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WIEN / Staatsoper: TOSCA

06.06.2013 | Oper

WIEN /Staatsoper: 
TOSCA  von Giacomo Puccini
560. Aufführung in dieser Inszenierung
6. Juni  2012 

Fans von Roberto Alagna können sich freuen: Innerhalb kurzer Zeit hat er einen Hattrick hingelegt – drei seiner großen Rollen hintereinander erstmals an der Staatsoper gesungen. Der Franzose italienischer Herkunft begann mit Werther und Don José und hat – laut Wikipedia einen Tag vor seinem 50. Geburtstag, dem 7. Juni – schließlich den Cavaradossi gesungen, eine der Glanzpartien des italienischen Repertoires. Die erste Arie geriet allerdings eindeutig glanzlos – aber wie ein Tennis-Champion, der weiß, wenn er den ersten Aufschlag gerade noch über die Netzkante gebracht hat, muss er den zweiten in ein „As“ verwandeln, handelte Alagna entsprechend: Genau das geschah. Mit „E lucevan le stelle“ setzte der Tenor den Höhepunkt des Abends, nicht nur fabelhaft gesungen, sondern auch ungemein berührend gestaltet – wirklich und wahrhaftig der Mann, der seinem Tod entgegensieht und doch nur leben will…

Wie bei Werther, wie bei Don José stellte man wieder fest, mit welcher Sicherheit Alagna (vor dem Vorhang dann bloß der strahlende Sonnyboy) in seinen Rollen steht, ein Gestalter, der sich voll einbringt, genau weiß, was er tut, sich aber nie nach Routine anfühlt, sondern nach spontanem, echtem Einsatz. Dabei wird sein Timbre sicher von Opernfreunden diskutiert werden, aber als Bühnenpersönlichkeit kann er nicht angezweifelt werden, so viel seine Gegner  auch an ihm herumnörgeln mögen.

Man weiß, dass Martina Serafin gerade die Tosca landauf, landab singt, Mailand, London, Berlin, Paris, auch in Wien war sie 2010 einmal in der Rolle zu hören, es ist sicherlich eine ihrer Paradepartien. Dennoch überzeugte sie aus mehreren Gründen nur bedingt. Erstens hat ihre Stimme einen Stahlkern, der sich stets bemerkbar macht, ihre Höhen unschön schärft und oft auch die Mittellage nicht voll und angenehm ausschwingen lässt – wenngleich ihr „Vissi d’arte“ (mit Ausnahme des ersten Ansatzes und des letzten Tons) sehr schön gelang. Und zweitens überzeugt sie, so großartig sie auf der Bühne aussieht (und das ist gerade bei der Tosca nicht unwichtig), nicht eben durch leidenschaftlichen darstellerischen Einsatz. Was sie macht, wirkt gekonnt, aber nicht gelebt, geliebt, gelitten, da baut sich keine atemlose Spannung auf, wie es bestenfalls immer noch geschieht, wenn Darstellerinnen Gänsehaut zu erzeugen vermögen. Aber das mag natürlich jeder Zuschauer individuell zu erleben, sicherlich hat sie viele im Publikum gepackt.

Warum Opernhäuser den Scarpia immer wieder als Rolle für ältere Herren sehen, ist nicht einzusehen – der Kerl hat so viel Kraft im Bösen und braucht so viel Kraft aus der Kehle, dass man dies nicht unterschätzten sollte. Da hat man schon „Könige“ eingehen sehen (etwa 2009 den großen Ruggero Raimondi). Was Albert Dohmen betrifft, so freut er sich offenbar, dass die Wiener Staatsoper das einzige Haus zu sein scheint, das ihn aus dem ewigen Kreislauf seiner Wagner-Rollen „erlöst“ – wenn auch nicht wirklich erfolgreich. Schon sein „Faust“-Mephisto überzeugte kaum, und sein Scarpia bleibt vom ersten Auftritt an unter den Möglichkeiten der Rolle (Wer bei „Un tal baccano in chiesa!“ nicht heiligen Schrecken nicht nur in Sant’Andrea alla Valle, sondern im ganzen Zuschauerraum verbreitet, soll gleich wieder gehen) . Es ist nun einmal vorgesehen, dass dieser Scarpia ein volles Orchester und einen brüllenden Chor im Finale des ersten Aktes übersingt, mit gewaltiger Röhre „krönt“. Er muss im zweiten Akt wirklich ein zynisches, sadistisches Monster sein – wie viel düstere, möglicherweise elegante  „Größe“ oder bloß menschliche Widerlichkeit man ihm gibt, hat nichts mit den gesanglichen Anforderungen zu tun. Dohmens flache, oft fahle Stimme und seine nicht auf die hier nötigen Effekte gepolte Persönlichkeit machten den Scarpia-Ausflug zu keinem Erlebnis.

Zumal – wenn der Mesner im ersten Akt den Eindruck erweckt, er habe mehr Stimme als Scarpia! Er wurde wieder einmal von Wolfgang Bankl gesungen (wo ist denn unser Sramek?), den man ohne Glatze auf den ersten Blick gar nicht erkennt und der recht drollig (und eben stimmstark) wirkte. Janusz Monarcha als Angelotti hingegen war schon sehr gehetzt, es  hörte sich auch so an, dagegen bohrte sich Wolfram Igor Derntl in die Ohren, aber er ist ja als Spoletta auch ein böser Scherge, ebenso wie Il Hong als Sciarrone. Alexandru Moisiuc lieferte die dunklen Töne, die im dritten Akt gebraucht werden, ein Kind der Opernschule (gibt’s keine Sängerknaben mehr?) ließ den Hirten ertönen.

Dan Ettinger, einst Barenboim-Assistent, jetzt GMD in Mannheim, gab eine „Tosca“ mit einem gewissen Hang zu lärmender Lautstärke, bemühte sich aber auch hörbar und erfolgreich um eine differenzierte Ausformung des Dramas.

Nicht alles an dem Abend war ideal, aber das Publikum hörte sich sehr zufrieden an. Und das ist bekanntlich das Wichtigste.

Renate Wagner

 

 

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