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WIEN / Theater an der Wien: DEIDAMIA

30.01.2012 | Oper

WIEN / Theater an der Wien: 
DEIDAMIA von Georg Friedrich Händel
Konzertante Aufführung
30. Jänner 2012 

Es gibt so viele Händel-Opern, dass sich bei Opernfreunden leicht ein „Sammel-Effekt“ einstellt: Zumindest einmal möchte man nach Möglichkeit jede von ihnen gehört haben. Das Theater an der Wien leistet dabei die nachdrücklichste Hilfestellung. Und so konnte man nun die wahrlich selten gespielte „Deidamia“ erleben, die letzte Oper des Komponisten, das Spätwerk von 1741, ein heiteres Werk, Händel light and soft, weit entfernt von den Koloratur- und Virtuosenschlachten seiner hohen Zeit.

Die Handlung ist ja auch gewissermaßen „lustig“, dann dass sich ein Held in Röcken unter Frauen umtut… ja, man kennt es von Homer, Mama Göttin versteckt Sohn Achill, damit er nicht in den Trojanischen Krieg muss, aber Ulisses ist immer schlauer als die anderen – er stöbert Achill im Mädchengewand auf einer Insel auf, denn gejagt hat er ja doch wie ein Mann… Deidamia, die geliebte Königstochter, bekommt ein halbes Happyend: Immerhin darf Achill sie hier heiraten, bevor er unvermeidbar  in den Krieg zieht (das Weitere ist bekannt…).

Dazu schrieb Händel eine schöne, lockere Musik, zwar auch die übliche Abfolge von Rezitativen und Arien und wenigen Ensembles, dazu ein bisschen prachtvolles Blechgeschmettere zur Jagd (was den Hornisten des Complesso Barocco an diesem Abend nicht optimal aus den Kehlen kam). Die Titelheldin darf meist lyrisch und auch leidend singen, Achill hat, als er sich (natürlich fälschlich!) betrogen wähnt, eine possierliche Zank- und Empörungsarie, Ulisse intrigiert und attackiert, kurz, es wären alle Voraussetzungen für ein akustisches Vergnügen da.

Nun hat es Abende gegeben, an denen man nach einer konzertanten Händel-Oper regelrecht aus dem Theater an der Wien geschwebt ist, so schön wurde musiziert und gesungen. Dieses uneingeschränkte Glück stellte sich bei „Deidamia“ nicht ein. Dabei will man nichts gegen Dirigenten Alan Curtis sagen und sein angenehm stringentes Durchziehen der Musik (wo so viele Wiederholungen lauern, darf man nicht auch noch brodeln), und Il Complesso Barocco mag zwar manchmal ein bisschen hart klingen, aber die Musiker liefern  doch das, was wir heute unter „Händel-Ton“ verstehen.

Das Problem lag bei den Sängern. Sagen wir es pauschal – vier Damen und zwei Herren bereiteten keine höheren Wonnen, wobei alle vier Damen geradezu schrecklich schrill in der Höhe wurden. Da muss man gar nicht ins Detail gehen, es war jedenfalls kein Vergnügen.

Im übrigen wirkte die blonde Kanadierin Karina Gauvin in der Titelrolle anfangs unsicher, sang sich aber dann mit Innigkeit in die Huld des Publikums. Die Schwedin Klara Ek, ein bisschen dünnstimmig, gab den Achille, die Schweizerin Marie-Claude Chappuis, immer am Sprung, mit lebhaftester Körpersprache, einen doch sehr hart und nicht eben sauber attackierenden Ulisse, der sich in die Ohren bohrte, und die Römerin Roberta Mameli hatte mit breiter, dunkler Mittellage wohl das schönste Timbre, aber – wie die anderen – auch eine ziemlich quälende Höhe zu bieten.

So richtiger Händel-Genuss wurde es nicht, auch nicht bei den Herren, zwei sehr dunkle Stimmen, der Norweger Johannes Weisser rau und zupackend, Antonio Abete brutaler und zugleich wackliger in der Stimmführung, als man es gerne hatte.

Aber das Werk überzeugte, und das Publikum wollte sich die Freude nicht nehmen lassen: Entsprechend freundlicher Beifall, wie immer. Der Einsatz der Interpreten ließ ja auch nichts zu wünschen übrig – nur die klangliche Schönheit des Gebotenen.

Renate Wagner

 

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