker agierte und erfolgreich dabei war, dem Werk so viele Facetten wie irgend möglich abzugewinnen. Der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner), diesmal zu besonders viel Aktion und Treppensteigen angehalten, zeigte seine übliche Bestleistung und nebenbei nicht zuletzt die Fähigkeit des Regisseurs, eine Bühne unauffällig und dabei gleicherweise sinnvoll mit Leben zu erfüllen.

Nackt mit Mama in der Wanne: Stéphane Degout, Stella Grigorian

Titelheld Stéphane Degout, der sich dem Publikum als Selbstverstümmler vorstellt, der sich besinnlich tiefe Schnitte im Oberkörper zufügt, verdient jedes Lob, wenn seine nasale Stimme auch nicht jedermann wirklich schön erscheinen mag und seltsamerweise erst im forte an Umriss und Kontur zulegt. Optisch und darstellerisch erinnerte er an Ulrich Mühe, und ein größeres Kompliment kann man ihm kaum machen. Ein problematisch-zerfressener Held, der den Wahnsinn markiert, indem er mit der Scheibtruhe massenhaft Mist herbeikarrt, und der seine Mutter auch in der Badewanne ertränken würde, wenn nicht rechtzeitig der Geist seines Vaters auftauchte… Und seltsamerweise wirkt das gar nicht albern.

Christine Schäfer ist, man muss das schon ehrlicherweise erwähnen, ein bisschen reif für die Ophelia, die dezidiert als junges Mädchen gedacht ist, aber wenn die Wahnsinnsszene kommt, braucht man eine Künstlerin, die kann, was sie soll. Und das war bei ihr der Fall. Selbst wenn ihre Stimme in der Höhe gelegentlich Qualität verliert, war sie an diesem Abend sehr gut in Form und markierte mit diesem ganz schlicht interpretierten Virtuosenstück (sprich: ohne Augenrollen und darstellerischem Firlefanz) eindeutig den Höhepunkt des Abends.

Exzellent auch die Gertrude der Stella Grigorian, prächtig gesungen, wenn man das Konzept des Regisseurs für diese Rolle auch nicht ganz herausfand. Als Claudius in Uniform und meist schwankend wie ein Betrunkener, bot Phillip Ens anfangs nur erschreckende Restbrocken von Stimme, sang sich aber dann so weit ein, dass seine große Arie wenigstens nicht schief lief. Beeindruckend (auch mit prächtiger Figur und Waschbrettbauch) wirkte der Geist von Hamlets Vater in Gestalt von Jerôme Varnier, dessen Gesichtsmaske die vergleichsweise Jugendlichkeit des Interpreten nicht verstecken konnte. Frédéric Antoun als Laërte schwang die roten Fahnen, Pavel Kudinov, Martijn Cornet, Julien Behr ergänzten in den kleinen Rollen.

Um das Publikum „anzuzünden“, ist die Oper nicht „schmissig“ genug, wenn man es einmal so schlicht ausdrücken darf. Dass man im Theater an der Wien erreicht hat, was man mit diesem „Hamlet“ an intelligenter Wirkung erzielen kann, steht außer Zweifel.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken