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WIEN/ Staatsoper: TRI SESTRI

18.03.2016 | Oper

WIENER STAATSOPER: „TRI SESTRI“ am 16.3.2016

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Ilseyar Khayrullova, Margarita Gritskova, Aida Garifullina. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Wahl für die Regie fiel auf Yuval Sharon. Er studierte an der University of California, Berkeley auch Slawische Literaturwissenschaft. Sharon legt Wert auf Vielschichtigkeit.

Wenn eine Opernaufführung eine Botschaft bringt, hört sie seiner Meinung nach auf, Kunst zu sein. Spontan fallen mir auch nur wenige Ausnahmen in der Opernliteratur ein, die eine solche vermitteln wollen. Eine Katharsis ist bei einem Stück, welches vom Salon-Naturalismus her kommt, in der Regel nicht zu erwarten. Der Regisseur möchte, dass Tri Sestri für jeden Zuschauer ein persönliches Ereignis wird, das an seine eigenen Erinnerungen und Fantasien anknüpft. Nun, aus meiner Erfahrung weiß ich, dass in der Erinnerung spätere Gedanken mit den damals wirklich gedachten legiert werden, oder es stellen sich im Gedächtnis „Zeitrochaden“ ein. Aber ein Entgegenschweben und sich wieder Fortbewegen, ein Gefühl des Fließens ist meiner Erfahrung unbekannt. Die Idee der Laufbänder scheint, dem Regisseur vielleicht nicht bewusst, eine Erinnerung aus seiner Zeit der Regieassistenz bei Achim Freyer zu sein. Esther Bialas schuf eine Ausstattung in feinfühlendem Einklang mit dem Regisseur. Die Video-Einblendungen von Jason H. Thompson hatten eher pleonastischen Charakter.   

Claus H. Henneberg † und Péter Eötvös haben durch die vorgenommenen Kürzungen und Adaptierungen des Tschechow´schen Theaterstücks das Werk in Richtung Stationendrama und Symbolismus gerückt. Wer an Kürzungen schon gearbeitet hat, weiß die vorliegende Bearbeitung zu schätzen. Denn es darf nicht ein Höhepunkt nahtlos an den anderen gereiht werden, außerdem besteht die Gefahr einer Sterilität, welche naturgemäß bei einem Musikdrama nicht so groß ist.

Durch das Szenenfoto der drei Schwestern auf den Schaukeln in Vorfreude auf den Prolog versetzt, enttäuschte mich dann das Terzett. Ich vermisste einen gewissen Zusammenklang trotz der Verschiedenheit der Charaktere. Obwohl ich froh darüber bin, dass Péter Eötvös für die drei Schwestern in Wien Frauenstimmen wählte, es sind junge, aufstrebende Damen des Wiener Ensembles, und obwohl mein Interesse an einer Countertenor-Fassung gering ist, muss ich den Sängern der Youtube-Aufnahme meinen Respekt zollen.  

Bei ihren individuellen Auftritten in den drei nachfolgenden Sequenzen war dann alles im Lot. Es freut mich, dass mir die in Tatarstan geborene Ilseyar Khayrullova bereits im „Schlauen Füchslein“ in der kleinen Rolle des verliebten Hundes aufgefallen ist. Die Figur der Olga in der Oper erinnert mich an das Weinheber-Gedicht „Kammermusik“, wo die Zweite Geige von sich sagt: „Mir, neben lichterm Wesen, ist verwehrt ein Ich zu haben. Nicht die Welt – doch fester und wirklicher: Die Erd hat mich belehrt. Dort dunkelt es, lass dich begleiten, Schwester.“ Olga hat keine eigene Sequenz. Dass die älteste Schwester einer jungen und nicht einer schon arrivierten Sängerin anvertraut wird, ist eine begrüßenswerte künstlerische Herausforderung. Die tiefe Altlage hat noch nicht die Durchschlagskraft für höhere, schwerere Aufgaben. Trotz des schweren Schicksalsschlags des Todes ihres Verlobten durchzieht die Irina der Aida Garifullina auch stimmlich als Lichtgestalt das Stück. Und Margarita Gritskova (Mascha) eilt in unsrem Haus von Erfolg zu Erfolg.

