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WIEN/ Theater an der Wien: BÉATRICE ET BÉNÉDICT

23.04.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

TadW Héctor Berlioz Béatrice et Bénédict 22.4.2013 (Premiere am16.4.) –


Foto: Theater an der Wien

Zwischen den Jahren 1860 und 1862 verfasste der Komponist, zeitlebens ein glühender Bewunderer Shakespeares, diese opéra-comique in zwei Akten basierend auf dessen comedy „Much Ado About Nothing“ nach einem selbst verfassten Libretto auf Wunsch des Direktors des Casinos in Baden-Baden, Edouard Bénazet (1801-1867). Am 9. August 1862 fand dann die Uraufführung anlässlich der Eröffnung des Stadttheaters am Goetheplatz in Baden-Baden in französischer Sprache unter des Komponisten höchstpersönlicher musikalischer Leitung statt. Ein Jahr später, am 8. April 1863, fand dann die deutschsprachige Erstaufführung am Hoftheater in Weimar in der Übersetzung des Komponisten und Musikschriftstellers Richard Pohl (1826-1896) statt.

In den letzten Jahren erinnerte man sich auch andern Orts dieses völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Meisterwerks von Berlioz. So hatte etwa 2009 das Théâtre du Châtelet und 2010 das Théâtre national de l’Opéra-Comique in Paris das Werk mit großem Erfolg auf die Bühne gestellt.

Wer in der glücklichen Lage war, den französischen TV-Sender Mezzo zu empfangen, auf den der wenig kulturbeflissene Kabelfernsehanbieter in Österreich zugunsten unzähliger Sportsender leichten Herzens verzichtete, konnte sich schon vor der Aufführung im Theater an der Wien mit dieser herrlichen Oper durch eine Aufzeichnung aus der Opéra Comique in der äußerst witzigen Inszenierung von Dan Jemmett, dem Bühnenbild von Dick Bird, den Kostümen von Sylvie Martin-Hyszka und einer inspirierten Choreographie von Cécile Bon einen ersten Eindruck verschaffen. (http://www.artistikrezo.com/musique/Classique/opera/beatrice-et-benedict-dhector-berlioz.html )

Und noch vor dem Theater an der Wien feierte Berlioz‘ komische Oper übrigens auch am Deutschen Nationaltheater Weimar am 8. April 2013 ihre Premiere.

Das Problem dieser komischen Oper liegt allerdings in den langen französischen Dialogen, auch wenn Berlioz sie beinahe eins zu eins aus der englischen Vorlage übernommen hatte. Selbst die Opéra-Comique in Paris kürzte, was das Zeug hielt, und führte die Figur des Alberto (köstlich: Bob Goody) ein, der als Erzähler auf Englisch durch die Handlung führte und Originalzitate Shakespeares beisteuerte.

In Weimar nahm man gleich eine Zweiteilung vor, indem die Dialoge von Schauspielern auf Deutsch gesprochen wurden.

Von der Wiener Besetzung darf man zwei Interpreten, nämlich dem in Neuchâtel geborenen Schweizer Tenor Bernard Richter, Interpret des Bénédict, und der französischen Sopranistin Madeline Ménager-Lefebvre, die in der Besetzung als „une femme“ aufscheint, Französich als „langue maternelle“ unterstellen.


Foto: Theater an der Wien

Leo Hussain am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien gebührt Lob und Dank zugleich, dieses Juwel französischer Musik nun endlich auch in Wien einem dankbaren Publikum vorgeführt zu haben. Die herrliche Ouvertüre, die alle Themen der Oper zusammenfasst, ist geradezu symphonisch wie die Ouvertüren bei den Opern von Carl Maria von Weber. Die berühmte „Sicilienne“, der man gleich zweimal in dieser Oper begegnet, variiert ein früheres Thema von Berlioz aus der Romanze für Stimme und Klavier von 1819 „Le Dépit de la Bergère“ (Der Trotz der Hirtin). Hussain, der zuletzt mit seinem Tristan am Landestheater Salzburg aufhorchen ließ, erwies sich auch als einfühlsamer Interpret Berlioz‘. Behutsam trug er die Sänger durch die scheinbar so leicht dahinfließende Musik und ließ ihnen genügend Raum zur Entfaltung ihrer Stimmen, denn den Protagonisten wird von Berlioz einiges abverlangt.

