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WIEN/ Theater an der Wien: HAMLET – Premiere

24.04.2012 | KRITIKEN, Oper

WIEN: Theater an der Wien: HAMLET, Première am 23.4.2012 (Georg Freund)


Christine Schäfer. Foto: Barbara Zeininger

In ihrem stets interessanten Spielplan stellte die Direktion des Theaters an der Wien diesmal den seit vielen Jahren in Wien nicht mehr gegebenen Hamlet von Ambroise Thomas vor. Thomas  reicht natürlich, vor allem in seiner melodischen Erfindungsgabe, bei weitem nicht an seine großen Zeitgenossen Gounod und Verdi heran, in seiner Kompositionstechnik, ganz besonders in seiner originellen und farbigen Instrumentation, kommt er ihnen aber recht nahe. Er setzt auch Erinnerungsmotive ein und komponiert lange Passagen in einem damals avancierten rezitativisch-deklamatorischen Stil. Glanznummern der Oper sind vor allem das Liebensduett sowie Hamlets von Violoncelli begleiteter Racheschwur im ersten Akt und das sehr dramatische Duett mit seiner Mutter im 3. Akt., nicht zu vergessen die Wahnsinnsszene der Ophélie.

Das berühmte Librettistenduo Carrée/Barbier hat Shakespeares  Meisterwerk auf die Beziehungen zwischen Hamlet, Ophelia, Gertrud und Claudius reduziert. Alle übrigen Figuren  wurden entweder eliminiert oder zumindest  ihrer Komplexität beraubt . Während Shakespeare vieles in der Schwebe lässt, setzten die Librettisten auf eindeutige Motivierung: Hamlet ist tatsächlich in Ophélie verliebt,  trennt sich aber von ihr, weil Polonius, ebenso wie Gretrud, in das Mordkomplott gegen Hamlets Vater verstrickt sind. Hamlets  beißender Sarkasmus, seine immer wieder aufblitzende Ironie blieben ausgespart  und seine philosophischen Erwägungen, seine permanente Unschlüssigkeit traten in den Hintergrund -er wurde  zu einem echten,  eindimensionalen Opernhelden des 19. Jahrhunderts gemacht.  So weit , so gut, aber der Schluss der Oper ist  doch etwas lächerlich geraten: Bei Ophelias Begräbnis erscheint der Geist von Hamlets Vater als deus ex machina, befiehlt seinem Sohn, Claudius zu erstechen, schickt Getrud ins Kloster und setzt Hamlet auf den Thron. In dieser Aufführung  gab´s aber eine zu begrüßende Retusche: Für Hamlet  endete die Oper letal und Gertrud sank nur gebrochen zusammen , das Kloster blieb ihr erspart.

Shakespeares Hamlet ist ein unauslotbares Meisterwerk und hat natürlich neben vielen anderen  wesentlich wichtigeren auch eine politische Dimension. Als Regisseur hat Olivier Py diese politische Seite nun ungebührlich in den Vordergrund gestellt und das aus dem Jahre l863 stammende Stück in die Nähe der kommunistischen Commune de Paris vom 1871 gerückt.: Laertes musste  beispielsweise rote Fahnen schwingen wie bei einem Moskauer Parteitag, der Chor trug Schilder mit Freiheitsparolen., am Schluss trat ein  Mann mit Gewehr auf.

Als Aktionsraum diente ein riesiges Gewölbe aus unverputzten Ziegeln  mit einer monumentalen , sehr steilen Treppe, die öfters  in Teile auseinandergeschoben wurde, die sich dann drehten. Dieses Arrangement zwang zu mühseligem und gefährlichem Treppensteigen und natürlich litt darunter auch die Interaktion der Sänger. Der Chor war vielfach symmetrisch auf den Stufen arrangiert, bisweilen sogar nach Geschlechtern geteilt, wie bei der Sitzordnung in einer Dorfkirche des vorigen Jahrhunderts. Hamlet kauerte immer wieder wie ein Häuflein Elend auf den Stufen und bezeichnete sich in einem Kreidegraffito als „roi de mes douleurs“, als König meiner Schmerzen. Ob diese Selbstcharakteristik die Figur trifft ?

Wesentlich besser als um die szenische Realisierung, für die der Regisseur am Schluss neben Applaus auch deutliche Buhrufe erhielt, stand es um die musikalische: Marc Minkowski,  der in erster Linie als Vertreter des Originalklanges bekannt ist, sorgte mit Hilfe der glänzend aufspielenden Wiener Symphoniker für eine höchst opulente, klangschwelgerische Realisierung der Partitur dieser grand opéra.

Stéphane Degout, den ich zuletzt in London als exzellenten Mercutio erlebt habe,  war ein unübertrefflicher, verquälter Hamlet: Seine balsamische, edel timbrierte Stimme ist noch großer geworden , ist völlig frei von Registerbrüche und kennt keine Höhenprobleme. Seine Phrasierung ist makellos und was er wegen des ständigen Stiegensteigens als Darsteller nicht zeigen konnte, drückte er vokal aus. Er war auch offen für alle Regieeinfälle und hockte sogar beim großen Duett mit der Königin splitternackt in einer  Badenwanne- hoffentlich verkühlte er sich dabei nicht !  Vermutlich sollte dieser etwas plumpe Gag die ödipale Beziehung zwischen den beiden Figuren deutlich machen. Monsieur Meyer sollte diesen bedeutenden französischen Künstler endlich an die Wiener Staatsoper holen. Hier fände er ein überreiches Betätigungsfeld !

Als Hamlets geliebte Ophélie erbrachte Christine Schäfer eine noch immer eindrucksvolle Leistung, obwohl ihre stets etwas harte Stimme schärfer geworden ist und obwohl Triller und Spitzentöne nicht mehr so mühelos gemeistert wurden wie einst. Weiß gekleidet wie Giselle eilte sie über die Stufen und  ihre große Szene im vierten Akt war auch szenisch gut gelöst: Der Wahnsinn wurde durch die rotierende Drehbühne , auf der sie ihre Ballade von den Willis sang, sehr gut versinnbildlicht. Eine ansprechende Leistung bot auch die seinerzeit in Wien engagierte  Mezzosopranistin Stella Gregorian als Königin Gertrude. Auch sie ist erkältungsgefährdet, denn Hamlet drückte ihr den Kopf in die Badewanne und sie musste dann mit nassen Haaren weitersingen.  Der Tenor Frédéric Antoun war ein solider, spielfreudiger Laerte.

Als Geist von Hamlets Vater, der in dieser Inszenierung wesentlich häufiger Urlaub aus der Hölle bekommt als es die Librettisten vorsahen, zeigte der athletische Jerome Varnier viel Würde und absolvierte seinen in psalmodierendem Stil gehaltenen Part mit sonorem Bass. Einzig Phillip Ens  fiel negativ auf: Er tremolierte als Claudius, bewältigte aber wenigstens seine sehr schöne Bassarie mit Anstand.

Für die übrigen  Träger der wenig bedeutenden Nebenrollen gibt es ein Pauschallob. Hervorzuheben wäre noch das interessante Saxophonsolo von Michaela Reingruber, das die den König als Mörder entlarvende Pantomine  begleitete.

Nach spärlichem Szenenapplaus  gab´s am Schluss Jubel für Degout, Minkowski und die Schäfer.

Georg Freund

 

 

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