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WIEN / Theater an der Wien: ARMIDA

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WIEN / Theater an der Wien:
ARMIDA von Antonio Salieri
Konzertante Aufführung 
29.
Juli 2021

„Amadeus“ von Peter Shaffer ist ein so gutes Stück, weil es Wolfgang Amadeus Mozart nicht als Götterjüngling, sondern als schrägen Wildfang darstellt (der er vielleicht gewesen ist). Aber eigentlich befasst sich der britische Autor mit Antonio Salieri (1750-1825), der als italienischer Waisenjunge nach Wien kam und hier eine außerordentliche Karriere machte. Er war so umfassend ausgebildet und so begabt, dass er im „Musikmanagement“ der Stadt eine ebenso große Rolle spielte wie als Komponist in vielen Sparten und als Lehrer einer Unzahl berühmt gewordener Schüler. Wahrscheinlich war er Kaiser Joseph II. sogar lieber als der lästige junge Mozart, und doch… vielleicht war dieser Mozart wirklich, wie Peter Shaffer annimmt, der Stachel im Fleisch des Antonio Salieri. Denn gerade, weil er am allerbesten wusste, was Qualität ist, musste er auch erkennen, dass dem Rivalen aus Salzburg jener Götterfunken zuteil geworden war, der ihm fehlte. Und tatsächlich – was ist von Mozart geblieben? Fast alles. Was ist von Salieri geblieben? Fast nichts. Hielte sich nicht das Gerücht, er habe Mozart ermorden lassen, seit 220 Jahren, was wüsste man von Salieri?

Gelegentlich, ausnahmsweise wird er aufgeführt. Im Theater an der Wien nun konzertant mit seinem Frühwerk „Armida“, das 1771 (sein Schöpfer war 21 Jahre alt) im Burgtheater erstmals gespielt wurde. Noch einmal die berühmte Zauberin aus Tassos „Befreitem Jerusalem“, aber der Schritt aus der Opera Seria der Barockzeit heraus war schon getan. Man meint geradezu zu hören, wie Salieri die Erkenntnisse seines Lehrers und Kollegen Gluck (der sechs Jahre später auch eine „Armide“ schrieb) verinnerlicht hatte. Das ist Musik, die zwar noch von Zeit zu Zeit (aber nicht mehr überbordend) die Virtuosität der vergangenen Epoche bedient, aber quasi romantischer ist, weniger schematisch, stimmungsstark (wobei Salieri in Orchesterpassagen, wenn er die düstere Welt der Zauberin malt, in unseren Ohren besonders reüssiert).

Auch das Libretto von Marco Coltellini hat die „große Oper“, wie man sie von den Vorlagen des Metastasio gewöhnt war, abgeschüttelt. Fast ein Kammerspiel, vier Personen unter sich, allerdings mit einem wichtigen Chor, der wie Nymphen säuseln und wie Dämonen auftrumpfen muss.

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Christophe Rousset, der das Orchester Les Talens Lyriques, vor dem er nach wie vor steht, vor 20 Jahren gegründet hat, bringt dazu den 20köpfigen Le Chœur de Chambre de Namur mit nach Wien. Er selbst dirigiert mit Schwung, mit Begeisterung und als begnadeter Sängerbegleiter. Wenn trotz der relativ geringen Aufführungsdauer (zwei Stunden, 10 Minuten) das Werk gelegentlich durchhängt – dann lag es am Komponisten. Es ist (Vergleiche zu Rossini etwa darf man wirklich nicht ziehen) kein Meisterstück. Aber sehr interessant zum Kennenlernen.

Man würde es dramaturgisch verfahren nennen, wenn der erste Akt (über eine halbe Stunde) neben dem Chor nur zwei Nebenfiguren bringt, aber sie sind für die Handlung nötig. Der Kreuzritter Ubaldo sucht seinen verschwundenen, von der Zauberin Armida auf ihre Insel gebrachten Gefährten Rinaldo. Ismene, Armidas Vertraute, will Ubaldo zurück halten – aber der hat schon von seinem Komponisten viel Kraft mitbekommen.

Ab dem zweiten Akt dominieren Armida und Rinaldo – als Liebespaar. Dass er sich in sie verliebt hat, ist klar. Aber sie wollte ihn ja eigentlich nur aus dem Verkehr ziehen (Kreuzritter sind für ihr Reich gefährlich) – und jetzt liebt sie ihn leidenschaftlich. Das wird lange und schön besungen. Aber sie fürchtet auch zu Recht, dass er sie verlassen wird, wenn ihr Bann gebrochen wird. Davon handelt der Rest der Oper, wenn Rinaldo immer wieder zwischen Liebe (Armida) und Pflicht (Ubaldo) hin und her gerissen wird – und sich natürlich (Kreuzritter müssen das) für die Pflicht entscheidet. Das ergibt für Armida eine Schlußszene, in der sie Wut und Fluch überdimensional entfalten darf.

Zuerst also Ismene, die Israelin Hagar Sharvit mit ausdrucksvollem Mezzo, und Ubaldo, der britische Baßbariton Ashley Riches mit etwas dürrem Organ, aber bemerkenswerter Ausdruckskraft, die fehlendes „Unterfutter“ der Stimme kompensiert.

armida lenneke ruite xx~1Dann erscheinen zwei wunderhübsche junge Frauen auf der Bühne, sie sind einander sogar ähnlich, und manchmal klingen sie auch ähnlich… Aber immerhin, diejenige, die den langen rosa Rock trägt, ist Lenneke Ruiten als Armida, eine Partie mit mörderisch hoher Tessitura. Und sie klettert immer noch höher, und wenn sie es gemeinsam mit der Kollegin tut, schrillen die beiden gelegentlich schon gewaltig. Aber sie müssen sich ja mit Ausnahme weniger lyrischer Passagen dramatisch wirklich voll ins Zeug legen. Die Kanadierin Florie Valiquette als Rinaldo kann das auch, und es wundert nicht, wenn man im Programmheft ihr Repertoire liest, von Carmen bis Pamina, sie schwingt sich tatsächlich nur so durch die Oktaven. Der reich bedachte Chor schmiegt sich immer wieder bereichernd durch die Arien, Duette, Ensembles.

Am Ende gab es freundlichen Beifall, man war froh, das Werk kennen gelernt zu haben, wenn auch klar ist, dass es – wie der restliche Salieri – immer nur Raritätenprogramm sein wird und nie Repertoire. Wahrscheinlich hat Salieri selbst es gewusst, und Peter Shaffer hat in „Amadeus“ nur seine Gedanken gelesen…

Renate Wagner

 

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