Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: THE TEMPEST

14.06.2015 | KRITIKEN, Oper

The_Tempest_79691 Ariel als Spinne~1 
Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
THE TEMPEST von Thomas Adès
Premiere: 14. Juni 2015 

 „Der Sturm“ nimmt in Shakespeares Werk eine Sonderstellung ein, weil der Dichter – üblicherweise fest am Boden der Realität verhaftet – hier tatsächlich ein metaphysisch-irreal-magisches Element eingebracht hat, das bei ihm selten ist (die Macbeth-Hexen, der Narr im „Lear“ am Weg dazu, nicht viel mehr). Darum genießt das Stück höchste Reputation, wenn es inhaltlich auch wenig zu bieten hat – eher die Figuren als die Handlung: Nur der erbitterte Prospero, der Luftgeist Ariel und der doch eher als hässliches Monster gesehene Caliban erregen Interesse – die Polithandlung, die Liebeshandlung und die Tölpelhandlung sind von rein konventionellem, wenig interessantem Zuschnitt.

Für das Libretto seiner Oper hat sich der britische Komponist Thomas Adès die Geschichte von Meredith Oakes zwar zu einer übersichtlichen Handlungsabfolge zusammenstellen lassen, sprachlich einiges amüsant und pointiert in Versen, aber spannend wird die Sache – wenn überhaupt –  letztendlich nur durch die Musik. Wobei Adès offenbar auf durchaus tonaler Basis bleibt, die er mit Dissonanzen interessant, manchmal verstörend aufputzt, auch alte Musikformen erkennbar zitierend. Gekonnt, interessant, aber im Ganzen nicht so packend, dass man permanent mitgerissen wäre.

Die „moderne Oper“, die das Publikum schreckt, kommt von Adès’ Behandlung der menschlichen Stimme. Da hat es keiner der Sänger wirklich leicht, aber keiner auch unerreichbar schwer – mit Ausnahme von Ariel. Was sich Adès da für einen hohen, höheren, unglaublich höchsten Koloratursopran ausdacht hat, steckt jede Zerbinetta, Königin oder Lucia lächelnd in die Tasche – die Anforderungen eines schrillen und auch offensiven Gezwitscheres und Gequietsches können wohl wenige Sängerinnen erfüllen.

Sturm Ariel allen xx jpg  Sturm SZENE Ariel Lüster xx~1

Deshalb hat man wohl auch Audrey Luna, als einzige der Met-Besetzung, nach Wien geholt. Sie kann’s, und das in geradezu begeisternder Art und Weise. Das ist, im silbernen Glitzergewand, wirklich ein Geschöpf nicht von dieser Welt, auch wenn sie in Lüstern turnt (das übernimmt allerdings ein Double) und sich plötzlich als Riesenspinne entpuppt – einfach herrlich, ein Über-Drüber-Wahnsinn. Dass die Sängerin im dritten Akt dann schon stimmlich  leicht erschöpft wirkte, konnte man ihr nachfühlen.

Sturm ganze SZENE 2. Akt xx~1

Es ist natürlich der Abend des Robert Lepage. Den grenzenlosen Einfallsreichtum und die brillante Theaterlogistik dieses Kanadiers konnte man in Wien vielfach bewundern, wenn er mit den (immer über-über-überlangen) Produktionen seiner Ex Machina-Compagnie bei den Festwochen gastierte. Dann kam der Met-„Ring“, der auch dann überwältigend ist, wenn man ihn nicht live, sondern „nur“ im Kino (und dann, zum Festigen der Eindrücke, auf DVD) erlebte. Und wenn es um Theatermagie geht, die im „Sturm“ ja schon von Shakespeare angelegt ist, wird man nach Lepage rufen.

Dieser gibt einem Werk, das inhaltlich nicht gerade überbordende ist, dann von der Szene und dem Ideenreichtum so viel, dass sowohl Shakespeare wie auch der interessante Manierismus von Thomas Adès reich bedient werden. Dabei wirken die ältesten theatralischen Mittel (Sturm und Schiffbruch mit Hilfe von wehenden Stoffbahnen) immer noch am besten…

Sturm Szene 3 Akt_Wiener_Staatsoper_Michael_Poehn

Prospero ist der entthronte Herzog von Mailand – und es ist die Mailänder Scala, deren Innenraum (im ersten Akt) und deren Bühne / Zuschauerraum (im dritten Akt) den optischen Hintergrund für die Aufführung bilden, während Akt 2 einfach eine magische Landschaft darstellt (Bühnenbild Jasmine Catudal zu märchenhaften Kostümen von Kym Barrett): Warum soll sich ein Mann, der zum Zauberer wurde, nicht eine Opernwelt kreieren? Das ist höhere Logik, die man nicht eine Sekunde anzweifeln will. Schade, dass das Werk im dritten Akt so dünn wird und nicht enden will, dass man sich keinem strahlenden, krönenden, sondern einem ermüdenden Schluss zuarbeitet. Da kann auch der Regisseur nichts retten – obwohl man andererseits wieder gerne zugibt, dass das Verdämmern einer Insel, wo nur die Geisterwesen Ariel und Caliban allein zurückbleiben, viel Poesie in sich hat. Aber bis dahin hat das Publikum schon ungeduldig dem Ende zugewetzt.

