Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Theater an der Wien: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

18.11.2015 | Oper

Theater an der WienDER FLIEGENDE HOLLÄNDER (Premiere 12.11.2015, besuchte Vorstellung am 17.11.2015)

TAW_Hollaender_053 bunt~1
Foto: Werner Kmetitsch

Zum Wagnerjahr 2013 hatte die Deutsche Oper Berlin bereits den „Ur-Holländer“ konzertant in der Philharmonie gespielt, das Theater an der Wien folgte nun zwar mit einiger Verspätung – dafür aber mit einer szenischen Realisierung.Ganz unter dem Eindruck einer stürmischen Seefahrt in der Ostsee verlegte Richard Wagner die Handlung seines WWV 63, auf die er durch die Lektüre von Heinrich Heines„Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ gestoßen war, in der Urfassung nach Schottland. Diese noch einaktige „Urfassung“ von 1841 ist übrigens die einzige Fassung des Fliegenden Holländers, die in einer definitiven Form vorliegt, die aber zu Lebzeiten Richard Wagners nie aufgeführt wurde. Bei der Uraufführung an der Dresdner Hofoper am 2. Januar 1843 hatte er seine romantische Oper bereits in drei Aufzüge gegliedert. Seinen ursprünglichen Entwurf für den Fliegenden Oper musste er in einer finanziellen Notsituation an die Pariser Oper verkaufen, wo sie von Pierre-Louis Dietsch (1808-65) unter dem Titel „Le vaisseau fantôme, ou Le maudit des mers“ vertont und am 9. November 1842 auch ebendort aufgeführt wurde. 1901 hatte dann Siegfried Wagner den Fliegenden Holländer erstmals ohne Pause im Bayreuther Festspielhaus inszeniert. Und es sollte noch mehr als ein Jahrhundert dauern bis die Urfassung des Holländers 2004 im Bolschoi-Theater in Moskau zum ersten Mal szenisch realisiert wurde. In dieser Urfassung steht die Senta-Ballade um einen Halbton höher in a-moll. Die Urfassung beinhaltet auch einen harten, noch nicht nach „Erlösung“ klingenden Schluss und die Rollen von Sentas Vater Daland und ihrem Jugendgeliebten, dem Jäger Erik, heißen hier noch Donald und Georg, mit Betonung auf der jeweils zweiten Silbe. Auch die ehemals mit feurigen Akkorden endende Ouvertüre wich 1860 einem von Harfenklängen angedeuteten erlösenden Ende der Oper. Es liegt damit, ähnlich wie bei Gounods „Romeo et Juliette“ keine vom Komponisten gebilligte Fassung letzter Hand vor. Das zentrale Thema jeder der bisher zur Aufführung gelangten Fassungen bleibt aber dennoch die Sehnsucht nach der ewigen Treue einer geliebten Frau…

TAW_Hollaender_043
Bernard Richter, Ingela Brimberg, Ann-Beth Solvang. Foto: Werner Kmetitsch)

Zu Beginn des Abends erinnerte der Dirigent Marc Minkowski an die 132 Toten der Terroranschläge von Paris vom 13. November und bat das Publikum mit bewegenden Worten um eine Schweigeminute. Im Orchester fehlen die in der späteren Fassung des Holländers zum Einsatz gelangten Harfen, dafür sind die Blechbläser stärker vertreten, was für einen härteren, kantigeren Klang sorgte. Les Musiciens du Louvre setzten unter der Leitung von Minkowski den „französischen“ Orchesterklang, den Wagner noch in seiner Urfassung des Holländers vorgesehen hatte, mit Verve um. Minkowski setzte dabei auf Tempo und Lautstärke, der sich die Protagonisten und der von Erich Ortner präzise einstudierte Arnold Schoenberg Chor unterwerfen mussten. Das eher intime Theateran der Wien erschien daher für diese Art der Aufbereitung und Präsentation von Wagners Fliegendem Holländer fast zu klein.

