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WIEN / Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

13.06.2013 | Oper

 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Staatsoper:
TRISTAN UND ISOLDE von Richard Wagner
Premiere: 13. Juni 2013 

Natürlich ist der „Ring“ Richard Wagners „Opus Magnum“, sowohl vom Konzeptionellen her (seine Mythenverschränkung ist beispiellos) wie natürlich auch vom Quantitativen der 16 Stunden Musik. Aber für viele Wagnerianer wird ja doch „Tristan und Isolde“ die Oper der Opern sein (nicht nur von Wagner, sondern überhaupt…), und Fachleute denken und schreiben sich vor allem an diesem Beispiel die Finger wund, wenn sie versuchen, den absolut „rauschhaften“ Effekt seiner Musik beschreibend in den Griff zu bekommen. Mit „Tristan und Isolde“ (und Wagners Hilfe) tatsächlich in ein Gefühls-Nirwana einzugehen, wird jenen Menschen, die auf Wagner-Wellenlänge laufen, immer wieder passieren. Zumal bei einer Aufführung wie jener, die die Staatsoper im Wagner-Jahr liefert.

Sie wurde, wie schon besprochen, in Tokio eingekauft, und das merkt man, denn Regisseur David McVicar und Ausstatter Robert Jones haben sich in ihren Bildern und Aktionen behutsam, aber spürbar, der japanischen Mentalität angenähert, David McVicar vor allem in der Führung der Matrosen im 1. Akt, der „Krieger“ danach, die alle in ihren stilisierten Bewegungsabläufen sehr asiatisch wirken. Der große Mond in verschiedenen Schattierungen, der den ersten und dritten Akt beherrscht, eine szenische „Baum“-Kreation, deren „Krone“ auch an die Milchstraße erinnert, im zweiten, wirken keinesfalls wie abstrakt-ideenlose Ausflucht der Gestalter, sondern wie der minimalistische Beitrag der Szenerie zu dem, was von der Regie her nur ein Seelendrama sein soll. Eines, das metaphysische Magie beschwört, und wenn Isoldes Schlussgesang sich angesichts eines riesigen Mondes begibt, der dabei versinkt, ist ein phantastisch schönes Bildgleichnis für die Musik gefunden.

David McVicar, den alle schätzen, denen die Werke wichtiger sind als die Regisseure, ist kein Mann, der irgendetwas beweisen muss (diesen gesunden Sinn haben die meisten Angelsachsen) – nicht, wie schrecklich einfallsreich er ist und welch großartige Interpretation er findet. Man hat ja nun wirklich viel gesehen – allein in Bayreuth von Ponnelles grandioser Ästhetik, die sich auch ins Spirituelle übersetzt hat, über Heiner Müllers faszinierende Abstraktion bis zu Marthalers üblichen Dummheiten (wo Isolde, wie erinnerlich, im 2. Akt nichts andere zu tun hat, als immer wieder Lichtschalter an- und auszuknipsen). Auch in Wien waren wir nicht allzu glücklich mit vorigen Inszenierungen: Günter Krämer ließ, wie erinnerlich, das große Duett im zweiten Akt vor Baumsilhouetten aus Sperrholz spielen…

David McVicar braucht das alles nicht: Er legt Tristan auch im dritten Akt nicht ins Spitalsbett oder verurteilt ihn dazu, den ganzen Akt lang auf einem Sessel in einer Rumpelkammer zu sitzen, wo dann seine Fiebervisionen einfach nur lächerlich wirken können. (Was man schon alles gesehen hat im Laufe der Jahre!) Nein, Tristan bekommt seine Felsenlandschaft in Kareol, die von der Stimmung her so richtig ist wie das unaufdringliche Schiff des ersten Akts. Nichts Selbstzweck, alles im Dienst der Sache.

Dieser Regisseur möchte nichts anderes, als das Beste für das Werk und in diesem Sinn auch das Beste für den Zuschauer. Wer hier von „Rampensingen“ spricht, der hat nicht genau hingesehen – denn in der Führung der Sänger gibt es ungemein präzise Zeichnungen der Charaktere und Situationen. Allein Isolde und Tristan im ersten Akt – so verkrampft die beiden, sie so verletzt, weil vermeintlich verschmäht, er so verstockt, um seiner vermeintlich übermächtigen Ehre zu entsprechen, und dann, wenn sie den wiederum vermeintlichen Todestrank zu sich genommen haben – wie sie sich in die Arme fliegen, so absolut notwendig, so selig, so endgültig, das muss sprachlos machen, weil es auch genau umsetzt, was in Wagners Musik steht.

Dass die Sänger der Titelrollen einen Großteil des Abends „machen“, liegt darin, dass sie alles Opernhafte abstreifen konnten und zu einer stupenden Selbstverständlichkeit des Seins gefunden haben. Wie oft sieht man Sängern zu, wie sie brav „machen“, was man ihnen gesagt hat – wie selten erlebt man, dass sie in ihre Rollen hinein steigen, wie es selbstverständlicher nicht sein könnte. Das ist Nina Stemme und Peter Seiffert gelungen, wobei auch die Chemie zwischen den beiden außerordentlich „strahlt“.

Nina Stemme, von Robert Jones auch prächtig gekleidet, in ein hellblaues, dann ein dunkelblaues Glitzerkleid in den beiden ersten Akten (es hilft, wenn Sänger nicht entstellt werden!), in eine herrliche rote Schleppenrobe für Akt 3 und Schlussgesang, könnte als Darstellerin, aber auch als Sängerin nicht besser sein. Wer viele „Tristans“ hinter sich hat, kennt die Probleme der Rollen, und man hat quälende Aufführungen erlebt, in denen man mit anhören musste, wie Sänger sich ihrerseits mit den Partien quälten. Nina Stemme befindet sich (ebenso wie Seiffert) stimmlich und technisch dermaßen auf den Höhen der Rolle, dass sie nie auch nur annähernd an ihre Grenzen kommt. Sie singt „wie von selbst“ und kann ihre ganzen Energien auf die Gestaltung legen. Welch wundervolle erst zweifelnde, dann stürmisch liebende, dann leidende, dann ins Nirwana abhebende Isolde, jede Sekunde ganz „da“ im Hier und Jetzt…

Peter Seiffert ist nicht minder überzeugend. Nicht, dass man nicht wüsste, was er kann, aber den Tristan mit aller Selbstverständlichkeit zu singen, als wäre die schwerste Sache der Welt auch die einfachste, macht ihm nicht so schnell einer nach. Als Liebender voll und ganz auf die Partnerin eingestellt, im 3. Akt mit all seinen Verzweiflungsausbrüchen der Leidende schlechthin – das ist großartig. (Übrigens hat sich David McVicar ein ungewöhnliches Detail ausgedacht – Tristan wird nicht im Kampf von Melot verletzt, sondern stürzt sich in dessen Schwert, begeht also gewissermaßen [verzögerten] Selbstmord, was durchaus zur Geschichte passt, wenn Kurwenal sie auch im 3. Akt ein bisschen anders erzählt…)

Stephen Milling hat nicht den großen, schwarzen Baß, mit dem man König Marke normalerweise besetzt, in seinem Kostüm sieht er auch ein wenig aus wie ein komischer Eskimo, aber seine Gestaltung des Monologs ist vorzüglich, den menschlich souveränen Charakter der Figur herausarbeitend.

Hingegen enttäuschte Brangäne, denn sie blieb – Schönheit schuldig. Man kommt in diesem Fall nicht ohne Vergleich aus, aber wer einmal gehört hat, wie Christa Ludwig unter Karajan die „Habet Acht“-Rufe sang, der weiß, dass man eine herrlich dunkle, magisch vibrierende Stimme braucht, um sie als vollkommene Ergänzung in das Liebesduett des 2. Aktes zu weben. Die Stimme von Janina Baechle ist einfach zu hell (geworden), sie hat nicht mehr die Durchschlagskraft, an die man sich aus den Jahren erinnert, als sie in der Direktion Holender (der sie entdeckt hat, das muss man sagen), jahrauf, jahrab die Ortrud singen musste.

Möglicherweise war sie teilweise ein Opfer von Welser-Mösts gelegentlich zu „lautem“ Duktus, genau wie Jochen Schmeckenbecher: Der gefiel zwar als Figur, denn man ist gewöhnt, den Kurwenal im ersten Akt als geradezu aggressiven, meist höchst unfreundlichen Kämpfer für seinen Herre Tristan zu erleben: Schmeckenbecher hingegen geht geradezu freundlich-locker mit den Damen Isolde / Brangäne um, und deshalb ist er im dritten Akt als der liebevolle Gefährte, der den Todkranken pflegt, auch völlig glaubhaft. Schmeckenbecher sang allerdings vielfach an den Grenzen seiner Möglichkeiten – und, der Vergleich macht sicher: Wenn das auch den Titelrollendarstellern passiert, dann hat man „Tristan“-Repertoire, aus dem man müde herauswankt.

Aus diesem Abend hingegen ist man als Wagner-Freund beglückt geschwebt, und das lag auch an Franz Welser-Möst, der mit seinen Wiener Philharmonikern (alle Instrumenten-Soli picobello gespielt!) in Hochform war. Sozusagen vom ersten Ton an, wenn er im Vorspiel ganz klug und Schritt für Schritt die Gefühlsintensität so steigerte, dass man dachte, er möge doch nicht alle seine Karten gleich ausspielen. Aber er hatte mit dem Orchester noch genug im Talon, ob Wagners intensive, geradezu quälende Chromatik, ob leidenschaftlicher musikalischer Aufschwung (bis zu schier den Raum sprengendem Fortissimi), ob musikalisches Verdämmern bis zum Hauch… Welser-Möst spielte die Facetten des reichen Werks aus. Der „Tristan“ ist eben die Ultima Ratio an Gefühlsintensität, und das Orchester hat dies zu vermitteln. Es war schlechtweg und ohne Einschränkung großartig.

Fazit: Der Abend bot eine wunderschöne Inszenierung, ein herausragendes Dirigat und zwei exzeptionelle Leistungen in den Titelrollen – man kann also beinahe von einer Sternstunde sprechen. Wer das Bedürfnis hat, hier gegen den Dirigenten und den Regisseur „Buh“ zu rufen, wie es mit geradezu schockierender Beharrlichkeit geschah, ist zu bedauern. Denn er hat diese Sternstunde nicht erlebt. Und, offen gesagt: So häufig sind sie nicht, dass man sich leisten dürfte, sie nicht zu erkennen.

Renate Wagner

 

 

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