Sturm Eroed_BREIT_Michael_Poehn2 

Adrian Eröd ist ein ganz anderer Typ als Simon Keenlyside, der grandiose London- und Met-Prospero, er gibt von Anfang an weit weniger an Energie (negativer Energie) und Dynamik als dieser (dem auch die Tattoos, die ihm etwas definitiv Wildes verliehen, besser standen). Aber Eröd ist ein wunderschön elegisch-resignierter Fürst, ein edel-tragisch umflorter Philosoph, der stimmlich allerdings immer wieder an seine Grenzen stößt, keinesfalls in der Interpretation, wohl aber in dem Stamina, das ihm nicht ausreichend zur Verfügung steht.

Stephanie Houtzeel als Miranda wird nicht annähernd so gequält wie Ariel, aber auch ihr Mezzo muss sich in Höhen und Schwierigkeiten winden, die im Endeffekt nicht angenehm anzuhören sind (und sie ist kein Geist, sie ist die liebende Tochter, die zur liebenden Frau reift – also kein Grund für solche Übertreibungen). Pavel Kolgatin ist ihr tenoraler Ferdinand, rührend, wie die Liebe die beiden befällt.

Thomas Ebenstein bekam als Caliban einmal eine zentrale Rolle – im tierischen Zottelpelz, im Irokesen-Look, aber die Figur quasi locker nehmend. Leider war er streckenweise heiser, was angesichts der Herausforderungen nicht wundert. Jedenfalls nützte er seine Möglichkeiten, die ihm die einigermaßen große Rolle bietet. Hingegen haben es andere Interpreten schwerer, am wenigsten noch der Countertenor David Daniels und unser bewährter Baß Dan Paul Dumitrescu als vergnüglich-besoffenes Komiker-Pärchen Trinculo und Stefano, wenn sie auch einigermaßen am Rande bleiben.

Sturm Caliban und Säufer xxx~1

Die „Haupt- und Staatsaktion“ wird von einigen Herren bestritten, die sich mäßig profilieren können, nicht einmal Jason Bridges  als der unveränderlich „böse Bruder“ Antonio. Herbert Lippert quält sich als Alonso, König von Neapel, mit dem vermeintlichen Verlust seines Sohnes und dem, was Adès seinem Tenor auferlegt hat. Sorin Coliban als Gonzalo singt die positive Figur des Gonzalo sehr überzeugend und hat eine wunderschöne kurze Sequenz, in der er eine paradiesische Welt ausmalt. Auch an David Pershall als Alonsos Bruder Sebastian (der ist nun nicht unbedingt ein Guter) merkt man, dass Adès die dunklen Lagen am „normalsten“ führt. Für alle anderen Sänger kann er nur als Stimmen-Killer gelten…

Der Chor, üppig als Hofgesellschaft gewandet, hat die Aufgabe, die Optik etwas aufzufetten und relativ Schönes zu singen, was perfekt abgeliefert wird.

Thomas Adès dirigierte sein Werk selbst (im schwarzen Hemd – an der Met war’s ein weißes Ruderleiberl unter schlabbriger Anzugsjacke, wie die DVD genau zeigt), mit spürbarer Liebe zur Sache (wie auch nicht), er weiß schließlich, was er hineinkomponiert hat und konnte es differenziert mit dem Orchester herausholen, eine breite Skala an Atmosphärischem wie auch Effekten (was schon mit dem komponierten „Sturm“ zu Beginn anhebt). Für ihn, alle Sänger und das Inszenierungsteam gab es unwidersprochenen, verdienten und auch ehrlich stürmischem Beifall.

Natürlich ist es gut und richtig, neue Opern zu spielen, noch dazu, wenn sie es – genau genommen – den Zuschauern so leicht machen wie diese und sich dabei auf so hohem Niveau bewegen. Hoffentlich geht das Publikum mit: Am Nachmittag der Premiere hätte man noch Karten in nahezu allen Preiskategorien bekommen können…

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken