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WIEN/ Staatsoper: VEC MAKROPULOS. Premiere

13.12.2015 | Oper

VEC MAKROPULOS – Premiere Staatsoper am 13.12.2015

(Heinrich Schramm-Schiessl)


Laura Aikin, Wolfgang Bankl. Foto: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Es gibt zwei Dinge, die die Menschen Zeit ihres Lebens immer wieder bewegt haben: Ob es eine Möglichkeit gibt, Gold zu erzeugen und ob man ein Mittel entwickeln kann, welches ein ewiges Leben ermöglicht. Beides ist bislang nicht gelungen. Ob dies nun ein Segen oder ein Fluch ist, muss jeder für sich entscheiden. Aber eben weil es eine Sehnsucht danach gibt, die unerfüllbar ist, waren diese Themen immer wieder Gegenstand für literarische, belletristische aber auch cineastische Werke. Die durch ein Elixier ermöglichte Verlängerung des Lebens einer Frau – nämlich Emilia Marty – steht auch im Mittelpunkt der Komödie von Karel Capek, die die Vorlage für Janaceks Oper – er verfasste auch das Libretto – bildet. Handlungsmäßig geht es um einen bereits über 100 Jahre laufenden Erbschaftsprozess, den eine Anwaltskanzlei mittlerweile in vierter Generation führt und in diese Handlung tritt eben diese geheimnisvolle, attraktive aber in ihrer Art alles andere als einnehmende Frau, die über viele Dinge aus lang vergangener Zeit unglaublich viele Details weiss und zudem manche Beteiligte an Frauen aus deren Vergangenheit erinnert werden. Am Ende stellt sich dann heraus, dass diese Frau durch ein Elixier, dass ihr Vater entwickelt hat, 337 Jahre alt ist und in dieser Zeit mehrere Identitäten angenommen hat, deren gemeinsames Merkmal die Initialen E.M. sind. 1585 als Elina Makropulos geboren, trug sie im Laufe der Zeit verschiedene Namen, unter anderem Elian MacGregor oder Emilia Montez, und nunmehr eben Emilia Marty. Ihr Interesse in dem Erbschaftsstreit gilt ausschliesslich dem Rezept dieses Elixiers, da ihre Lebensspanne nun zu enden droht. Letztlich stellt sie aber fest, dass dieses lange Leben ihr eigentlich nicht die erwartete Erfüllung gebracht hat und beschließt nunmehr zu sterben, in dem sie feststellt, dass „der Tod ein grandioses Institut des Lebens“ sei. Mit den Worten „Ihr seid so glücklich, dass Ihr sterben könnt“ stirbt sie.

Diese vorletzte Oper Janaceks – danach folgte nur mehr das „Totenhaus“ – ist aus meiner Sicht neben der „Jenufa“ sein stärkstes Werk, auch weil die Dramatik eine ungemeine Dichte hat, da die eigentliche Handlung auf einen Zeiraum von rund 48 Stunden konzentriert ist. Auch musikalisch ist das Werk sehr intersssant, weil die Bindung zwischen Libretto und Musik eher locker ist, d.h. die Musik unterstützt die fortlaufende Handlung nicht, ja kommentiert sie nicht einmal wirklich. Allerdings fehlt auch den Sängern dadurch eine gewisse Unterstützung. Lyrische Passagen weden oft durch überrsaschende Einwürfe des Blechs und der Schlaginstrumente unterbrochen. Der Regisseur Peter Stein bezeichnete in einem Gespräch das Werk weniger als Oper, denn als Theaterstück, das in Musik gesetzt ist.

An Wien ist dieses Werk bisher praktisch vorbeigegangen. Im Haus am Ring wurde es überhaupt noch nie gezeigt, lediglich in der Volksoper gab es 1967 und 1979 jeweils ein Gastspiel der Brünner Oper und 1993 schließlich eine deutschsprachige Eigenproduktion in der Regie von Christine Mielitz mit Anja Silja als Emilia Marty.

