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WIEN / Staatsoper: VERKLUNGENE FESTE / JOSEPHS LEGENDE

05.02.2015 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

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Verklungene Feste: Vladimir Shishov & Maria Yakovleva
Alle Fotos:  (c) Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
VERKLUNGENE FESTE / JOSEPHS LEGENDE von Richard Strauss
Premiere:  4. Februar 2015  

Man war schon sehr, sehr neugierig. Wer je 1977 die Strauss’sche „Josephs Legende“ in der Choreographie von John Neumeier gesehen hat, wird sie nicht vergessen haben. Dem Werk nun, in einer Neufassung desselben Choreographen, fast zwei Menschenalter später wieder zu begegnen, ist eine enorm spannende Angelegenheit. Geglückt? Nun, die Welt ist nüchterner geworden, dem hat sich Neumeier angepasst. Und eine Powerfrau wie Judith Jamison hat er nicht wieder gefunden. Aber ist es nicht gut, dass manche Dinge einmalig bleiben?

Der Reihe nach: Neumeier hatte schon bei der Neuinterpretation, die er 2008 in Hamburg unternahm, Strauss mit Strauss gepaart. Durch 50 Minuten „Verklungene Feste“ muss man durch, um den ersehnten Hauptteil des Abends zu erreichen. Das erste Stück ist auch als originäres Ballett gedacht, einst 1941 in Berlin uraufgeführt, und da hat es wohl ganz anders ausgesehen als hier. Zur Musik, der Strauss-Bearbeitung von 18 Stücken des Barock-Komponisten François Couperin, gab es damals Herzog, Tänzerin und Ballettmeister, ein Fest mit eingestreutem Schäferspiel und Harlekinade – nichts dergleichen heute. „The Party is Over“ stellt Neumeier als Motto über seine Fassung des Werks für fünf  Paare und zehn weitere Tänzer.

Die gemauerten Ziegelwände wird man im zweiten Stück wieder sehen, auch dass Modeschöpfer Albert Kriemler beide Male die Kostüme entworfen hat, ergibt sich aus stilistischer Nähe. Im Hintergrund ein Tisch mit leeren Flaschen und Gläsern – das Fest ist aus, was nun? Vladimir Shishov, mit dunklem Haar kaum zu erkennen, gibt den Ton müder Resignation an, Maria Yakovleva gesellt sich zum ihm. Die anderen Paare, aus denen Kiyoka Hashimoto & Masayu Kimoto durch besondere Spritzigkeit herausragen, vereint ein paar von Wiens ganz großen Namen: Liudmila Konovalova & Davide Dato, Irina Tsymbal & Mihail Sosnovschi, Eszter Ledán & Robert Gabdullin, und die fließende Eleganz von Neumeier ist so bemerkenswert wie seine Musikalität.

Dass die 50 Minuten dennoch mitunter lang werden, liegt an zwei Dingen: Nur wenige der Szenen sind musikalisch auch wirklich inspiriert und so mitreißend, dass sie ein Ballett und die Aufmerksamkeit des Publikums tragen. Und Neumeier kann bei solcher Vorgabe nur viele Einzelepisoden bieten, die in der Stimmung zwar nicht immer, aber oft elegisch sind, aber eine große Gesamtlinie, geschweige denn eine auch nur andeutungsweise erkennbare Handlung kristallisiert sich nicht heraus.

Dennoch – die Wiener Tänzer schmiegen sich in den Stil des großen Choreographen, der die letzten Jahre lieber mit seinen Hamburger Produktionen ins Theater an der Wien kam, statt mit den Wiener Tänzern selbst zu arbeiten. Und sie waren vorzüglich, was dann auch zur Pause viel Applaus brachte.

Dann aber kam endlich das, worauf alle gewartet haben –  eine starke Stunde der anderen Art, schon weil Richard Strauss in der „Josephs Legende“ klangmalerisch so verschwenderisch agierte, wie wenige außer ihm es konnten. Schon die Entstehungszeit von 1912 (Diaghilews Truppe hat das Werk 1914 in der Choreographie von Fokine mit Leonid Massine in der Titelrolle uraufgeführt) beschwört noch die Nähe zur „Salome“ – Sinnlichkeit, Orientalismus, raffinierte Orchesterfiguren und ekstatischer Fortissimo-Zauber, abgesehen davon, dass eine Frau verschmähte Liebe („Hell Hath No Fury Like A Woman Scorned“) nur mit dem Tod dessen ahnden kann, der dies wagte…

Hier konnte dann Mikko Franck mit den Wiener Philharmonikern zeigen, wie sie Strauss spielen, nachdem im ersten Teil des Abends vom Orchester her nur Dienst nach Vorschrift möglich war. Aber dann! Wie lustvoll! Wie über drüber prachtvoll, bis zum herrlichsten Kitsch! Auch das muss es geben.