Die historischen Gründe für Männer in Frauenrollen und die Besetzung von Frauen in sogenannten Hosenrollen aus Gründen der Balance der Stimmlagen (siehe „Komponist“) fallen hier weg. Eingestanden oder nicht ist als Beweggrund dafür heute die Gender-Philosophie heranzuziehen. Hut ab vor der großartigen Leistung von Eric Jurenas als Natascha. Nach meinem Hörgefühl hätte dieser Part von einem dramatischen Sopran gesungen ebenso Wirkung gezeigt. Die Rolle der alten Amme Anfissa gibt für einen Charakter-Bass-Sänger gar nichts her. Für Marcus Pelz war das also eine undankbare Aufgabe.

Erfreulich das Wiederhören von Boaz Daniel, diesmal als vornehmer adeliger Tusenbach. Für seinen Mörder Soljony wurde vom Akademischen nationalen Theater für Oper und Ballett Odessa Victor Shevchenko geholt. Anscheinend ist das Angebot an tiefensicheren Bässen nicht sehr groß. Die Redaktion der Website Wiener Staatsoper hat es zeitgerecht nicht zu einer Biografie und Vorstellung des Sängers geschafft. Das ärgerte mich schon bei Khayrullova im Juni 2014. Aber auch bei ihm mangelte es der Tiefe an Mächtigkeit. Für Clemens Unterreiner ist die Partie des Batterie-Kommandanten Verschinin wie maßgeschneidert. Sie enthält meiner Meinung nach zu viel Sprechtext. Gabriel Bermúdez ist in meinen Augen als Andrei Sympathieträger. Seiner guten Modulation und Phrasierung steht leider eine etwas kleine Stimme zu Gebot. Maschas Gatte Kulygin ist gesanglich zu grob in Töne gesetzt. Dadurch kann Dan Paul Dumitrescu seinen noblen Bass zu wenig entfalten. Nachdem Norbert Ernst Ausflüge in für ihn gewagte Stimmgattungsbereiche unternommen hatte, fand er im Doktor eine adäquate Rolle. Als Offiziere der niedrigsten Rangstufe  musste Jinxu Xiahou, bereits in anspruchsvolleren Partien eingesetzt, Ensembledisziplin aufbringen und Jason Bridges wurde Gelegenheit geboten ins Ensemble hineinzuwachsen.    

Die Frage der Authentizität erübrigt sich bei der musikalischen Leitung durch den Komponisten. Mit dem Orchester im Hintergrund der Bühne (Leitung Jonathan Stockhammer) hatte ich akustische Probleme. Das Hauptgewicht lag im Orchestergraben.     

Auch wenn Sharon davon ausgeht, dass das Publikum keine Botschaft zu empfangen braucht, will ich den Beitrag des großen Österreichers Viktor E. Frankl im Programmheft nicht missen. Jenseits des Bühnengeschehens mögen seine Gedanken den Abschluss meiner Rezension bilden: „Glück darf und kann nie Ziel sein, sondern nur Ergebnis. Nicht wir dürfen nach dem Sinn des Lebens fragen – das Leben ist es, das Fragen an uns richtet. Die Gegenwart ist alles. Was jedoch in der Zukunft auf uns wartet, brauchen wir ebenso wenig zu wissen, wie wir es wissen können. Das Leben eines Menschen, der seinen relativ größeren Lebenskreis nicht zur Gänze erfüllt, bleibt unerfüllter als das eines Menschen, der seinem enger gezogenen Kreis wirklich genügt.“ Irina ist auf dem richtigen Weg.                                    

Lothar Schweitzer                                                            

 

 

 

 

 

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