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WIEN/Theater an der Wien: „CARLO IL CALVO von Nicola Antonio PORPORA (Konzertante Aufführung)

Barocker Extremsport für geläufige Gurgeln

21.09.2020 | Oper in Österreich


Max Emanuel Cencic. Foto: Bayreuth/ Lukasz Rajchert

WIEN/Theater an der Wien: „CARLO IL CALVO von Nicola Antonio PORPORA (Konzertante Aufführung)

Barocker Extremsport für geläufige Gurgeln

20.9. 2020 – Karl Masek

Das kommt in der Operngeschichte vermutlich sehr selten vor: Die Titelfigur CARLO IL CALVO (Karl der Kahle) ist eine stumme Knabenrolle.

Carlo il Calvo ist ein Nachzügler aus zweiter Ehe in der karolingischen Erbfolge Ludwigs des Frommen. Wenn es ums Erben geht, ist das immer kompliziert und konfliktträchtig. Ludwig der Fromme hat zweimal geheiratet. Sohn Lottario (Max Emanuel Cenčić) aus erster Ehe wird bei der Teilung des Reiches zum „Mitregenten“. Die 2. Frau, Giuditta (Suzanne Jerosme)  bringt Ludwig aber dazu, das Testament zu ändern und den damals 6-Jährigen Carlo zum Herrscher jener Gebiete zu ernennen, die er Lottarios Erbe wegnahm. Damit: Machtgerangel, Hass, Todfeindschaft zwischen den verschiedenen „Clans“, wie man heute sagen würde, ergeben eine barocke Oper, angereichert mit 2 Liebesgeschichten.  Adalgiso, der Sohn Lottarios (Franco Fagioli), ist in Gildippe, Tochter Giudittas (Julia Lezhneva), verliebt. Und die andere Tochter Giudittas, Eduige (Nina Wang),  verschaut sich in den smarten Anwalt der Familie, Berardo (Bruno de Sá). Die Liebenden geraten in die Fronten Lottarios und in einen veritablen Stiefmutterkrieg.

Das Ganze in 3 Akten, 34 Szenen und einer schier unendlichen Perlenkette an Arien-Aneinanderreihungen.. Wie immer ein spätes lieto fine.  Das 40. Opernwerk von Nicola Antonio Porpora (1686-1769) fand übrigens 1738 in Rom seine Uraufführung.

Cenčić hat auch als Regisseur Furore gemacht und brachte das Werk vor wenigen Wochen zu einer offenbar äußerst erfolgreichen szenischen Aufführung, wie verschiedentlich zu lesen war. Ort: das Bayreuth Baroque Festival und das Markgräfliche Opernhaus Bayreuth. Für eine konzertante Wiedergabe machte man nun auch in Wien Station. Ohne die Titelfigur, die begreiflicherweise für das Arienkonzert nicht mitreiste…

Aufgrund der aktuellen Covid-19-Situation wurde eine komprimierte Version präsentiert. Um auf eine pausenlose Vorstellung zu kommen, wurden sämtliche Rezitative sowie 5 Arien gestrichen. Man kam damit auf 2 Stunden und 20 Minuten Spielzeit.

Es wurde also eine Arien-Gala mit 3 Superstars der Barockszene und 4 höchst erfreulichen Newcomern. Man tat gut daran,  die Details der typischen Intrigen, Verwicklungen, Liebeswirrnisse,… in einer „schrecklich netten Familie“ außen vor zu lassen.

Für die  Barock-Enthusiasten schien ohnehin musikalischer Extremsport für geläufige Gurgeln den Abend auszumachen. Man war schier aus dem Häuschen über all die Wunderwerke des Ziergesangs: Irrwitzige Koloraturkaskaden, halsbrecherische Intervallsprünge, sozusagen in sängerischer Bungee-Jumping-Manier, langer Atem bei den unendlich anmutenden Legatobögen, wildes „affetuoso“ mit atemberaubenden Registerwechseln und Tönen, die bei Zornesarien wie Blitze daherkamen. Schmachten, Seufzen, Klagen, ein Feuerwerk an Fiorituren und Trillern, alles in circensische Kehlkopf-Künststücke gegossen.

Mir geht es bei aller Bewunderung für Akrobatisches aber auch immer wieder so: Ein Übermaß bewirkt dann auch eine Einförmigkeit. Nach 6, 7 Bravourstückeln hintereinander sehne ich mich nach einem dramatischen Rezitativ, nach vielen Soli wäre auch einmal ein Duett oder ein Ensemble schön. Im gegenständlichen Fall kommt ganz zum Schluss endlich ein Lieto fine-Liebesduett (Adalgiso kriegt sehr spät seine Gildippe!). Es wird prompt zum absoluten und besonders bejubelten Highlight des Abends, auch, weil hier hinter der glänzenden Stimmband- und Kehlkopfakrobatik Seele spürbar war in Porporas Musik.

Max Emanuel Cenčić (immer mehr in Altus-Regionen unterwegs) war der um Erbteil und Macht gebrachte, rachsüchtige Bösewicht Lottario.  Er hat die vielleicht farbenreichste Stimme des Abends für den Bösen: Cremige Schmeichelvaleurs in der Mittellage, dramatische, bedrohliche Schärfe für den Hass. An diesem Abend war er überdies bestens disponiert.

Franco Fagioli
Franco Fagioli. Foto: Studio Igor/DG

Franco Fagioli war in der Farinelli-Rolle jeder Zoll der Liebhaber, der „Gute“.  Und so überhaupt nicht schwachsinnig, wie von seinem Bühnenvater Lottario denunziert! Mit stratosphärischer Brillanz kommen seine Höhenexzesse, als wäre derlei das Leichteste auf der Welt. Beim Liebesduett verschmilzt er mit dem Wundersopran der Julia Lezhneva, auf faszinierende Weise. Wie die Lezhneva überhaupt für mich die schönste Stimme des Abends war. Derzeit vermutlich konkurrenzlos in allem, was ein barocker Sopran an warmen Stimmfarben, apartem Timbre, federleichter Beweglichkeit und humanem Grundton hergibt.

Julia Lezhneva
Julia Lezhneva. Foto: Simon Fowler

Ja, und noch ein 3. Counter (die gibt es mittlerweile wie Sand am Meer) war zu bestaunen: Der blutjunge Brasilianer Bruno de Sá. Der Sopranist mit dem glockigen Knabentimbre (aber zugleich mit stupenden Kraftreserven) nahm das Publikum mit seraphischen Tönen, aber auch mit ironisch-neckischem Ausdruck für sich ein (der Berardo ist ja auch ein ziemlich windiger Typ!).

Die Damenwelt war weiters vertreten durch Suzanne Jerosme (fabelhaft als stimmlich attraktive Stiefmutter Giuditta mit auch in diesem Rahmen starker Bühnenpräsenz) und dem weichen Mezzosopran Nina Wang als fügsame Tochter.

Den Tenor (und Intriganten, der im Auftrag Lottarios Gerüchte streut, er heißt Asprando) hat Porpora recht stiefmütterlich behandelt. Vom jungen tschechischen Newcomer Petr Nekoranec (beweglicher Tenor mit charakteristischen Farben) hätte man gerne mehr gehört.

Gewohnt superbes, elastisch-federndes  und schwungvoll-akzentuiertes  Spiel kommt von  der griechischen Formation Armonia Atenea unter der temperamentvollen Leitung von George Petrou.

Die Aficionados schwelgten.

Karl Masek

 

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