Der französische Regisseur Olivier Py, Jahrgang 1965, hat in Paris am Conservatoire National Supérieur d’Art Dramatique und am l’Institut Catholique studiert. Von seinen theologischen Studien sind viele Einflüsse in diese Inszenierung eingeflossen. Vordergründig natürlich ein riesiger Totenkopf in dessen linke Augenhöhle Senta gegen Ende der Oper, als Zeichen ihrer Bereitschaft zu sterben, kriecht und drei Skelette, die als Memento für die letzte Station eines jeden Menschen angesehen werden können. Und folgerichtig schreibt Senta auch während der Ouvertüre das Wort „Erlösung“ auf eine Wand einer Lagerhalle. Am Ende der Oper steht dann auf eben dieser Wand das Wort „Erwartung“ geschrieben.In der Urfassung der Oper mündet die „Erwartung“ eben nicht in die „Erlösung“, denn ein„erlösendes“ Finale hatte Richard Wagner ja noch nicht komponiert.

Und eine gesunde Portion Katholizismus kommt einfach ohne Satan (hebräisch: der Ankläger) nicht aus, wird dieser doch schon im Libretto einige Male genannt. Der Tänzer Pavel Strasil schminkt sich schon zu Beginn an einem am linken Bühnenrand positionierten Theatertisch schwarz. Mit dem Erwachen des Geisterchores aus dem Schiff des Holländers, tritt er dann dem Publikum spektakulär und bedrohlich, vollkommen unbekleidet auf einer Schaukel stehend entgegen. Satan (hebräisch: der Ankläger) und Tod verschmelzen für einen Moment, beide bedrohen den Menschen, ersterer dessen Seele, letzterer dessen fleischliches Leben. Und Py spielt mit weiteren Symbolen. So setzt der Steuermann in seinem Traum seiner Geliebten eine Initiationsmaske, vermutlich aus der Südsee, auf, wohl ein Mitbringsel von einer seiner Reisen. Und die Sehnsucht der Seeleute nach „Heimat“ manifestiert sich im ersten Aufzug in einem kleinen Häuschen, das der Tänzer immer wieder wegschafft. Und Py gelingt ein bühnenwirksames Ende, indem eine schwarze per Hand bewegte Plastikplane die Illusion des Meeres entstehen lässt und Senta und der Holländer darauf langsam dem Bühnenhintergrund zuschreiten. Pierre-André Weitz hat für diese vielschichtige Sichtweise auf Wagners vierte Oper eine sich ständig drehende Bühne mit rasch wechselnden Versatzstücken entworfen, die die einzelnen Schauplätze (Hafen, Spinnstube, in der nicht gesponnen wird, Festplatz mit Lichtergirlande) charakterisieren. Bei den Kostümen dominieren die Farben Schwarz und Grau, die Seeleute sind nicht wie Matrosen, sondern wie das auserwählte Volk auf dem Exodus in der dunklen Zeit der NS-Diktatur gekleidet. Bertrand Killy erdachte eine spannende Lichtregie für den „Auftritt“ der Besatzung des Holländerschiffes, indem das Licht in rascher Folge zwischen Rot, Grün und Blau changierte.

Samuel Youn war ein solider Holländer mit gewaltigem, aber leider nuancenarmem Bariton. Die Schwedin Ingela Brimberg verfügt über eine große Stimme, der noch der letzte Schliff fehlt. Während sie zu Beginn der Oper noch lange Haare trägt, hat sie am Ende eine Kurzhaarfrisur, äußeres Zeichen für ihren Exodus. Auch sie erscheint als eine jener, die gezwungen waren, in eine düstere, tödliche Zukunft aufzubrechen…

Lars Woldt, noch sehr gut als Ochs im Rosenkavalier in Budapest in Erinnerung, gab einen wenig patriarchal agierenden Donald mit behäbigem Bass. Bernard Richter empfahl sich mit seinem leuchtenden Tenor als Georg, der nichts von seinem Beruf als Jäger erahnen lässt, für künftige, größere Partien. Die Mary der Ann-Beth Solvang hatte gegen den allzu laut singenden Chor anzukämpfen und Manuel Günther als Steuermann entsprachen beide.

Das Publikum jubelte begeistert und zahlreiche Bravo-Rufe gingen an alle Mitwirkenden, womit sich die in Wien, meines Wissens, erstmals gezeigte „Urfassung“ des Holländers als gelungene Alternative vielleicht einen Stammplatz im Repertoire erobern kann.                            

Harald Lacina

 

 

Diese Seite drucken