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WIEN / Theater an der Wien: DON GIOVANNI

18.03.2014 | Oper

DON GIOVANNI 14~1 Szene
Alle Fotos: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Theater an der Wien:
DON GIOVANNI von W.A. Mozart
Konzertante Aufführung im Rahmen der „MOZART-TRILOGIE“
17. März 2014 

Auch der zweite Abend des konzertanten Mozart/Da Ponte-Zyklus im Theater an der Wien war dicht mit Fans von Nikolaus Harnoncourt gefüllt. Das gestalterische Prinzip des ersten Abends blieb weitgehend gleich, zu den Bildern der „Figaro“-Darsteller an der Wand kamen nun jene des „Don Giovanni“, und akkurat sechs Rahmen sind noch frei: So viele Mitwirkende hat schließlich die „Cosi fan tutte“, die das Unternehmen, das nicht ohne Seltsamkeiten ist, abschließen wird.

Seltsam, weil man das Prinzip des „Konzertanten“ ein bisschen weiter und nicht immer gescheit durchbrochen hat – manche symbolische Aktionen (einen kleinen Lobmeyr-Luster für Giovannis Fest und das finale Gastmahl herabzusenken, macht Sinn) funktionieren, andere sind albern, wer braucht plötzlich Blumen, die vom Schnürboden schweben, und warum muss der Chor (wieder der Arnold Schoenberg Chor zur Stelle) zum Finale des 1. Akts plötzlich tatsächlich auch „tanzen“ (und das noch dazu, nachdem er sich Stühle herbeigeschleppt hat!) – das scheint nicht die sinnfälligste Entwicklung einer „halbszenischen“ Lösung.

Wenn Giovanni hingegen einen weißen Handschuh mit roter Wunde darin anzieht, als Symbol, dass er den Komtur getötet hat, und sich am Ende Rotwein aufs Hemd gießt, bevor er zur Hölle fährt, funktioniert das wieder. Man muss ja schließlich der Fernsehaufzeichnung etwas bieten, wenn das ganze Unternehmen auch eigentlich dafür gedacht war, wieder einmal musikalisch die Überzeugungswelt des Nikolaus Harnoncourt zu beschwören.

DON GIOVANNI 9~1 Giovanni DON GIOVANNI 2 Giovanni, Anna x~1
Andrè Schuen / Christine Schäfer und Andrè Schuen

Freilich sollte der Maestro sich selbst treu bleiben: Wenn er schon so nachdrücklich erklärt, dass Figaro und Leporello, der Graf und Giovanni jeweils ein Stimmtypus sind, dann versteht man nicht unbedingt, warum er den Figaro des ersten Abends zum Don Giovanni des zweiten werden lässt. Zumal er dem jungen Andrè Schuen, der – trotz damaliger Beeinträchtigung – ein so prächtiger Figaro war, mit dieser Rolle nichts Gutes tut. Natürlich, die Stimme ist schön, aber doch nicht so durchschlagend, wie man sie vom großen Verführer erwartet. Die Technik funktioniert, auch bei der Nagelprobe jedes Giovanni, der Champagner-Arie, aber sie ist noch spürbar, bei den ultimativen Schwierigkeiten noch nicht selbstverständlich genug. Und vor allem braucht der junge Sänger vermutlich noch ein Jahrzehnt, bevor ihm die Schuhe des großen Verführers (und alles andere auch) passen: Da steckt noch spürbar Anstrengung, manchmal auch das Flackern einer Ängstlichkeit hinter allem, was er tut. Kunststück – bei dieser Rolle! Aber das hätte der Dirigent natürlich wissen müssen…

Vermutlich hätte Schuen einen sehr guten Leporello abgegeben, wenn auch einen ganz anderen, wie man ihn von Ruben Drole erlebt: Eine extrem harte Stimme, die Harnoncourt offenbar nicht nur bei vielen Rezitativen, sondern manchmal auch im Gesang zum „Sprechen“ aufgefordert hat und dem er in mancher Arie „Verzögerungen“ einbaute, wie man sie noch nie gehört hat: Aber es wäre nicht Harnoncourt, wenn nicht… Was Ruben Drole an Geschmeidigkeit vermissen lässt, kompensiert er allerdings durch ein wirklich ausgefeiltes Bild eines abgefeimten Charakters…

Bleiben wir bei den Herren, wo Mauro Peter die im „Figaro“ erweckten Hoffnungen weitgehend erfüllt hat: Einen so prachtvollen Mozart-Tenor hört man selten, und nur wo es ganz knifflig wird, muss die Technik noch nachjustiert werden. Da kann man auf eine glanzvolle Mozart-Zukunft hoffen.

DON GIOVANNI 5 Leporello Elvira x~1 DON GIOVANNI 11 Zerlina Masetto x~1 
Ruben Drole und Maite Beaumont / Mika Kares und Mari Eriksmoen

Was der Komtur mit dem Masetto gemeinsam hat, außer dass beide schwarze Bässe sind, weiß man nicht – der Finne Mika Kares meisterte jedenfalls beide Rollen als Stimme und Persönlichkeit beeindruckend. Seinen letzten Auftritt sang er unbeweglich aus der Proszeniumsloge – den „steinernen Gast“ hat man selten so überzeugend gesehen.

Bei den Damen schoß wieder Mari Eriksmoen den Vogel ab, bei ihrer Zerlina war es von lieblichem Gezirpe zu kräftigem Gezanke nur ein vergnüglicher Schritt, und sie spielt auch im grünen Abendkleid alle möglichen Nuancen der Rolle – etwa, wie sie sich bei „La ci darem“ ja doch ernsthaft den Kopf zerbricht, ob sie ihren Bauern nicht gegen den Edelmann eintauschen soll…

Die Spanierin Maite Beaumont, eine Mezzo-Besetzung für die Elvira, sang die Rolle so weit gut, ohne besonderen Eindruck zu hinterlassen, auch nützte sich die Stimme im Laufe des Abends ab (bei „Mi tradi“ nicht ins Jaulen zu geraten, gelingt allerdings nicht vielen Damen). Schwachpunkt des Abends war wieder Christine Schäfer, wenngleich sie die Donna Anna doch um einiges besser sang als die Figaro-Gräfin, aber nicht zum ersten Mal wundert man sich über die Besetzungen des Nikolaus Harnoncourt: Ohren für schöne Stimmen hat er wohl nicht, und diese Anna malträtierte etwa das Masken-Terzett so sehr, dass sich danach keine Hand rührte.

Nikolaus Harnoncourt und sein Concentus Musicus Wien ließen „ihren“ Mozart hören, mit gewohnter Härte, Schärfe, Rücksichtslosigkeit, die manchmal auch wie Distonieren klingt, mit Nachdruck zweifellos, aber dann doch vielfach mit so zähen Tempi, dass der Abend gut eine Viertelstunde länger dauerte als üblich (und er verliert nicht, wie eine normale Bühnenaufführung, Zeit durch szenische Umbauten und Verzögerungen).

Während der Vorstellung tröpfelt der Beifall nicht sehr intensiv, am Ende gab es aber die Bravo-Rufe der Fans, und niemand wird bezweifeln, dass diese ehrlich gemeint sind. Geschmäcker sind schließlich – Gott sei Dank – verschieden. Am Sonntag wieder im Fernsehen, Ö III hat aufgezeichnet.

Renate Wagner

 

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