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WIEN / Theater an der Wien: ALCINA

18.10.2014 | Oper

 Alcina Joyce

WIEN / Theater an der Wien:
ALCINA von Georg Friedrich Händel
Konzertante Aufführung in italienischer Sprache
17. Oktober 2014 

Schauplatz: Theater an der Wien. Der Andrang zur konzertanten Aufführung von Händels „Alcina“ schien größer als zur Gluck-Premiere am Tag davor, der Stehplatz war mit Sicherheit doppelt so voll bzw. ganz voll. Der Grund war leicht einzusehen: Da gibt es einen Weltstar, den wir hierzulande so gut wie nie live zu sehen bekommen – ein einziges Mal (!) hat Joyce DiDonato bisher an der Wiener Staatsoper gesungen, und das Theater an der Wien „erwischt“ sie auch nur, wenn man sich in einen ihrer Tourneetermine einhaken kann. Wie diesmal, wo sie „unszenisch“ und doch live eine Rolle singt, die sie vor fünf Jahren bereits auf CD aufgenommen hat.

Denn mit Joyce DiDonato als „Star“ unternimmt  The English Concert-Orchestra unter der Leitung von Harry Bicket eine Kurzreise mit Händels „Alcina“, die zwischen dem Londoner Barbican als Ausgangspunkt und der New Yorker Carnegie Hall als Endpunkt noch ein paar europäische Zwischenstopps einlegte, zwei in Spanien (Pamplona und Madrid), dann folgte Wien, schließlich steht noch Paris an, bevor es über den großen Teich geht.

Zweifellos ein ziemlich ökonomisches Unternehmen, das Geld bringen wird und mit der DiDonato als Star so gut wie risikofrei ist. Wie man Londoner Berichten entnimmt, ist ihr dort Publikum und Presse zu Füßen gelegen, und in Wien wird’s nicht anders sein – vom Publikum weiß man es schon, und die Presse wird auch stimmen. Bis auf die ewigen Mäkler…

Händels „Alcina“ also, die man mit der schönen Harteros vor vier Jahren in der Staatsoper gesehen hat, damals überzeugt, dass der – damals noch neuere – Direktor nach dem Erfolg gesteigert auf Barock setzen würde, aber Schnecken: Mit Ausnahme einer sang- und klanglos untergegangenen Gluck-Alceste gibt es seither Business at usual, oder nennen wir es vereinfacht: Oper nach Mozart. Der Status des Theaters an der Wien als Hort der „alten Musik“ (kurz: Oper vor Mozart) ist nicht angetastet. Dennoch – ob das Publikum ohne Joyce dermaßen in die „Alcina“ (Spielzeit: ziemlich exakt vier Stunden) geströmt wäre, möchte man bezweifeln…

Alcina_Westwood Kleid
Dieses Foto haben wir uns aus London geborgt, um einen Eindruck der Vivienne Westwood-Robe zu verschaffen, die Joyce DiDonato als Alcina trägt

Reden wir erst von ihr, von Joyce DiDonato, dem 45jährigen Weltstar, die nicht zuletzt deshalb so sympathisch ist, weil sie immer wieder vom Mainstream abweicht, scheinbar eine ganz normale, vernünftige, quirlige Frau – und dann doch eine „Drama Queen“, mit deren Virtuosenarien sie so erfolgreich unterwegs war. Als „Queen“ erscheint sie auch optisch, wenn sie Händels Zauberin Alcina konzertant verkörpert, und selbst, wenn es nicht im Programmheft stünde (dort erfährt man auch noch, wo man’s kaufen kann… das ist Joint Venture!), würde man hinter der Robe etwas Besonderes vermuten: Keine Geringere als Vivienne Westwood hat sie entworfen, schwarzer „geschuppter Seidenjacquart mit zersplittertem Glas auf vielfarbigem Tüllrock…“ Mann o Mann, das macht Effekt.

Nun sollte man meinen, Joyce DiDonato brauchte keine „Hilfe“, um mit sechs stimmungsmäßig durchaus verschieden schattierten Arien, zwischen Leid und Leidenschaft, beides exzessiv, alles an sich zu reißen. Und dass sie eine tolle Persönlichkeit ist, die da mit ihrem „Irokesen“-Look (zumindest stehen ihr die Haare über der Stirn steil zu Berge) gewaltig die Bühne beherrscht, unterliegt keinem Zweifel. Dass sich ein Mezzo, der sich sonst hauptsächlich in Belcanto zwischen Rossini und Donizetti umtut, mit solch hochdramatischem Händel leicht die Stimme ruiniert, glaubt man dennoch nicht selten zu hören – nicht nur in den Sopranhöhen, auch wenn sie die meisten davon souverän nimmt, auch in Übergängen, in Phrasen, die schlicht und einfach nicht schön klingen. 

Aber da es ja im Musikleben Ikonen gibt, von Bartoli bis Gruverova, die DiDonato gehört sicher dazu, an denen nicht gerüttelt und nicht das kleinste gekrittelt werden darf, sollte man sich lieber in Freude über die Live-Begegnung der Macht der Persönlichkeit beugen und sich sagen, dass man diese Zauberin nicht vergessen wird.

An ihrer Seite Alice Coote, die auch sehr spät zu ihrem Wien-Debut kam (in der Staatsoper hören wir sie demnächst im „Rosenkavalier“): Während in der Wiener Alcina der Gegensatz Alcina / Ruggiero in Harteros / Kasarova  durch einen echten Sopran und einen echten Mezzo gegeben war, singen DiDonato und Coote im Grunde dasselbe Fach, und wenn die Stimme der (in ihrer Erscheinung sehr männlich wirkenden) Alice Coote auch in den lyrischen Passagen weicher und wärmer fließt, so fehlte doch der wahre Kontrast.

Abgesehen davon, dass weder sie noch der Star des Abends noch irgendeiner der anderen Sänger die durchaus exakt-virtuos gemeinten Koloraturen von Händel wirklich sauber hinbekommen hat. Dafür waren aber alle so stürmisch bei der Sache, dass man es für den Schwung des Gebotenen eintauschte (mit Ausnahmen jener Passagen, wo der Abend durchhing, was bei vier Stunden und einer ununterbrochenen Arien-Abfolge unvermeidlich ist).

Durchaus reüssieren konnten die anderen, weniger bekannten Damen des Abends: Anna Christy (schwanger, wenn man sich nicht irrt, aber das stellt neuerdings offenbar kein Hindernis dar, auf die Bühne zu gehen) sang die Morgana mit hellem, leichten Sopran und war in ihrem Ausdruck oft Rübensüßchen und Quietscherpuppe zugleich, was durchaus reizvoll wirkte.

Für Sonia Prina, die Mezzosopranistin (auch) mit wilder Frisur und schwarzem Hosenanzug eng am Leib, liegt das Wort „rassig“ nicht nur optisch auf der Hand, diese Spezialistin für alte Musik dominierte mit ihrem dunklen, kraftvollen Timbre die Szene, wann immer sie auftrat.

Nicht mit einem Sängerknaben wie bei uns war der Oberto besetzt, sondern mit der Sopranistin Anna Devin, die nicht nur schlank, jung und bezaubernd wirkte, sondern kurz vor dem Ende mit der Arie, wo sie Alcina wacker beschimpft („Barbara!“, also „Grausame!“) und das mit wütenden Koloraturen tut, noch einen dicken Sonderapplaus einfahren konnte.

Der war dann für die Herren, die in dieser Oper relativ unwichtig sind, weniger da, auch weil Tenor Ben Johnson  (Oronte) und Baß Wojtek Gierlach (Melisso) ihre Randexistenzen nicht durch besondere Leistungen aufputzen konnten.

Bewundernswerter Bestandteil dieses Abends war das Orchester The English Concert, ein phänomenal auf einander eingespielter Apparat, denn sonst wäre es nicht möglich, dass sein Chef, Dirigent Harry Bicket, an seinem Archicembalo sitzt, ununterbrochen begleitet, fast nie eine Hand frei hat und folglich wohl nur durch Blicke und Kopfzeichen kommunizieren kann – und dennoch entsteht ein so frisches, dynamisches, friktionsfreies Musizieren, wie es zumal bei alter Musik nicht die Regel ist. Auch die vielen Solo-Einsätze einzelner Instrumente (abgesehen davon, dass auch Arien nur von Cembalo, Cello und Theorbe begleitet wurden) gelangen fabelhaft, ob es die komplizierten Hörner sind, die seltsamen Oboen oder das Tamburin, das ganz am Ende noch zum Einsatz kam.

Die Begeisterung war groß, und die Begeisterung für die Titelheldin zeigte, dass es in der Oper mehr gibt als nur den Schönklang einer Stimme.

Renate Wagner  

 

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