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WIEN/ Theater an der Wien: DIE DREIGROSCHENOPER

19.01.2016 | Oper

TadW Die Dreigroschenoper 18.1.2016

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Angelika Kirchschlager, Florian Boesch. Copyright: Monika Rittershaus

Ohne Wenn und Aber: Die Dreigroschenoper ist ein Theaterstück von Bertolt Brecht mit der Musik von Kurt Weill für „singende“ Schauspieler, aber keine Oper. So gesehen in Wien in der Saison 1996/97 am Burgtheater, 2004/05 am Theater in der Josefstadt und zuletzt in der Saison 2011/12, als besonders eindrucksvolle Produktion, am Volkstheater in Wien. Das Stück beruht auf der deutschen Übersetzung der „Beggar’s Opera“ von John Gay (1685-1732) und Johann Christoph Pepusch (1667-1752) aus dem Jahr 1728 von Elisabeth Hauptmann (1897-1973).

Der allzu früh verstorbene Kurt Weill (1900-50), der Gatte von Lotte Lenya, die bei der Uraufführung am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin die Spelunken-Jenny interpretiert hatte, verwendete in seiner Musik Blues, Jazz und Tango und parodierte gekonnt Operette und Oper. Von den 22 abgeschlossenen Gesangsnummern wurde der „Morgenchoral des Peachum“ direkt aus der „Beggars’s Opera“ übernommen, andere Songs beruhen auf Balladen nach François Villon (Die Zuhälter-Ballade) oder Rudyard Kiplings „Screw-Guns“, die Brecht zum Kanonensong angeregt hatten.

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Tobias Moretti, Anne Sofie von Otter. Copyright: Barbara Zeininger

Das Theater an der Wien feiert nun sein zehnjähriges Jubiläum als drittes großes Opernhaus in Wien. Da hat die „Dreigroschenoper“ als „Jubiläumsproduktion“ zweifellos einen schwierigen Stand. Dessen waren sich wohl auch Regisseur Keith Warner und sein Co-Regisseur John lloyd Davies bewusst. Bei ihnen spielt die Handlung in der Tristesse der Nachkriegsjahre um 1950. Das drehbare Bühnenbild von Boris Kudlička mit Auf- und Abgängen, einer hochgezogenen Garderobe erinnert frappant an Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“, wobei die „ebene Erde“ hier durchaus auch das Souterrain sein könnte. Trotz der mannigfaltigen Möglichkeiten, die eine solche Raumbühne naturgemäß bietet, verharrte die Produktion über lange Strecken doch in einer ermüdenden Schwerfälligkeit. Kaspar Glarner kleidete die Protagonisten in glamouröse, bisweilen halbseidene Kostüme und Macheath in einen hellen Anzug von Zuhälterqualität. Die einzelnen Songs wurden von Anthony van Laast durchchoreographiert, wobei er den deutlich hörbaren und als solchen auch erkennbaren Quickstep bei der Zuhälterballade nicht recht umzusetzen wusste. „Der Choral der Ärmsten“ mutiert dann schließlich in eine „dancing chorus line“ in hellen Anzügen und roten Zylindern. Und Mackie Messer wird schließlich direkt von der auf einem Thron sitzenden und vom Schnürboden quasi als Dea ex machina herabschwebenden Queen begnadigt und geadelt. Bruno Poet zeichnete für die adäquate Beleuchtung verantwortlich.

Johannes Kalitzke leitete das Klangforum Wien routiniert, aber allzu trocken.


Ganya Ben gur Akselrod, Tobias Moretti, Nina Bernsteiner. Copyright: Barbara Zeininger

Für die Rolle von Mackie Messer konnte man Tobias Moretti gewinnen. Das war für die Verantwortlichen des ORF wohl Grund genug, diese Produktion einzukaufen, den bereits 1998 hatte der ORF wohl aus ähnlichen Beweggründen Carl Orffs Die Bernauerin aus der Wiener Volksoper, in der Tobias Moretti den Herzog Albrecht in Baiern und Graf zu Voheburg mimte, ausgestrahlt. Mit einem wesentlichen Unterschied allerdings: Der Herzog Albrecht ist eine reine Sprechrolle, während Mackie Messer in der Kehle anderer berühmter Interpreten wie Rudolf Forster oder Curd Jürgens, wohl besser aufgehoben war als in jener von Tobias Moretti. Darstellerisch nahm man ihm die Rolle eines Chefs einer Gangsterbande auch nicht wirklich ab, es fehlte ihm einfach an Biss und kaltem Zynismus. Wenn er dann als ein Mann in mittlerem Lebensalter auch noch kopfüber in einem Käfig hängend singt, dann wird die Szene fast schon peinlich…

Florian Boesch als Jonathan Jeremiah Peachum kann zwar singen, ist aber mit den langen Sprechpartien überfordert. Für diese Rolle hätte man sich eigentlich Cornelius Obonya gewünscht. Angelika Kirchschlager als Celia Peachum, seine Gattin, kann beides: singen und spielen. Auch Nina Bernsteiner als selbstbewusstes Töchterchen Polly Peachum gelingt der Spagat zwischen ausdrucksstarkem Gesang und durchdringender Rollenpräsenz. Ihre Gegenspielerin mit dem zungenbrecherischen Namen Gan-ya Ben-Gur Akselrod war eine quirlige kokette Lucy, Tochter des obersten Polizeichefs von London, Tiger Brown, den Markus Butter eher zurückhaltend anlegte. Dafür gefiel dieser wieder in der Travestierolle der Queen. Als Reminiszenz an die pompösen Händel-Opern, die ja bereits in der Beggar’s Opera eindrucksvoll parodiert wurden, dürfen Polly und Lucy, die beiden Rivalinnen um die Gunst von Macheath, einander dann auch noch in Barockem Outfit samt Perücke ein köstliches Gesangsduell liefern. Die schwedische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter hat in den unterschiedlichsten Rollen ihrer bereits drei Jahrzehnte andauernden internationalen Karriere schon weitaus bessere Zeiten erlebt als in jener der Spelunken-Jenny, die von der Regie sträflich vernachlässigt wurde und nur bieder daher schreitet.

In den kleineren Rollen wirkten noch Martin Berger als Smith und Pastor Kimball, Benjamin Plautz als Filch und Konstabler, Michael Schusser als Trauerweiden Walter, Florian Stanek als Hakenfinger Jakob, Nikolaus Fürnkranz als Münz-Matthias, Juliusz M. Kubiak als Ned und Konstabler, Isabell Pannagl als Ede und Hure, Nele Neugebauer, Nahoko Fort-Nishigami und Elisabeth Kanettis als Dolly, Vixen und Betty mit. Routiniert wie gewohnt agierte auch dieses Mal der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor.

Szenenapplaus gab es eigentlich nur bei dem Gesangsduell von Polly und Lucy und der zaghafte Schlussapplaus war ungewöhnlich kurz.   

Harald Lacina

 

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