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WIEN/ Theater an der Wien: EL JUEZ von Christian Kolonovits mit José Carreras

03.07.2016 | Oper

Theater an der Wien: EINE OPER VON CHRISTIAN KOLONOVITS FÜR JOSÉ CARRERAS UND DAS PUBLIKUM RASTE VOR BEGEISTERUNG (2.Juli 2016)

Das Stück ist maßgeschneidert für einen der „Drei Tenöre“. Die Oper „El Juez“-„Der Richter“ mit dem Untertitel „Los Ninos perdidos“-„Die verlorenen Kinder“ wurde vor drei Jahren vom österreichischen Komponisten Christian Kolonovits bzw. der Textautorin Angelika Messner in Bilbao als „musikalisches Vehikel“ für José Carreras konzipiert. Inzwischen erzielte die spanisch-österreichische Produktion in Erl in Tirol großen Erfolg. Und auch gestern im restlos ausverkauften Theater an der Wien raste das Publikum wie sonst nur bei einer Verdi- oder Puccini-Premiere. Zwar wurde der spanische Sänger, der immer stolz darauf war Katalane zu sein, gefeiert wie einst im Mai. Aber auch die Produktion –Regie Emilio Sagi -, das fabelhafte Radio-Symphonieorchester Wien (RSO) unter dem Dirigenten David Gimenez und die gesamte Besetzung sowie der exzellente ArnoldSchönberg-Chor wurden bejubelt, mit „standing ovations“ bedacht und mit Blumen beworfen. Kurzum: man war gekommen, um einen musikdramatischen Abschied für einen der ganz Großen mitzuerleben und lernte das Meisterwerk eines Österreichers kennen, das sich wohl auch ohne José Carreras auf den internationalen Bühnen durchsetzen wird. Das Thema ist historisch und zugleich aktuell und betrifft ein Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs bzw. den Umgang mit Vergangenheitsbewältigung. Damals wurden Tausende Kinder ihren Eltern entrissen und in spanischen Klöstern einer Art von Hirnwäsche unterzogen. Und die Biographie von José Carreras streift an dieses leidvolle Kapitel direkt an.

Die Opernhandlung sei angedeutet: der Liedermacher Alberto Garcia – großartig der Tenor José Luis Sola – bricht ein Tabu. Er fordert auf der Suche nach seinem verschollenen Bruder die Öffnung der kirchlichen Archive. Das scheitert am Widerstand des Richters Federico Ribas – alias José Carreras. Der gesuchte Bruder ist prompt der Richter. Am Ende wird Garcia erschossen und das Finale beschwört „Verzeihung“, „Vergebung“. Soweit der Inhalt. Die Hauptwirkung des Abends ging aber von der Musik aus. Christian Kolonovits – mit kroatischem Vater und ungarischer Mutter – gehört zu den gefragtesten Arrangeuren, Komponisten und Cross-over-Spezialisten unseres Landes. Er hat hier sein Meisterwerk geschaffen. Die Musik ist vielfältig, geht ins Ohr wie eine Oper von Addams oder Poulenc und verstärkt die musikdramatischen Elemente. Sie zitiert spanische Folklore und die Musik des spanischen Bürgerkriegs und wird nie langatmig.

Dazu kommt eine grandiose szenische Realisierung. Der Direktor von Bilbao, der früher in Madrid wirkte, Emilio Sagi schuf gemeinsam mit Daniel Bianco (Bühne) und Pepa Ojanguren (Kostüme) einen optischen Rahmen, der man sich für so manche andere Opernproduktion wünscht. Den Blick in die seelischen Zerstörungen der Hauptakteure – besonders des Richters-José Carreras -und der Äbtissin – Ana Ibarra – gibt sie jedenfalls perfekt frei. Das Ensemble bleibt zumeist auf hohem Niveau. Der Sopran von Paula, der Freundin von Albert Garcia, mag in der Fortehöhe zu eng geführt sein. Aber Sabina Puértolas entschädigt durch schöne Piani und durch ihr engagiertes Spiel. Bleiben noch der Vizepräsident der Aktion „Saubere Hände“, Felix Morales zu erwähnen: Carlo Colombara spielt den Bösewicht vom Dienst sehr glaubwürdig. Sein dramatischer Bass heizt die Stimmung weiter an. Unter den vielen Nebenrollen fallen Maria Jose Suarez als Erste Nonne ebenso positiv auf wie Stefan Cerny als „Sbirre“ von Morales. Die Oper dauert (inklusive Pause) 3 Stunden, die wie im Flug vergehen. Am Ende ehrliche Begeisterung, die sogar Carreras überraschte. Und die Gewissheit, Operngeschichte mit verfolgt zu haben.

Peter Dusek

 

 

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