Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: TANNHÄUSER – Licht und Schatten

23.10.2014 | KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER: TANNHÄUSER am 22.10.2014 – Licht und Schatten


Camilla Nylund. Foto: Wiener Staatsoper/ Pöhn

 Die Umbesetzung am Dirigentenpult ließ Hoffnungen aufkommen, die von „Altmeister“ (im Sinne von erfahren) Peter Schneider in vollem Umfang erfüllt wurden. Er zauberte mit den Philharmonikern in Bestform eine Ouvertüre, die in ihrer gefühlvoll aufwühlenden Interpretation unter die Haut ging. Die technische Perfektion und die detaillierte Gestaltung erlaubte ein ungetrübtes Eintauchen in die berauschende Klangwelt des frühen Richard Wagner. Besonderen Anteil an diesem beglückenden Ergebnis hatten die wunderschön klingenden Wiener Hörner (ohne die berühmt/berüchtigten Gickser) und der wie immer virtuose und zum Glück auch fleißige Konzertmeister Rainer Küchl. Dem Kapellmeister gelang die Umstellung von temperamentvoller sinfonischer Orchestermusik auf rücksichtsvolle Sängerbegleitung sehr gut – was an diesem Abend auch besonders wichtig war.

 Zum einen gestaltete Christian Gerhaher die Rolle des Wolfram von Eschenbach im Stil eines Liederabends, was dank seinem wunderschönen, technisch perfekten Bariton zu einem berührenden Erlebnis wurde, vom begleitenden Orchester aber eine feinfühlige Spielweise erforderte.

 Zum anderen war die Rücksichtnahme für den indisponierten Robert Dean Smith „überlebenswichtig“. Nach einem sehr stimmschonend, aber durchaus passabel gesungenen ersten Akt verließen den Tannhäuser nach dem „Erbarm dich mein“ hörbar die stimmlichen Kräfte und der Rest der Vorstellung war nur mehr ein verzweifeltes Bemühen, den Abend einigermaßen über die Runden zu bringen. Der Mut, die Disziplin und die Gesangstechnik von Robert Dean Smith verdienen Respekt und Dank – den Buh-Rufern empfehlen wir, über die Begriffe Mitgefühl und Herzensbildung nachzudenken. Vielleicht wäre es klug gewesen, sich vor dem dritten Akt ansagen zu lassen – das hätte eventuell die negativen Reaktionen gemildert.

 Bei dieser Vorstellung haben wir erstmals begriffen, warum Tannhäuser den Venusberg verlässt: Der Gesang der Venus lud ja wirklich nicht zum Verweilen ein. Irene Theorin sang mit furchtbarem Vibrato und schrill . In den nächsten Vorstellungen werden wir hören, ob das nur – oder zum Teil – auf eine schlechte Tagesverfassung zurückzuführen war.

 Viel Freude machte hingegen Camilla Nylund als sehr ausdrucksvolle Elisabeth, die alle Facetten dieser vom Schicksal gebeutelten Frau stimmlich und darstellerisch hervorragend darstellte. Ihr klarer, tragfähiger Sopran ist sowohl den dramatischen Anforderungen der „Hallenarie“ als auch den lyrischen Anforderungen der liebenden, verletzten und verzeihenden Geliebten gewachsen.

 Den Landgraf Hermann sang Kwangchul Youn – wir hatten uns sehr auf ihn gefreut; seine Tagesform dämpfte allerdings unsere Freude. Die Stimme klang rauh, mit Wobble und nicht besonders schön. An diesem Abend hätten wir uns einen Tausch mit Sorin Coliban gewünscht. Sein Biterolf war dank balsamisch schöner Stimme in technischer Perfektion eine reine Freude.

 Norbert Ernst übernahm von Herbert Lippert die Rolle des Walther von der Vogelweide und überzeugte mit einem sehr gefühlvollen Lied – nach dem Tanzlehrer am Vortag eine weitere Partie, die seiner Stimme und seinem Gesangsstil sehr entgegenkommt. Heinrich der Schreiber ( James Kryshak) und Reinmar von Zweter (Dan Paul Dumitrescu) waren gut bis verschwenderisch besetzt.

 Annika Gerhards war ein junger Hirt mit glockenheller, schöner Stimme und bestätigte die Meinung, dass diese Rolle von einer jungen Sopranistin gesungen werden sollte.

 Die Damen und Herren des Staatsoperchores bewiesen wieder einmal, dass beim Tannhäuser ein spielfreudiger, effekvoll und schön singender Chor eine Hauptrolle spielt – die kleinen Synchronisationsprobleme werden in den Folgevorstellungen sicher ausgemerzt. Die beiden Pilgerchöre waren jedenfalls wieder vom Feinsten und konnten nicht einmal durch die dämliche Regie in der Klappsmühle gestört werden.

 Bis zur nächsten Vorstellung wünschen wir Robert Dean Smith eine wiederhergestellte Stimme und Kwangchul Youn eine gute Tagesverfassung.

 Maria und Johann Jahnas

 

Diese Seite drucken