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Wien/ Staatsoper: THE TEMPEST von Thomas Adés. Premiere

14.06.2015 | Oper

Wiener Staatsoper: THE TEMPEST –  Premiere 14.6.2015

(Heinrich Schramm-Schiessl)

Sturm  ganze SZENE 2. Akt xx~1
Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 Die Wiener Staatsoper und die zeitgenössische Oper, das ist zumindest seit der Wiederöffnung des Hauses alles andere als eine Liebesbeziehung. Eigentlich hat es nur in der Ära Karajan (sic!) eine regelmäßige Pflege dieser Werke gegeben. Zugegeben, man hat sich nicht über Uraufführungen getraut, aber viele der in dieser Zeit neu eintstandenen Werke sind bald nach der Uraufführung im Spielplan des Hauses aufgeschienen. Allerdings war die Publikumsakzeptanz – sagen wir – durchwachsen und, was übrigens im digitalisierten Heftmerker der damaligen Zeit jederzeit nachzulessen ist,  auch die Begeisterung unserer damaligen Kollegen sehr oft endenwollend.

 In der Folge konzentrierten sich die Aufführungen in erster Linie auf Werke Gottfried von Einems, an dem man angesichts seiner Stellung in der österreichischen Gesellschaft offenbar  nicht vorbeigehen konnte, auch wenn man ehrlich sagen muss, dass sowohl der „Danton“ als auch die „Alte Dame“ sehr gute Werke sind. In der jüngeren Vergangenheit wurde man dann etwas mutiger, aber zu einer „Hochburg“ der zeitgenössischen Oper wurde das Haus am Ring nie. Insgesamt gab es zwischen 1955 und 2010 gerade einmal sieben Uraufführungen, wobei zwischen der ersten – Frank Martins „Der Sturm“ (Juni 1956) – und der zweiten – Einems „Besuch der alten Dame“ (Mai 1971) – fast 15 Jahre vergangen sind.

 Nun hat sich die gegenwärtige Direktion entschlossen, wieder vermehrt zeitgenössische Opern in den Spielplan aufzunehmen. Man spricht dzt. von einem Werk pro Saison und es sind für die Zukunft sogar Uraufführungen geplant. Den Anfang macht die 2004 an der Londoner Covent Garden Opera uraufgeführte Oper „The Tempest“ des britischen Komponisten Thomas Adès, die schon in zahlreichen Häusern, u.a. auch an der Met, nachgespielt wurde.  Irgendwie schließt sich hier nach 59 Jahren ein Kreis, denn wie Frank Martins „Sturm“ basiert auch diese Oper auf dem gleichnamigen Shakespeare-Stück.

 Um es gleich vorwegzuunehmen: Die von manchen (älteren) Stammbesuchern, soferne diese überhaupt im Haus waren, in der Pause – bei Premieren bekanntlich eine besondere Schlangengrube – gestellte Sinnfrage einer solchen Produktion ist für mich kein Thema, denn ein Haus vom Rang der Wr. Staatsoper hat die Verpflichtung, die wesentlichen zeitgenössischen Werke auf dem Spielplan zu haben. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist in Anbetracht der Subventionen, die das Haus erhält, hier nicht anzustellen. Viele Versäumnisse der Vergangenheit – Reimanns „Lear“ sollte z.B. schon längst Repertoire-Bestandteil sein – sind hier ohnehin nicht mehr wettzumachen.

 Die Musik des Werkes ist, wie so oft bei Komponisten aus dem angloamerikanischen Raum, an sich publikumsfreundlich. Das bedeutet, dass zusammenhängende Melodien zu erkennen sind und man nicht das Gefühl hat, sich in einer Lehrstunde aktueller musiktheoretischer Erkenntnisse zu befinden. In den ersten beiden Akten dominiert, wie leider bei zeitgenössischen Opern meist immer, das Blech und das Schlagzeug. Dass es, wie aus der Generalprobe zu hören war, nach der Pause „fad“ würde, kann ich keinesfalls unterschreiben, denn gerade in diesem dritten Akt tat sich auch in Richtung Streicher sehr viel im Orchester und das waren für mich eigentlich die wertvollsten Momente des Abends. Konterkariert wurde diese „ohrenfreundliche“ Musik durch die Koloraturpartie des Ariel, die der Sängerin ungemein viel abverlangte.

 Diese Partitur wurde vom Staatsopernorchester unter der Leitung des Komponisten – er war übrigens nach Hindemith, Egk, Furrer und Bernstein erst der fünfte Komponist  nach 1955, der ein eigenes Werk am Haus dirigiert hat – mit großem Animo wiedergeggeben und speziell die von den Streichern dominierten Passagen klangen sehr intensiv und eindrucksvoll. Damit hat unser Orchester allen jenen, die glaubten, der Forderung des Exdirektors nach einem Staatsopernorchester ohne Philharmoniker applaudieren zu müssen, die richtige Antwort gegeben.

 Mit der Inszenierung von Robert Lepage bin ich nur beding glücklich. Er vertraute offensichtlich dem Werk nicht völlig und glaubte etwas dazuerfinden zu müssen. Er bediente sich des ehrlich gesagt schon ziemlich abgelutschten Tricks des „Theaters auf den Theater“. Im ersten Akt, befindet man sich als Zuschauer praktisch auf der Hnterbühne der Mailänder Scala und blickt in deren Zuschauerraum. Im zweiten Akt, sieht man dann von vorne auf die Bühne, nur der Rahmen erinnert noch an die Scala. Dieses Bild war sehr stimmungsvoll und der Schluss des Aktes, wenn Ferdinand und Miranda in Richtung Meer gehen, der wahrscheinlich stärkste Moment des ganzen Abends. Im dritten Akt befinden wir uns im ersten Teil auf der Hinterbühne, die von einem heute so beliebten Stalhrohrgerüst – wenn auch ohne Aufzüge – dominiert wird. Der zweite Teil spielt dann in einem Längsschnitt der Scala mit den Logen auf der Rückseite und im Vordergrund mit dem Parkett, dem Orchestergraben und dem vorderen Teil der Böhne. Diese Bühnenbilder (Jasmine Catudal) waren zwar nicht uneindrucksvoll, was der Regisseur damit allerdings darlegen wollte, hat sich zumindest mir nicht erschlossen, zumal die Personenführung mit Ausnahme des Ariel als eher unauffällig zu bezeichnen ist.. Dem gegenüber gab es sehr schöne Kostüme (Kym Barrett), die sich wohltuend vom heute so modernen „Fetzenlook“ abhoben.

 Das Sängerensemble –bis auf zwei Ausnahmen ausschließlich Ensemblemitglieder – war sehr gut. Ein besonderes Lob gebührt ohne Zweifel der Hausdebutantin Audrey Luna in der Rolle des Ariel. Sie hatte nicht nur extreme Koloraturpassagen zu singen sondern wurde auch körperlich ziemlich gefordert. Dass die Stimme etwas dünn klingt, sei auf Grund der Gesamtleistung nachgesehen. Adrian Eröd war kraft seiner Persönlichkeit ausgezeichnet in der zentralen Rolle des Prospero. Er sang mit herrlich weich geführter Stimme, ohne jedoch zu vergessen, in den entscheidenen Passagen aufzutrumpfen. Man muss allerdings auch feststellen, dass er mit den extremen Tiefen gewisse Probleme hatte. Stephanie Houtzeel sang mit schön geführtem Mezzo eine sehr gute Miranda und Pavel Kolgatin war ein guter Ferdinand, auch wenn die Stimme in der Höhe etwas eng wird. Der Counter – offenbar mittlerweile auch in zeitgenössischen Werken unerläßlich – David Daniels (ebenfalls Hausdebutant) sang den Triculo natürlich – wenn man diese Art des Gesanges mag – ausgezeichnet und war auch darstellerisch präsent. Thomas Ebenstein war sowohl stimmlich als auch darstellerisch ein sehr eindringlicher Caliban. Herbert Lippert war als König von Neapel wie immer päsent, allerdings stimmlich etwas angestrengt und Jason Bridges als Antonio, Dan Paul Dumitrescu als Stefano sowie David Pershall als Sebastian waren in ihren Rollen ebenfalls zufriedenstellend. Sorin Coliban (Gonzalo) sang sein Solo sehr schön.

 Der Chor (Einstudierung: Thomas Lang) entledigte sich seiner Aufgabe ebenfalls gut.

 Am Ende viel Jubel für alle, der – zumindest solange ich im Zuschauerraum war – durch keinerlei Mißfallensäußerung getrübt wurde.

Zum Schluß noch ein Wort zum Publikum: Ist es wirklich nicht möglich, es zumindest drei Stunden lang ohne checken von E-Mails oder surfen am Smartphone auszuhalten? Ebenso nervt das ständige Produzieren von Selfies.

 Heinrich Schramm-Schiessl

 

 

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