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WIEN/ Staatsoper: VERKLUNGENE FESTE / JOSEPHSLEGENDE. Nackte Haut statt Samt und Brokat

04.02.2015 | Ballett/Tanz

4.2.2015: BALLETTPREMIERE – Nackte Haut statt Samt und Brokat

Ausnahmsweise, bitte, das Publikum zuerst: In keiner Weise aufgeputscht spazierten die Premierenhabitués nach „Verklungene Feste“ in die Pause. Ein bisschen ratlos haben sie den erste Teil von John Neumeiers Richard Strauss-Programm, von dessen   Hamburger Ballett nun nach Wien transferiert, wohl schon aufgenommen. Wiederholt war die Frage zu hören: „Richard Strauss steht im Programmheft, doch war das wirklich seine Musik?“ Ja, schon, Strauss´ aufrauschende, dabei doch durchaus feingliedrige Orchestrierung von aparten Klavierstücken des Barockmeister Francois Couperin. Ästhetisch und virtuos mit choreographischem Zeitgeist gestaltet und von fünf Paaren und einer kleinen assistierenden Gruppe elegant getanzt, doch trotzdem weit entfernt von der immanenten durchaus phantasievollen Erzählung der Musik und in der Aussage – verklingende, vergehende, verschwimmende Zeiten – allzu diffus wirkend.

Am Ende des Abends aber dann, nach „Josephs Legende“, herrschte doch Jubelstimmung im Haus. Echter Strauss ist jetzt zu hören, und die Geschichte ist überschaubar geworden. Der pompöse Klangzauber überzieht nun das ganze Szenarium wie die Tänzerschar und vermag auch mit seinem üppigen Pathos, mit ausgedehnten, gewaltig donnernden Sequenzen, mit so manchem Schwulst wie mit mehreren schon besonders eindringlichen Momenten das Publikum zu wecken. Und statt Samt und Brokat, wie von Strauss´ Librettisten Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf Kessler für ihr biblisches Sujet im Historienbild des venezianischen Barocks damals gedacht (Uraufführung 1914 in Paris), ist nun bei Neumeier viel, viel nackte Haut zu sehen. Und das spielt heutzutage auch seine gewichtig Rolle und macht alles um einiges aufregender. 

Die Tänzer helfen dazu aber auch schon sehr mit. Bravourös meisterten am Premierenabend die vier Protagonisten ihre herausfordernden Aufgaben. Denys Cherevychko in der Titelrolle als Joseph: völlig unschuldig-naiv, präsent in seiner Darstellung. Rebecca Horner als Potiphars Weib: aus der anfangs stillen, zurückgezogenen Betrachterin des Geschehnisses wird eine entfesselte, ungezügelte, von rasender Leidenschaft getriebene Wildkatze. Kirill Kourlaev als der Joseph behütende, ihn zu Gott geleitende Engel: eine abgeklärte, unantastbare wie weltferne Lichtgestalt. Roman Lazik als Potiphar: ein seine Macht unterschwellig ausspielender Tyrann.

John Neumeier hat seiner 1977 in Wien so erfolgreichen ersten Einstudierung der „Josephs Legende“ optisch und mit einigen Änderungen (doch keine echtenVerbesserungen?) ein neues Kleid verpasst. Überhöhende atmosphärische Stimmung wird nun in einem unterkühlten Wüstenpalast (Neumeiers eigener Bühenbild-Entwurf) und in modischer Wegwerfkluft angepeilt (Staatsopernwerbung für Albert Kriemler, dem Akris-Modemann). Dirigent Mikko Franck ist für Franz Welser-Möst eingesprungen und das Orchester hat für die richtige Stimmung im Haus gesorgt. Und da der nun 73 jährige John Neumeier bereits zu den Choreographen-Titanen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt – ja, es ist von einem großen Premierenerfolg zu berichten.
Meinhard Rüdenauer

 

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