Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Stadttheater Walfischgasse: VERKLÄRTE NACHT

18.01.2012 | Theater

WIEN / Stadttheater Walfischgasse:
VERKLÄRTE NACHT von Joshua Sobol
Welturaufführung
17. Jänner 2012 

Zwei Kamerateams wieselten herum, und der Auftrieb an echten Prominenten war so dicht wie qualitativ. Um den berühmten Autor des Abends drängten sich Persönlichkeiten wie Paulus Manker oder Ioan Holender (=Gott) und die übrige Welt. Es gibt schließlich nicht alle Tage eine Uraufführung von Joshua Sobol, Israels Paradedramatiker mit der ganz engen Wien-Connection, von Otto Weiniger bis Alma Mahler.

Diesmal hat Anita Ammersfelds Stadttheater Walfischgasse eine Uraufführung an Land gezogen, die auch dann „neu“ ist, wenn der Autor das Stück schon über eineinhalb Jahrzehnte in der Lade hatte. Als er es damals anbot, hielt jeder seine Schilderung des in einer High-Tech-Welt verlorenen Menschen für Sci-Fi, die niemals Wirklichkeit werden würde. Heute hingegen ist das, was man auf der Bühne sieht, zwar noch immer nicht allgemeine Praxis (der Durchschnittsmensch könnte sich diese Ausrüstung schlechtweg nicht leisten), aber dass es all das gibt, daran herrscht kein Zweifel. Endlich hat die Realität den Visionär Sobol eingeholt.

Die „Verklärte Nacht“ des Titels hat nichts mit Arnold Schönbergs gleichnamigem Musikstück zu tun – verklärt ist die Frau in der Zweipersonen-Geschichte höchstens, weil der Sex wieder einmal sehr gut geklappt hat (was offenbar selten genug passiert). Aber das ist nicht das vordringliche Thema: Sobol fragt nach der  Entfremdung des Menschen in der virtuellen Welt, und es wurde oft genug angekündigt, worum es in dem Stück geht, so dass man kein Geheimnis verrät:  Sie und er in der von Bildschirmen und virtuellen Befehlen bestimmten Wohnung halten den jeweils anderen für den Partner, sie sind es aber nicht. Einigermaßen erstauntes Erwachen, als man sich nach dem Beischlaf endlich einmal anschaut und jemand Fremden entdeckt … So scheint es zumindest.

Der erste Teil des Stücks ist der bessere und stärkere, und Joshua Sobol hat vorsichtshalber selbst inszeniert, also passiert genau das, was er zeigen will: dass zwei Menschen imstande sind, die längste Zeit nebeneinander im gleichen Raum zu sein und einander nie anzusehen. Dieser Raum, den Sobol-Gattin Edna Sobol mit einer riesigen Videowand bestückt hat, die in viele kleine Bildschirme zerfällt, aber auf Klatschen sich auch in eine psychedelische Buddha-Welt oder ein lyrisches Aquarium verwandelt, gibt sogar Antwort: Wenn die Frau von heute, die ihre Wohnung gar nicht mehr verlässt (beruflich gibt sie am Telefon Ratschläge bei Computerproblemen, die Rechnung wird automatisch abgebucht), wenigstens vom eingebauten „Diener“ Antworten erhält, ist man nicht so gänzlich allein auf dieser Welt.

Dafür schaut man den Mitmenschen gar nicht mehr an: Da der Mann, der ins Appartement platzt (weil er die eigene Adresse nicht kennt), genau so immer auf Reisen ist wie der Gatte, da eine Wohnung aussieht wie die andere, da jede Frau sich gleich verhält, macht Sobol glaubhaft, dass sie einander in der Flut der künstlichen Bilder wirklich nie von Mensch zu Mensch zuwenden. Sie stecken in derselben Uniformität eines Seins, das von den Bildschirmen ringsum geprägt wird und ein Bewusstsein prägt, das dieser Automatik eigentlich noch nicht gewachsen ist…

Wenn Mann und Frau nach der Pause (scheinbar) erkennen, dass sie einander nicht kennen, will Sobol in aller Ausführlichkeit dieses elende Leben, in das wir uns verkrochen haben, diskutieren. Da werden dann die Seelennöte gewälzt, die man ihnen glaubt, aber die eigentlich vom Thema wegführen: Die Einsamkeit hat uns ja schon in Vor-Computer-Zeiten gequält. Und so fangen die Dialoge nun an, sich im Kreise zu drehen und nach und nach durchzuhängen. Jetzt wird die Anstrengung für die beiden exzellenten Darsteller Mercedes Echerer und Erik Jan Rippmann um einiges größer, das Interesse des Publikums wach zu halten, zumal Sobol ja damit das spannende Thema, das er angeschlagen hat, weitgehend verlässt…

Am Ende ist er natürlich souveräner Dramatiker genug, um gleich mit zwei Schlusspointen aufzuwarten. Die eine – der Mann schmeißt seinem Chef den Job hin, dessen Dinge zu verkaufen, die ohnedies keiner wirklich braucht – ist schön. Die andere ist pirandellesk und eigentlich zu erwarten. Dass der Autor den Zuschauer mit der Unsicherheit darüber heimschickt, was er da wohl eigentlich gesehen hat, ist ein so alter wie legitimer Theatertrick…

Immerhin: Darüber, wo wir heute schon gelandet sind und wohin diese Welt, die uns auf die Bildschirme und künstlichen  Welten zurückwirft, noch führen wird, kann man auch zuhause noch kräftig nachdenken. In der Walfischgasse gab es heftigen Applaus, der wohl letztendlich am meisten einem Autor galt, den man auch dann sehr schätzt, wenn sein Stück stellenweise den Boden unter den Füßen verliert.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken