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WIEN / Staatsoper: WOZZECK

23.03.2014 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
WOZZECK von Alban Berg
23. März 2014  
36. Aufführung in dieser Inszenierung

Matthias Goerne als Wozzeck

Matthias Goerne als Wozzeck

Vor ziemlich genau einem Jahr gab es die Wiederaufnahme dieser in ihrer Schnörkellosigkeit so stimmigen „Wozzeck“-Produktion von Adolf Dresen in der Wiener Staatsoper. Damals sah man, wie sich der großartige Simon Keenlyside eine Rolle, die nicht unbedingt für ihn geschaffen scheint, brillant zurecht gerichtet hat.

Diesmal hatte Matthias Goerne es entschieden leichter: Ihm „passt“ die Figur wie angegossen auf den fülligen Leib und zu dem runden Gesicht, er ist die bedauernswerte Kreatur schlechthin, der schlichte, einfache Mann, dem zu viel unverdaut im Kopf herumgeht und der hilflos in die Katastrophe schlittert. Und das gänzlich ohne darstellerisches Pathos – wodurch er noch viel stärker wirkt.

Goerne, bislang an der Staatsoper Wolfram und Kurwenal, nicht unbedingt der markige, durchschlagskräftige Wagner-Sänger, meistert Berg erstaunlich, wenn auch nicht immer gänzlich wortdeutlich und nicht immer das Orchester besiegend, aber als Gestalter großartig intensiv – vielleicht, weil er es nicht nötig hat, etwas zu „machen“, sondern minimalistisch detailreich alles aus der Musik herausholt: Der Identifikationsfaktor zwischen Künstler und Rolle ist hier berührend stark.

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Evelyn Herlitzius

An seiner Seite eine Marie, die ihm an Intensität nichts nachstand: Als Gestalterin ist Evelyn Herlitzius immer unerreicht, welche Rolle sie sich auch hernimmt (unvergesslich ihre Isolde), stimmlich scheint ein Leben mit allen Hochdramatischen der Opernliteratur doch nicht ohne Schrammen abgegangen zu sein. Aber gerade bei der Marie, wo ja nichts Belcanto und alles Ausdruck ist, wirkt auch ihre starke, stellenweise rücksichtslos eingesetzte Stimme goldrichtig, wobei sie die ganze enorme Gefühlsskala der Figur, von der liebevollen Mutter und reuigen Christin bis zum nihilistisch-verzweifelten Schrei nach einem „Leben“, das der brave Wozzeck ihr nicht geben kann, faszinierend durchläuft. Das waren zwei Idealbesetzungen.

Gerade am „Wozzeck“ zeigt sich, was die Staatsoper an erstrangigen „Comprimarii“ zu bieten hat: voran Wolfgang Bankl als zynischer Doktor und eine Phalanx an Tenören, wobei Herwig Pecoraro als Hauptmann (ihm gehört allerdings auch die erste Szene!) am verschwenderischsten mit seinem scharfen Organ umgeht, Norbert Ernst für den Andres eine Luxusbesetzung darstellt und Herbert Lippert als  Tambourmajor sich bei seinem Debut in dieser Rolle noch ein bisschen anstrengte.

Ein wenig rau klang Andreas Hörl als erster Handwerksbursche, dazu kamen Clemens Unterreiner als zweiter Handwerksbursche, Peter Jelosits als Narr (kurz, aber effektvoll) und Monika Bohinec als Margret, deren dunkle Stimme immer wieder überzeugt.

Dennis Russell Davies stand einen Tag (da die Aufführung um 16 Uhr begann, eigentlich einen Dreivierteltag) nach seiner erfolgreichen Linzer „Walküren“-Premiere am Pult der Wiener Philharmoniker und fächerte Bergs geniale Partitur in allen Facetten auf, stach mit ihren Orchester-Schreien in die Ohren und die Seelen, formulierte aber adäquat das erschütternd Sensible (vor allem die Schlussszene, die ja kaum zu ertragen ist).

An einem Sonntagnachmittag war das Haus nicht übertrieben voll, aber das sollte sich angesichts der idealen Besetzung der Hauptrollen für die nächsten zwei Vorstellungen ändern.

Renate Wagner
(Fotos Wr.Staatsoper/M.Pöhn)

 

 

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