Dreh- und Angelpunkt der nunmehrigen ersten Produktion im Haus am Ring ist die Regie von Peter Stein. Er ist sicher einer der wichtigsten Regiseure der letzten fünfig Jahre, wobei er zur Oper erst relativ spät gefunden hat. Wie immer bei seinen Regiearbeiten ist er nah am Text, das heisst er erzählt díe Geschichte so, wie sie der Librettist und der Komponist – hier in Personalunion – verfasst hat und versucht nicht, sie neu zu erfinden. Natürlich spielt das Stück bei ihm in der Zeit, die im Libretto steht, also in der 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts und verzichtet auch auf alle heute üblichen Accesoirs und Üblichkeiten. Dazu kommt, wie immer bei ihm, eine äusserst feingeschliffene und diffizile Personenführung. Die Bühnenbilder von Ferdinand Wögerbauer entsprechen natürlich den jeweilgen Angaben im Libretto, also zunächst das Zimmer einer altehrwürdigen Anwaltskanzlei mit bis zur Decke reichenden Bücherregalen. In einigen alteingesessenen Wiener Anwaltskanzleien gibt es solche Räume noch, allerdings nicht als Arbeitszimmer, sondern als Empfangsraum für Klienten. Im zweiten Akt befinden wir uns auf der Bühne eines Opernhauses, wobei der Hintergrund den Zuschauerraum der Staatsoper vor der Zerstörung zeigt. Im dritten Akt befinden wir uns dann in einer Suite eines modernen Hotels der 20er-Jahre im Art-Deco-Stil. Die hübschen Kostüme von Annamaria Heinreich waren natürlich auch der Zeit der Handlung entsprechend.

Auch musikalisch stand der Abend unter einem guten Stern, was in erster Linie dem jungen tschechischen Dirigenten Jakub Hrusa zu danken ist. Er hat das Werk mit unserem Orchester, dass sich wieder einmal von seiner besten Seite zeigte, hervorragend einstudiert und ungemein spannend und wirkungsvoll dargeboten. Seine Leistung wurde ihm auch vom Publikum bereits nach der Pause entsprechend gedankt.

Von den Sängern muss man sagen, dass sie eine geschlossene Ensembelleistung boten. Im Mittelpunkt stand natürlich Laura Aikin in der zentralen Rolle der Emilia Marty. Ich muss zugeben, dass sie mir in den ersten beiden Akten nicht ganz so gut gefallen hat. Sie war zwar stimmlich zufriedenstellend, blieb allerdings darstellerisch blass. Sie konnte weder die geheimnisvolle Aura dieser Frau über die Rampe bringen, noch glaubhaft machen, warum die Männer nach ihr verrückt sind. Ganz anders dann der 3. Akt. Hier wuchs sie plötzlich über sich hinaus und machte ihre große Szene zum Erlebnis. Auch stimmlich steigerte sie sich, auch wenn man ehrlicherweise feststellen muss, dass sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten ging. Die Höhe ist tadellos, allerdings fehlt ihr das Fundament einer breiten Mittellage, sodass alles etwas in der Luft hängt. Ludovit Ludha – erst knapp vor der Generalprobe für den ursprünglich vorgesehenen Rainer Trost eingesprungen – war als Albert Gregor präsent und versuchte mit schöner Phrasierung zu singen. Leider wird die Stimme in der Höhe etwas eng. Markus Marquardt sang den Jaroslav Brus zwar mit schöner Stimme, blieb in der Charakterisierung der Rolle allerdings ziemlich viel schuldig. Margarita Gritskova verlieh der Krista ihre schöne Mezzostimme und war auch darstellerisch sehr engagiert. Wolfgang Bankl war ein persönlichkeitsstarker und auch stimmlich sehr zufriedenstellender Dr. Kolenaty, Thomas Ebenstein ein sehr prägnant singender Vitek und Carlos Osuna ein ordentlicher Janek Brus. Nicht vergessen darf man natürlich Heinz Zednik mit seiner köstlich-skurilen Studie des geistig nicht mehr ganz pärsenten Hauk-Sentorf.

Beim Publikum sprang der Funke erst im 3. Akt wirklich über, aber dann gab es viel Jubel für die Sänger, besonders natürlich für Laura Aikin und den Dirigenten. Den größten Jubel – und das ist in der Oper heute eine Seltenheit – heimste allerdings das Leading Team rund um Peter Stein ein und das zu Recht, denn wird durften eine der schlüssigsten Regiearbeiten der letzten Jahre in Wien erleben. Ein einzelner beharrlicher Buhrufer bei fast allen Beteiligten blieb unverstanden.

Heinrich Schramm-Schiessl

 

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