Und nun hatte es auch John Neumeier leicht, denn er kann eine großartige Geschichte erzählen, wenn sie auch weniger üppig aussieht als einst. Er hat sich aus dem „Orientalismus“ der ursprünglichen Wiener Aufführung (damals war Ernst Fuchs der Ausstatter, und 1977 war das nicht nur möglich, sondern auch richtig) völlig herausgelöst. Ein paar Wände aus dem ersten Stück, ein abgehobener, aber kraftvoller Engel hinter Joseph, dann ein paar vermummte Brüder, die mit ihrem Joseph sehr unfreundlich umgehen, und schon sind wir bei „Party bei Potiphar“, die so, wie sie da von den Kostümen und der coolen Körpersprache her aussieht, bei jedem Millionär zwischen New York und Riad stattfinden könnte.

Kein Bibelschinken mehr, wohl aber ein Psychothriller vom Anfang bis zum Ende, der dann von den vier Haupttänzern getragen werden muss. Wobei Neumeier ein sehr starkes homosexuelles Element zwischen Potiphar, der diesen knabenhaften Sklaven kauft, und Joseph, der diesen Herrn offenbar anbetet, einbaut: Wenn der junge Mann Mrs. Potiphar widersteht, hat man weniger den Eindruck von Keuschheit und Verschreckheit, sondern dass sich Joseph aufgrund persönlicher Präferenzen lieber an den Herrn als die Dame des Hauses halten will…

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Denys Cherevychko  /  Rebecca Horner

Dieser Joseph ist nun (wobei Kevin Haigen, der einstige Joseph, bei der Neueinstudierung half!) Denys Cherevychko, der hier wohl eine Rolle seines Lebens gefunden hat. Es mag ein persönlicher Eindruck sein, aber in den großen klassischen Rollen ist vielleicht nicht jeder mit ihm glücklich, weil er nicht wie ein „Schwanensee“-Prinz aussieht, auch wenn er ihn tanzen kann. Aber der unschuldsvolle, irgendwie zauberhafte Knabe in dem kurzen Hemden, logisches Objekt der Begierde aller Geschlechter, gelingt Cherevychko zu einer zaubrischen Studie der Verführung.

Man versteht, dass auch ein so starker, männlich wirkender Potiphar, wie Roman Lazik ihn mit Eleganz darstellt, hier weich wird. Und man versteht, dass der Gott der Bibel diesem Joseph einen Engel mitgibt, der so machtvoll und prachtvoll ist wie Kirill Kourlaev. Ein Männertrio großen Formats.

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Kirill Kourlaev

Bleibt Madame Potiphar. Wer sich an Rebecca Horner nur als goldiges, nur leicht „farbiges“ kleines Mädchen erinnert, das in schnödem ORF-Kitsch Otto Schenk und andere bezauberte, wird auf Anhieb nicht wissen, was sie hier zu suchen hat. Doch offenbar gehört sie, ohne dass es bisher aufgefallen wäre, seit 2007 dem Ensemble des Staatsballetts an und ist 2012 hierher zurückgekehrt. (Auf der Biographien-Liste des Ensembles, die dem Programmheft beiliegt, scheint sie allerdings nicht als Mitglied auf.) Wie dem auch sei – die überschlanke, übermuskulöse Dame lässt keinen Zweifel, dass sie nicht nur Schauspielerin, sondern auch Tänzerin ist, und Neumeier fordert sie gewaltig.

Nun, die zuckenden Exzesse der Frustrationen glaubt man ihr – das, was an ihrer Vorgängerin 1977 so einmalig war, die ungeheure Kraft, die in ihrem wahnsinnigen Begehren steckt, ist weniger zu erreichen. Und man fragt sich doch, ob das Haus nicht genügend hochkarätige Solotänzerinnen hat, die diese Mrs. Potiphar tanzen müssten, und ob eine solche Besetzung vielleicht nur auf der Spekulation beruht, eine – wenn auch gerade angedeutete – „Farbige“ würde den Jamison-Zauber von einst beschwören. Das hat denn doch nicht geklappt.

Dass die „Josephs Legende“ in Neumeiers Fassung dennoch ein rabiater Psychothriller war und als solcher hinriß, zeigte sich im stürmischen Schlussapplaus, bei dem dann noch Manuel Legris auf die Bühne stürmte, um dem großen Choreographen-Kollegen einen Blumenstrauß zu überreichen…

Renate Wagner

 

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