Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Theater an der Wien: CHRISTUS AM ÖLBERGE

31.03.2012 | Oper

WIEN / Theater an der Wien: 
CHRISTUS AM ÖLBERGE von Ludwig van Beethoven
31. März 2012 

Das Theater an der Wien hat seinem Publikum zur Eröffnung des „Osterklangs 2012“ ein opulentes philharmonisches Wochenende beschert. Zu den üblichen „philharmonischen“ Terminen (Samstagnachmittag, Sonntagvormittag) trat das Orchester unter Philippe Jordan zu einem Beethoven-Konzert an, das nicht nur in den Solopartien ganz groß besetzt war, sondern auch Raritäten-Charakter hatte: Denn wann –Freunde geistlicher Musik stöbern vermutlich in ihrem Gedächtnis – hat man Beethovens einziges Oratorium „Christus am Ölberge“ zuletzt gehört? Freilich bestätigen die Ausgrabungen selten gespielter Werke, dass sie im allgemeinen zu Recht nicht oft aufgeführt werden: Denn so eindrucksvoll das Ganze selbstverständlich ist, so schwingt es sich doch erst gegen Ende zu jener ultimativen Pracht auf, die man mit dem besten Beethoven verbindet.

Das Oratorium, für die Osterwoche 1803 geschrieben und in ebendiesem Theater an der Wien uraufgeführt, wo man es nun neu belebte, wurde von dem mittlerweile vergessenen Schriftsteller Franz Xaver Huber gedichtet, in deutscher Sprache, etwa eine Stunde lang, mit Christus als dramatischer Hauptfigur: Er fürchtet eingestandenerweise den Tod, der ihm bevorsteht, und er bleibt im Zentrum des Geschehens. Petrus will ihm gegen die Krieger zur Seite stehen, die ihn holen kommen, aber quasi als Stimme von oben besänftigt ein Seraph, bis Christus sein Schicksal annimmt und die Erlösung gepriesen wird. Dem liegt ein nicht eben hochrangiger Text zu Grunde.

Selbstverständlich klingt die Musik über weite Strecken herrlich, und im Grunde ist Beethoven (zumindest die erste Fassung des „Fidelio“ stand ja damals schon vor der Tür) bei diesem Oratorium äußerst opernhaft verfahren, vor allem in der Rolle des Christus, hinter dem Florestan wetterleuchtet. Auch der Chor, der hier besonders großartig ausgefallen ist, zeigt sich Beethoven auf dem Weg zur Oper, und nur der Seraph – hoch, höher, am höchsten und geradezu virtuos schwierig angelegt – wirkt nicht unbedingt für diesen Komponisten typisch.

Das Theater an der Wien hat dieses Konzert hoch besetzt: Johan Botha (mit Föhnfrisur, locker in die Stirn und lang im Nacken, dazu kleines Bärtchen und kleine Brille) ließ hören, wie tenoral anspruchsvoll die Partie des Christus ist, er „drückte“ mehr, als man es von ihm gewöhnt ist. Immerhin – man täte sich schwer, sich an einen so dramatischen, auch kämpferischen Christus in der Oratorienliteratur zu erinnern. Camilla Nylund schwang sich mit silbrigem, leicht belegt klingendem Sopran in die höchsten Höhen des Seraph, und man war erstaunt, in der wirklich minimalen Rolle des Petrus ein Schwergewicht wie Gerald Finley zu hören (lange nicht so ausführlich gefordert, wie man es gerne gehabt hätte). Als vierter „Solist“ ist absolut der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) zu nennen.

„Christus am Ölberge“ und davor die Symphonie Nr. 2 (auch in diesem Haus uraufgeführt) lagen in den Händen der Wiener Philharmoniker, zu denen man wirklich nichts sagen muss (zumal als Beethoven-Interpreten) und des Schweizers Philippe Jordan –  der, mit der Mega-Karriere, die ihn ab 2014 noch enger an Wien binden wird, wenn er den Chefposten der Wiener Symphoniker übernimmt. Jordan weiß um die oft schroffen Gegensätze innerhalb Beethovens Musik, wobei er persönlich eher auf die dramatischen Akzente setzt – schon seine Zeichengebung ist so preußisch-zackig, dass man manchmal lächelnd an Karikaturen (ein bisschen Kapellmeister Kreisler?) erinnert wird?

Das Ergebnis jedenfalls überzeugte, das Publikum nahm schon die „Zweite“ vor der Pause und dann gar den „Christus“ stürmisch auf.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken