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WIEN / Staatsoper: TANZPERSPEKTIVEN

21.02.2013 | Allgemein, Ballett/Tanz

WIEN / Staatsoper:
TANZPERSPEKTIVEN
Dawson /  Pickett /  Maillot / de Bana
Premiere: 20. Februar 2013 

Große Handlungsballette haben es leicht (zumal, wenn das Publikum sie kennt), aber gerade darum wird jeder Leiter einer Kompagnie seinen Ehrgeiz daran setzen, seine Tänzer an zeitgenössischen Choreographen und Werken zu erproben. Das ergibt dann, mit Ausnahmen (John Neumeier arbeitet beispielsweise gern abendfüllend), oft jene Programme, die aus verschiedenen kleinen Stücken bestehen. Nicht leicht zu „verkaufen“, schon einem Direktor nicht – bei Ioan Holender hatte man damit nur in Ausnahmefällen Glück. Dominique Meyer ist für Manuel Legris diesbezüglich ein idealer Partner: Auch er glaubt an den modernen Tanz. Also gibt es an der Wiener Staatsoper nun die „Tanzperspektiven“ des Wiener Staatsballetts.

Vier Choreographen der Gegenwart – der Brite David Dawson (*1972), die US-Amerikanerin Helen Pickett, der Franzose Jean-Christophe Maillot (*1960) und der Deutsche Patrick de Bana. Die von ihnen gewählte Musik – Bach, Glass, Adams, Tschaikowski. Die beiden Klassiker kommen live aus dem Orchesterraum (Dirigent: Markus Lehtinen), die Modernen vom Tonband. Vier Stücke, im Durchschnitt (maximal) eine halbe Stunden lang. Vier Stile, die sich im Bewegungsduktus ebenso spiegeln wie an der Stimmung der Ausstattung. Drei schon vorhandene Werke und eine Uraufführung.

“A Million Kisses to my Skin” von David Dawson wurde 2000 für Amsterdam geschaffen, „Eventide“ kam ursprünglich 2008 in Boston heraus, aber Choreographin Helen Pickett hat für Wien eine Neufassung geschaffen. „Vers un Pays Sage“ des Franzosen Jean-Christophe das lteste der Werke und jenes, wie er selbst sagt, am meisten gefragte seit der Uraufführung 1995 in Monte Carlo. Schließlich hat Patrick de Bana zur Musik von Tschaikowskis Violinkonzert (allerdings nur der 1. Satz!) „Windspiele“ erdacht, wobei sich der Titel wohl nicht auf die gleichnamigen Hunde bezieht – vielmehr sind es eher die ganz weit geschnittenen Hosen der Tänzer, die hier im Wind flattern… Übrigens: armer Rainer Küchl! Auch als hoch geschätzter Konzertmeister der Wiener Philharmoniker wird man vermutlich nicht so oft eingeladen, das Violinkonzert von Tschaikowski zu spielen. Und dann darf man einmal – aber nur den ersten Satz!

 
Natalie Kusch, Denys Cherevychko in „A Million Kisses to my Skin“. Fotos: Barbara Zeininger

„A Million Kisses to my Skin“ folgt Bachs strukturierter Musik seines Klavierkonzerts Nr. 1 (am Klavier: Igor Zapravdin, geschätzter Ballettkorrepetitor des Hauses) auf bemerkenswerte Weise. Die ganze Welt scheint himmelblau (die Kostüme von Yumiko Takeshima sind es jedenfalls), exzessiv sind nicht nur die Beine, sondern auch die Arme eingesetzt, die Straffheit des Gebotenen ist bewundernswert. Nur die im Titel angesprochenen Küsse auf die Haut, und das gar millionenfach, findet man wirklich nicht. Ein „zärtliches“ Stück hat David Dawson eigentlich nicht geschaffen…

 
Ketevan Papava, Eno Peci, Emilia Baranowicz in „Evertide“. Foto: Barbara Zeininger

„Eventide“
schlägt einen ganz anderen Ton an. Vordringlich Philip Glass (nach Ravi Shankar), sinnlich, verführerisch, schon die Szene leuchtet Rot, als wäre man im Puff (Bühne: Benjamin Phillips), und das „Metallica“ der Kostüme (Charles Heightchew) betont die Erotik noch stärker, die von Helen Pickett beschworen wird: Magie!


Olga Esina, Roman Lazik in „Vers un Pays Sage“. Foto: Barbara Zeininger

„Vers un Pays Sage“ (zu Deutsch etwa: In ein Land der Weisheit) schimmert in Pastellfarben im Hintergrund, der Vater des Choreographen war Maler, Jean-Christophe Maillot beschwört ihn auch optisch, wenn auch höchst diskret. Was die Musik von John Adams betrifft, so sprach dieser selbst einmal im Zusammenhang damit von „Aerobic“, und tatsächlich scheinen die Tänzer in weiße Turngewänder gekleidet (Kostüme: Jean-Michel Lainé), und vieles, das sie zeigen, mutet vor allem kraftvoll akrobatisch an…

 
Kirill Kourlaev in „Windspiele“. Foto: Barbara Zeininger

„Windspiele“ schließlich ist ein Stück für einen Solisten, außerdem zwei Damen und fünf Herren, und wenn Tschaikowskis Musik erklingt, weiß man erstens, dass sie nach „klassischem“ Ausdruck verlangt, dass der Komponist aber seine genuine Ballettmusik ganz anders geschrieben hat als dieses Violinkonzert für den Konzertsaal, das sich eigentlich nicht wirklich überzeugend tanzen lässt. Patrick de Bana versucht nun, formal Heutiges und Gestriges (vor allem in den „klassischen“ Sprüngen der Herren) zu vereinigen – es war das stilistisch vielleicht am wenigsten ausgegorene Stück des Abends. Aber weil es eben eine Uraufführung war, spendete das Publikum hier den größten Beifall.

Immerhin war es das einzige, das eine dezidierte Starrolle hatte, natürlich für Kirill Kourlaev, der wie von selbst „Kraft“ verströmt. Im übrigen gibt es an solchen Abenden keine Stars, sondern nur ein Ensemble. Die Damen und Herren mit den großen Namen wie Olga Esina, Irina Tsymbal, Maria Yakovleva oder Liudmila Konovalova, wie Vladimir Shishov, Roman Lazik, Denys Cherevychko oder Davide Dato fügen sich unter ihre Kollegen.

Wahrscheinlich ist das in einer Welt des künstlerischen Egoismus eine erzieherische Maßnahme. Auch das Publikum erkor an diesem Abend ohnedies keine Lieblinge, sondern feierte alle vier Stücke in gleicher Weise, von kleinem Alzerl mehr für die Uraufführung abgesehen.

Renate Wagner  

 

 

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