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WIEN / Raimundtheater: ELISABETH

05.09.2012 | Oper

WIEN / Raimundtheater:
ELISABETH von Michael Kunze & Sylvester Levay
Premiere: 5. September 2012

Falls sich jemand fragen sollte, wie alt das „Elisabeth“-Musical ist, nur so viel: Sisi kann gar nicht mehr in die Jahre kommen, weil sie längst ewig ist. Dennoch ist es natürlich erstaunlich: In einer Welt, wo 90 Prozent aller neu gemachter Musicals, die auf den Markt gestoßen werden, nach kürzester Zeit wieder sang- und klanglos verschwinden, sind Erfolge, die erstens nicht nur lokal, sondern international werden und zweitens für längere Zeit bestehen, eine Rarität. „Elisabeth“ wurde vor fast exakt genau zwei Jahrzehnten (am 3. September 1992) im Theater an der Wien uraufgeführt und 2003 dort wieder aufgenommen. Mittlerweile vielerorts erfolgreich, probiert man es nun  in Wien noch einmal – diesmal im Raimundtheater (das Theater an der Wien ist glücklicherweise anderen Zwecken zugeführt). Und man würde sich nicht wundern, wenn es wieder hundertprozentig funktioniert.

Denn was einmal wirklich gestimmt hat, verliert nicht so schnell seine Überzeugungskraft, zumal an der alten Geschichte ja nichts veraltern kann – und dass gerade Kaiserin Elisabeth nichts von ihrer Faszination verloren hat, beweist ein stets mit neuen, gut verkauften Werken bestückter Buchmarkt, beweist demnächst mit Sicherheit die „Sisi auf Korfu“-Ausstellung (ab Ende September passenderweise im Hofmobiliendepot). Und sogar „Profil“, sonst so streng politisch, hat sich zu einer Titelstory über „Sisi zuckerfrei“ aufgeschwungen und wird sich über den Absatz nicht zu beklagen haben (verkaufsträchtiger ist vermutlich nur, es steht zu befürchten, Hitler).


Mark Seibert, Annemieke van Dam. Foto: Barbara Zeininger

Wir sind ja nicht erst heute so kritisch eingestellt: Autor Michael Kunze wusste schon vor zwanzig Jahren (und mehr), dass man kein historisierendes und schon gar kein huldigendes Habsburg-Musical schaffen kann, nichts, was auch nur entfernt an die Romy-Filme erinnert. Sein dramaturgischer Kniff, den aggressiven Mörder Lucheni zum Erzähler zu machen und Elisabeth den Tod gewissermaßen als ständigen Begleiter zu geben (der er für sie und ihren Sohn Rudolf zweifellos war), erweist sich schon als das ideale Gerüst für die Geschichte. Und bis zur Pause läuft sie ja wie von selbst, vom bayerischen Wildfang (Papa, von dem sie ihren Unabhängigkeitswillen geerbt hat, setzt sich allerdings ab und kümmert sich nicht weiter um das Töchterchen) zur Kaiserin in Wien, ins Korsett gesteckt, verzweifelt rebellierend, schließlich kämpfend: In die Pause geht sie mutiert zur sternflammenden Königin des Winterhalter-Gemäldes – perfekt.

Der zweite Teil zieht sich dann ein wenig (am Ende sind es wieder volle drei Stunden Spielzeit), manches ist auch dramaturgisch unnötig – etwa die Szene im Puff: Dass Erzherzogin Sophie ihren Sohn, den Kaiser, dorthin schicken sollte (damit er sich hier ansteckt und seine Frau mit der peinlichen Krankheit bedenkt!), das ist irgendwie unnötig primitiv (und außerdem hat er gute Mann das auch ohne Puff geschafft…). Auch anderes, etwa der Aufmarsch der Hitler-Vorläufer, ist nur eine politisch-korrekte Verbeugung vor dem Zeitgeist und bringt für das Werk nichts. Es wäre sinnvoller gewesen, Elisabeths Schönheitskult und Schlankheitswahn etwas genauer zu umreißen, dann wäre man der Figur näher gewesen. Aber trotzdem geht Sisi schön und konsequent ihrem Ende zu – um als Erlöste im weißen Kleidchen wirklich poetisch in den Armen des Todes zu landen.