Es ist bereits die dritte Arbeit des dänischen Regisseurs und Intendanten des Royal Opera House Covent Garden Kaspar Holten am Theater an der Wien. Er verlegt die in Messina zwischen Mittag und Mitternacht des 17. Jhd. spielende Komödie in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Die Handlung duldet keinen Stillstand und so hat Bühnenbildnerin Es Devlin für diesen Geschlechterkampf gleich eine passende Drehbühne eingerichtet, auf der der Schlagabtausch zwischen den Protagonisten schon einmal als Tennismatch stattfinden kann. Die prächtigen Kostüme vor allem bei den Damen ersann Moritz Junge und sind in der Jahrhundertwende angesiedelt. Auf einer bei passender Gelegenheit hoch gezogenen Trennwand auf dieser Drehbühne sieht man dann Videoeinspielungen von Finn Ross, wohl als Ersatz für kostspielige Tanzszenen. Die dynamische, mit allerlei Gags aufwartende Slapstick artige Bewegungsregie Holtens erinnert an die große Zeit der Screwball-Comedys der 30ger und 40ger Jahre in Hollywood, deren besonderes Merkmal der geistreiche Wortwitz und das rasante Tempo waren. Besonders spannende Momente in diesem humorvollen Kampf der Geschlechter zwischen Sauna, Bar und Kirche, tauchte Bruno Poet zusätzlich in eine ausgefeilte Lichtregie.

Die schwedische Mezzosopranistin Malena Ernman, gekleidet wie ein richtiges Trotzköpfchen, das sich um jeden Preis den Verlockungen der Liebe schon rein äußerlich entgegen stemmen will, führte überzeugend die Wandlung von der störrischen Zicke zur gereiften Partnerin vor, die Bénédicts Avancen im Finale zuletzt doch noch erliegt. Bei den zahlreichen Spitzentönen ihrer Partie stieß sie jedoch hörbar bald an ihre Grenzen.

Der Schweizer Tenor Bernard Richter war schon rein äußerlich mehr ein Bonvivant als ein aus dem Krieg heimkehrender geschundener Bénédict. In der Mittellage strahlte sein jugendlicher Tenor, nur in der Höhe wurde es fallweise doch etwas eng. Macht nichts, sein intensives Spiel entschädigte umso mehr!

Als zweites Paar bestach die deutsche Sopranistin Christiane Karg in der Rolle der Héro mit sattsam dahin perlenden Koloraturen, die von Béatrice immer wieder durch verächtliche Missfallenskundgebungen gestört wurden. Ihr Partner war der solide weißrussische Bariton Nikolay Borchev in der kleinen aber wichtigen Rolle des reichen Claudio.

Ann-Beth Solvang als Ursule darf gegen Ende des ersten Aktes gemeinsam mit Christiane Karg als Héro das wunderschöne Nocturne „Nuit paisible et sereine!“ singen und dafür auch verdienten spontanen Szenenapplaus einheimsen. Bravo!

Martin Snell und Thomas Engel ergänzten rollengerecht und exzellent im Vortrag in den kleineren Rollen als Gouverneur Don Pedro und als General Léonato.

Der ungarische Bass Miklós Sebestyén unterstrich in der komischen Rolle des Kapellmeisters Somarone, für den Gaspare Spontini als Vorbild herhalten musste, sein großes darstellerisches Talent. Zunächst dirigierte er verzweifelt den alles andere als homogen à capella singenden Arnold Schoenberg Chor „Mourez tendres époux / Que le bonheur enivre!“, und durfte im Anschluss im Dialog mit dem Gouverneur sogar ein mit ungarischem Zungenschlag durchsetztes Deutsch sprechen! Im zweiten Akt trug er gemeinsam mit dem Chor die köstliche Trinkarie „Le vin de Syracuse / Accuse / Une grande chaleur / Au Coeur“ genüsslich vor.

Das scheinbar bedeutsamste Nichts dieser Welt, die Liebe, gewann in der Umsetzung des Theaters an der Wien zahlreiche Freunde. Das bewies zuletzt auch der dankbare Applaus des Publikums, dem die Aufführung sichtlich eine große Freude bereitet hatte.

 Es ist also noch nicht das letzte Urteil über diese völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Oper gefällt worden und man wird ihr, das wird die Zukunft weisen, sicherlich noch öfters in einer szenischen Realisierung begegnen.

Harald Lacina

 

 

 

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