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WIEN / TAG / HAMLET SEIN

18.12.2012 | Theater

WIEN / TAG /
HAMLET SEIN von Gernot Plass. Sehr frei nach W. Shakespeare
Uraufführung
Besucht wurde die Vorstellung am 17. Dezember 2012 

Wahrscheinlich gibt es kein anderes Stück der Weltliteratur, an dem sich die Regisseure so mühselig abgearbeitet haben wie an Shakespeares „Hamlet“. Oft mit Riesenaufwand an den allergrößten Häusern. Mit dem Bierernst verkopfter Interpretationen politischer, sozialer, psychologischer Natur ist das nicht immer überzeugend ausgefallen. Das TAG in der Gumpendorferstraße hat schon seit einiger Zeit einen Mann, der Klassiker mit leichter Hand bearbeitet: Gernot Plass. Nach seinem vorzüglichen „Richard II.“ ist er mit seiner Variation „Hamlet Sein“ wieder bei Shakespeare. Und erklärt im Programmzettel, was ein kleines Theater den großen voraus hat: den Spielraum der Frechheit. Den lustvollen Hundebiß in das Schienbein des Heiligen. Das ist selbstverständlich erlaubt – wenn es gut ausgeht. Also hier.

Plass, der hier „sehr frei nach W. Shakespeare“ vorgeht, dichtet neu, dichtet um, dichtet dazu, verweigert die griffigen Zitate (kein „Sein oder Nichtsein“, kein „Der Rest ist Schweigen“) – und bietet doch, das ist des Abends Resümee nach drei Stunden, die wie im Flug vergangen sind, schlicht und einfach Shakespeares Hamlet. Er drückt sich bloß zeitgemäßer aus. Und macht die alte, ja abgegriffene Geschichte so spannend wie selten, ohne dass er sie in ein ideologisches Korsett zwängte. Es ist die wie selbstverständlich wirkende Geschichte von großteils recht schäbigen Zeitgenossen (und Hamlet ist unter ihnen keinesfalls ein „Held“), die mit ihren Machtproblemen heutig-skrupellos umgehen.

Gespielt wird das in jenem Stil, den Plass entwickelt hat und der zeigt, was das Theater alles kann. Was man nicht braucht, wenn man es nicht will: Aufwand (die Ausstattung von Alexandra Burgstaller bringt nur das Nötige, das aber auf den Punkt des Notwendigen gebracht). Was man aus Schauspielern herausholen kann: Sprache in rasantem Tempo, oft wie hingespuckt, aber nie, absolut nie ihres Sinns beraubt. Körpersprache, die immer wieder Slapstik streift und oft wie von choreographischer Rhythmik getragen scheint, aber damit immer etwas sagt. Eine Vitalität, die nie abreißt – und damit das erste Theatergesetz erfüllt: Du sollst nicht langweilen.

So viele Figuren stehen auf der Bühne – und dabei doch so wenige Interpreten. Es sind wirklich glorreiche Sieben, die es unternehmen – und denen es gelingt! – das personenreiche Drama mit Vielfachbesetzungen (nur Hamlet darf immer nur er selbst bleiben) über die nicht vorhandene Rampe zu bringen. Gottfried Neuner wirkt auf den ersten Blick so unscheinbar, er ist auch gar kein Dänenprinz, aber doch ein junger Mann, der sich wehrt, als die Zustände zu schlimm werden – ein Widerstandskämpfer ohne Pathos, aber durchaus trickreich. Für langsame psychologische Entwicklung der Figuren bleibt beim rasanten Stil keine Zeit, aber es gibt Momente, wo man Luft holt – wenn Hamlet die Aufforderung des Königs zum Zweikampf mit Laertes erhält, plötzlich begreift, dass das sein Ende sein wird, und mit einer Geste stiller Würde den bevorstehenden Tod akzeptiert…  

Horst Heiss ist als Claudius der Brutalo-Machtmensch aus dem Bilderbuch, der seiner Mitwelt alles vorheuchelt, was sie erwartet (daher auch sein Ruf nach einem „Pressesprecher“ – wie unschwer, in dieser Figur den Politiker katexochen zu erkennen!). Hervorragend die geschmeidige, von einer Nuance in die nächste virtuos umsteigende Michaela Kaspar als die lebendigste Gertrud, an die man sich erinnert. Wenn die Ophelia der Maya Henselek lange Zeit ein freches Gör ist, dann beeindruckt ihre Verwandlung in den guten Horatio wirklich. Georg Schubert meistert alle seine Rollen, den törichten Polonius am großartigsten, und ohne potente, aufopfernde Interpreten zahlreicher Figuren, wie Jens Claßen und Julian Loidl wäre der Abend nicht möglich. Am Ende singen sie „’Cause all the freaky people make the beauty of the world”. Ja!

Für diese Saison ist dieser „Hamlet“ abgespielt. Er sollte wiederkommen. So viel Gelungenes hat die Theaterstadt Wien ja im Grunde nicht zu verzeichnen…

Renate Wagner

Vorläufig letzte Vorstellung: heute

 

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