Dass „Ohrwurm“-Musicals geschrieben werden, davon müssen wir uns leider verabschieden, seit Andrew Lloyd Webber die Ideen ausgegangen sind (also schon seit ein paar Jahrzehnten), und tatsächlich gibt es bei Sylvester Levay nur eine Melodie, die als prägender Einfall wirklich greift, nämlich Elisabeths „Ich gehöre mir“. Dennoch ist die Musik vorzüglich, weil sie nämlich den Stimmungsgehalt des Werks gänzlich adäquat transportiert und nie einförmig oder billig wirkt. Und man muss ja auch nicht immer innerlich mitsingen.

Dennoch gäbe es mit Sicherheit den „Elisabeth“-Erfolg nicht ohne Harry Kupfer. Er hat für dieses Werk eine ganz eigene Bühnensprache gefunden (natürlich geht das nicht ohne seinen genialischen Hans Schavernoch – die Kostüme von Yan Tax stimmen weitgehend, nur das ungarische Krönungsgewand von Elisabeth hat man anders in Erinnerung), er scheut nicht den düsteren Pomp, bietet Ironie, ohne dabei penetrant vordergründig zu werden, feilt die Spielszenen genau aus, findet für einzelne surreale Sequenzen bestrickende Lösungen. Kurz, diese Qualität trägt den Abend, der von Koen Schoots mit dem 28köpfigen Orchester vielleicht immer wieder zu laut umrahmt wird, aber das ist ja nun eher für ein Disco- als für ein Opernpublikum gedacht  und folglich wohl stimmig.


Annemieke van Dam. Foto: Barbara Zeininger

Die Besetzung ist gut wie lange nicht und vor allem spürbar jung (was die meisten Vorgängerinnen in der Titelrolle, würdevolle Damen, ja nicht waren): Die 29jährige Holländerin Annemieke van Dam (ihr Deutsch ist lupenrein) ist wahrscheinlich als der zauberhafte Wildfang des Beginns am richtigsten eingesetzt, spielt aber die Stationen der Wandlung wirklich überzeugend. Vor allem hat sie eine fabelhaft geschulte Stimme, die auch über alle Orchesterwogen kommt (und das ist trotz der Kopfmikros nicht selbstverständlich) und weder an Technik noch Höhen der Partie scheitert. Eine rundum schöne Sisi.

Held des Abend ist ja nie ihr Gatte (jung, sympathisch und brav als Franz Joseph: Franziskus Hartenstein), sondern immer erstens der Mörder Lucheni, dem Kurosch Abbasi überzeugenden Anarchisten-Umriß gibt, und zweitens der Tod: ein schöner blonder Mann in Gestalt von Mark Seibert. Nicht zu vergessen Anton Zetterholm als unglücklicher Kronprinz-Rudolf – in der berührenden Kinderversion (da klopft dann weniger der Tod als der Kitsch an) von Aeneas Hollweg gut interpretiert (Opa ist übrigens der gleichnamige Tenor – die Eltern hätte man bei diesem Vornamen des Filius glatt für Lateinprofessoren gehalten).

Daniela Ziegler gibt wieder die Erzherzogin Sophie und sie hat die grimmige Miene und die eisenstarke Persönlichkeit dafür, Carin Filipcic glaubt man ihre betuliche Schwester, die Herzogin Ludovica, weit eher als die Puffmutter. Das Ensemble zerspragelt sich in vielen Rollen, oft von dem Choreographen Dennis Callahan hart und überzeugend gefordert.

Der Jubel war groß und er hätte natürlich für Harry Kupfer, der das Werk in vierwöchigen Proben wie neu glänzen ließ, am lautesten sein müssen – aber er ging nur in der allgemeinen Klatschorgie unter. Sagen wir ihm, dass wir um seinen enormen Anteil an diesem „Theaterabend“ wissen.

Renate Wagner


Annemieke van Dam, Mark Seibert. Foto: DI. Dr. Andreas Haunold

 

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