Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Tag: TORVALD

24.11.2014 | Theater

Torvald_c_JudithStehlik_9933
Foto: Judith Stehlik

WIEN / Tag:  
TORVALD von Rachelle Nkou
Sehr frei nach „Nora oder Ein Puppenheim“ von Henrik Ibsen
Uraufführung
Eine Produktion von DAS GUT in Kooperation mit dem TAG
Premiere: 24. November 2014 

Torvald Helmer war immer eine hoch interessante Figur, meist schräg, falsch oder unter-belichtet, wenn Ibsens Nora, seine Gattin, als bedauernswerte Heldin betrachtet wird. Aber wer, der im Lauf seines Lebens durch viele „Nora“-Inszenierungen gegangen ist, hat sich nicht gefragt, was in dem Kopf eines Mannes vorgeht, der dieses Weibchen zur Frau hat, den Kopf voll Arbeit und Problemen, Geldsorgen, die er nicht mit ihr teilen will, hin- und hergerissen zwischen Beruflichem und Privatem und ziemlich begreiflich  überfordert mit den naiv-idealistischen Ansprüchen einer tänzelnden Romantikerin…

Nun, wenn ein Theaterprojekt „Torvald“ heißt, „sehr frei nach ‚Nora oder ein Puppenheim’ von Henrik Ibsen“, könnte man dergleichen psychologische Durchleuchtung erwarten, die Problematik umgedreht, aus der Sicht des sonst „schuldigen“ Mannes. Aber die Schweizer Tänzerin Rachelle Nkou geht über die schlichten Ansprüche schlichter Zuschauergemüter an Psychologie hinaus. Sie möchte, Zitat, aktuelle Tendenzen in unserer Gesellschaft aufgreifen, die Perspektive wechseln, und den Mann ins Zentrum der Fragen und Beobachtungen stellen. Kann ein Mann in der Gesellschaft der Gegenwart er selbst sein? Und wer ist er dann?

Dazu braucht man nicht unbedingt Ibsen und „Nora“, und die spielen an diesem Abend, den DAS GUT in Kooperation mit dem TAG in der Gumpendorferstraße bietet, ohnedies keine Rolle mehr. Fünf Personen tragen zwar Namen von Ibsen, aber haben absolut keine mit ihnen zusammen gehörige Funktion. Torvald und Nora sind wenigstens noch ein  Paar, auf „perfekte“ Gemeinsamkeit getrimmt, wobei jeder den anderen offen nur zur eigenen Befriedigung benützt. Frau Linde allerdings ist zum Computerprogramm geworden, das Menschen zum optimalen Verhalten programmiert. Krogstad ist für Weihnachten und seltsame homoerotische Aktionen zuständig, und die Funktion der fünften Figur, Rank benannt, bleibt völlig unklar. Kurz, rein von der Dramaturgie ist der vom „Team“ erstellte Text eine Luftblase.

Er wird auch nur dazu benützt, die fünf Schauspieler eineinhalb pausenlose Stunden lang in „tänzerischer“ Aktion wippend, laufend, drehend und wendend, oft chorisch rezitierend auf der Bühne zu bewegen, fast ein Musical, allerdings ein gänzlich sinnleeres, das nicht einmal eine sinnentleerte Gegenwart reflektiert, geschweige denn seinen Ibsen-Ausgangspunkt bedient.

So kann man die fünf Darsteller (Alexander Braunshör, Birgit Linauer, Johanna Orsini-Rosenberg, Julian Loidl und Martin Bergmann) nur für die aufopfernde Präzision loben, mit der sie sich durch diese Mühle drehen lassen, wenngleich sie damit wenig mehr erreichen als die Ermüdung des Publikums.

Aber nein, man will nicht ungerecht sein: Am Uraufführungsabend in Wien hatten sich genug Leute versammelt, die heftig applaudierten.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken