Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: TRISTAN UND ISOLDE

19.01.2015 | Oper

WIEN/ Staatsoper: Tristan und Isolde am 18.1. 2015

Tristan_und_Isolde_52376_SEIFFERT[1]
Peter Seiffert. Foto: Michael Pöhn/ Wiener Staatsoper

 Es war die 15. Aufführung dieser Produktion, die in Tokio eingekauft worden war und naturgemäß einige Spuren des traditionellen japanischen Nō- und Kabuki Theaters enthält. Der Abendspielleitung ist es wohl zu verdanken, dass man den Protagonisten nun mehr Freiraum in der Rollengestaltung ermöglicht hat und frühere langweilige Stehposen nun einer spielfreudigeren Präsentation gewichen sind. Nach wie vor kann aber der aufmerksame Zuseher und die noch aufmerksamere Zuseherin wohl nicht nachvollziehen, weshalb Regisseur Sir David McVicar Tristan bereits kurz nach Beginn der Oper wie ein Mahnmal an den linken Bühnenrand auf pflockt, während Brangäne und Isolde noch über das adäquate Verhalten bei seiner erwarteten Ankunft verhandeln.

Nachdem dann das zweitbekannteste Liebespaar der Weltliteratur, nach Romeo und Julia, den Liebestrank zu sich genommen hat, fallen sie einander gleich in die Arme, obwohl die Musik Wagners genau vorexerziert, dass dieser Liebestrank ja erst seine Wirkung in den Körpern der beiden entfalten muss…

Und für die herabsinkende Nacht der Liebe, nämlich der körperlichen, ist dem Regisseur und seinem Ausstatter Robert Jones leider auch nicht viel eingefallen. Während das Liebespaar seinen tiefempfundenen Gedanken Worte verleiht, hätte man diese leidenschaftliche Nacht zumindest choreographisch sensibel quasi mit „Weichzeichner“ ausformen können ohne gleich in den Ruf pornographischer Darstellung zu geraten.

Außerhalb Japans, woher diese Produktion ja eingekauft worden war, wirken auch die Matrosen, die an die Samurai der Edo-Zeit, die vom 16. bis zum 19. Jhd. das  Nō-Spiel pflegten, in der Choreographie von Andrew George eher komisch und aufgesetzt. 

Peter Seiffert bewies wieder einmal mehr, dass er die Gewaltpartie des Tristan formvollendet interpretieren kann. Er teilte sich seine Kräfte sorgfältig ein, hielt sich im ersten Akt stimmlich noch etwas zurück und ließ im zweiten Akt bereits erahnen, was man von ihm dann im dritten Akt erwarten kann, nämlich einen äußerst textverständlichen Helden, der als eher lyrischer Tenor dennoch zu den gewaltigen Verzweiflungsausbrüchen, ohne Einbuße seines gewaltigen Stimmvolumens fähig ist.

Ihm zur Seite stand dieses Mal als Isolde die äußerst bühnenpräsente Schwedin IréneTheorin, die alle Schattierungen dieser zerrissenen leidenden Frau, ihre ständigen Gefühlswechsel überzeugend verkörperte. Zu Beginn ist sie von  Rache besessen ob des untreuen Tantris (vgl. Ernst Hardt „Tantris der Narr“, Drama in fünf Akten, 1907), dem sie und sich selbst den Todestrank reichen will. Nach Einnahme des Liebestrankes wird sie zur stürmisch Liebenden Irin und schließlich, nach der tödlichen Verwundung Tristans, zur sehnsüchtig von ihm erwarteten hingebungsvollen Ärztin, die sich schließlich ergreifend in ihrem finalen Schwanengesang verklärt.Brava!

Albert Dohmen gestaltete den zunächst noch gekränkten und schließlich wissend gewordenen, weisen und verständnisvollen König Marke einfühlsam. Zur Erinnerung: Georg Kaiser zeichnete in seiner Tragikomödie in fünf Akten  „König Hahnrei“ (1913) einen ganz anderen König Marke. Nachdem dort der greise König durch seine Diener von der Untreue seiner Gattin Isolde und seines Neffen Tristan überzeugt werden konnte, schleudert er seinen Speer gegen das in Umarmung befindliche Liebespaar und tötet die beiden.

Petra Lang war eine eindrucksvolle Brangäne, gesanglich bestens disponiert und eine einfühlsame Gefährtin ihrer Herrin Isolde.

Tomasz Konieczny gefiel trotz oder gerade weil er einen eher zurückhaltenden, unauffälligenKurwenal gestaltete, der erst im dritten Akt bei den Verzweiflungsausbrüchen Tristans gesanglich demonstrieren konnte, was in seiner Kehle steckt.

Dem aus Madrid stammenden spanischen Bariton Gabriel Bermúdez war die Rolle des intriganten Parvenü Melot anvertraut, die dieser rollengerecht als speichelleckenden Fiesling zeichnete.

In den kleineren Rollen gefielen Jason Bridges als junger Seemann, Il Hong als Steuermann und Carlos Osuna als Hirt.

Der Chor der Wiener Staatsoper sang aus der rechten Proszeniumsloge gut geführt von Martin Schebesta.

Natürlich schätze ich Peter Schneider als besonders einfühlsamen Koordinator des musikalischen Geschehens im Graben und auf der Bühne in bester Kapellmeistertradition. Die Wiener Philharmoniker folgten ihm dabei bereitwillig, ließen sich aber bei Isoldes finalem Gesang dazu verleiten, diese bei den Zeilen „in des Weltatems wehendem All“ mit Fortissimo fast völlig zuzudecken. Allerdings wurde ich eines Besseren belehrt. Von meinem Platz in der ersten Parterreloge links aus war der Orchesterklang natürlich dominierend. Auf dem Balkon bzw. der Galerie soll aber der Liebestod Isoldes viel textverständlicher geklungen haben. Wieder einmal spielten also die akustischen Gegebenheiten der Wiener Staatsoper den Ohren einen Streich.

Und nun sei mir noch eine Bemerkung erlaubt, die vielleicht würdig eines Threads  im Forum sein könnte: Meiner Meinung nach, die ich in vielen Diskussionen bestätigt gefunden habe, beschreibt Wagner mit diesem letzten Gesang seiner Heroin textlich nur in Andeutung, dafür aber umso mehr musikalisch die sexuelle Steigerung hin zum erlösenden Orgasmus. Isoldes  Liebestod wird damit gleichsam zum „kleinen Tod“ jeder zwischenmenschlichen sexuellen Erfüllung…

Gute zehn Minuten währte dann der Schlussapplaus, zaghafte Buhrufe für das Liebespaar und den Dirigenten, wurden von der überwältigenden Mehrheit der Bravorufer unterdrückt. Auch der Rezensent war begeistert und stellte sich, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, beim Künstlereingang brav um ein Autogramm an.                                                                       

Harald Lacina

 

 

Diese Seite drucken