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WIEN / TAG: FAUST-THEATER

26.01.2015 | KRITIKEN, Theater

WIEN / TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße
FAUST-THEATER von Gernot Plass, sehr frei nach
„Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe
Uraufführung
Premiere: 24. Jänner 2015,
besucht wurde eine der Voraufführungen

Im Dezember wurde man als williger Besucher der „Faust-Theater“-Premiere im TAG am Premierenabend wieder heimgeschickt – plötzliche Erkrankung des Hauptdarstellers hieß es, dem ist schwer zu widersprechen, wenn man keine Hintergrundinformationen besitzt, aber im Endeffekt kann dem Publikum ja auch wieder egal sein, was hinter den Kulissen passiert, das Ergebnis zählt.

Und jedenfalls hat Autor / Regisseur Gernot Plass einen guten Monat gebraucht, um sein Stück mit dem offenbar neuen Hauptdarsteller Julian Loidl (seines Zeichens natürlich ein Veteran des Plass-Theaters) auf die Beine zu stellen. Und da ist sie nun, die schwerste aller „Überschreibungen“, die Plass sich je vorgenommen hat, die ihn aber zu einer lokalen Wiener Berühmtheit und immerhin zum Direktor des „TAG“ gemacht haben… („Überschreibung“ ist ein schönes Wort, erinnert an die Übermalungen – oder Überkritzelungen – des Arnulf Rainer, wo dann vom Original nicht mehr viel übrig ist.)

Faust-Theater_c_JudithStehlik_T9B1743 Vorspiel auf dem Theater 
Alle Fotos:  JudithStehlik

Plass hat schon mehrfach Shakespeare, aber auch Schiller mit großer Überzeugungskraft und theatralischer Rasanz überschrieben, und das hat im allgemeinen auf Anhieb mehr überzeugt als bei „Faust“ – das Vorspiel auf dem Theater aus seiner Feder hinkt Goethes brillantem Original geradezu peinlich nach. Glücklicherweise pendelt sich der Abend nach und nach auf das gewohnte Niveau ein, wobei es genau genommen nicht mehr als eine in die Gegenwart versetzte, im Milieu ziemlich „heruntergezogene“ Inszenierung mit den üblichen Accessoires wäre, hätte Plass nicht so flott neu gedichtet (wobei ihm manchmal sogar originaler Goethe durchschlüpft). Die jugendliche Zielgruppe wird erfasst, wenn Handys auch eine vergessenswert kleine Rolle spielen…

Dass der Abend in doch hohem Ausmaß gelingt, ist auch den Darstellern, die auf diesen Stil exaktester Brillanz geeicht sind, zuzuschreiben. Zwar wäre man geneigt, dem üblichen Plass-Helden Gottfried Neuner nachzuweinen, aber der Weg, den Julian Loidl vom faden Stubengelehrten in Strickweste zum zynischen Unersättlichen geht, hat es schon in sich.

Faust-Theater_c_JudithStehlik Faust und Mephisto

Jens Claßen als Westentaschen-Mephisto, Raphael Nicholas in diversen Rollen (darunter als Autor mit schwulem Hüftschwung – oder heißt die Umschreibung: Menschen mit anderer sexueller Ausrichtung, wie dem auch sei) und vor allem Georg Schubert, der viele gute Porträts liefert, aber als Marthe – das fünfziger Jahre-Muttchen aus dem Gemeindebau – eine hinreißend komische Leistung liefert.

Faust-Theater_c_JudithStehlik_MG_1928 Marthe

Elisabeth Veit, mit Brille und durchaus trampelig angelegt, ist weder Fräulein, weder schön, aber von solcher Intensität, als spielte sie glatt das echte Gretchen. Und wäre auch für jeden echten Faust ein Gewinn.

Faust-Theater_JudithStehlik_2571 Faust Gretchen

Denn eines soll nicht vergessen werden: Das originale „Faust“-Stück des alten Herrn Goethe ist ja auch kein schlechtes. So sehr diese Version auch gefällt und ihren verdienten Jubel erhielt.

Renate Wagner

Weitere Termine im Theater an der Gumpendorfer Straße: 6., 7., 9., 11., 12., 26., 27. und 28. Februar, 20 Uhr.

 

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