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WIEN / Staatsoper: TANNHÄUSER

19.03.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
TANNHÄUSER von Richard Wagner
12. Aufführung in dieser Inszenierung
18. März 2012 

Es ist vollkommen legitim, dass für alles, was an einem Opernhaus geschieht, der Direktor zur Verantwortung gezogen wird, und Dominique Meyer wurde zuletzt im Merker-Forum hart hergenommen. So ist es nur gerecht, dass er das Lob für etwas erhält, was möglicherweise nur ein unberechenbarer Glücksfall ist (so wie misslungene Abende vielleicht wirklich nur Pech sind und nicht böse Absicht?): Aber zwei so vorzügliche Aufführungen wie „Die Frau ohne Schatten“ und „Tannhäuser“ hintereinander machen den Opernfreund schon recht glücklich. Dann weiß er wieder, warum der Zuschauerraum der Wiener Staatsoper sein zweites Wohnzimmer ist (wie es Boris Becker einmal vom Center Court in Wimbledon gesagt hat) – da fühle ich mich wohl, da gehöre ich her.

Es war das Wiener „Tannhäuser“-Debut des Ehepaares Seiffert / Schnitzer, das man eben erst als Tannhäuser und Elisabeth gesehen hat – entweder auf Classica oder auf DVD. Denn so kamen ihre Leistungen in Barcelona nun unter das Opernvolk, das ja immer hungrig auf Neues ist. Die Inszenierung dort ist übrigens eine aufregend gute Interpretation von jenem Robert Carsen, der für die gestrige Wiener „Frau ohne Schatten“ verantwortlich war. Und da merkt man übrigens auch im direkten Nebeneinander, wie sich Claus Guth für seine Wiener „Tannhäuser“-Inszenierung rundum bei Carsen bedient hat: Die Bewusstseinsstörungen des Helden, seine „Verdoppelung“ (bzw. Spaltung), der „Traumspiel“-Charakter und das Krankenhaus (Irrenhaus)-Ambiente stammen aus der „Frau ohne Schatten“, die Idee, Venus und Elisabeth immer wieder bis zur totalen Verwechselbarkeit changieren zu lassen, aus dem Barcelona-„Tannhäuser“. Diesen hat Carsen allerdings in die Welt der Kunst (und des Kunsthandels) versetzt, während Guth uns ja erklärt, dass die ganze Welt ein Puff ist. Anders wäre es nicht möglich, dass Tannhäuser von Venus wegläuft, um via Landgraf sofort wieder im Bordell (Venus ist auch da) zu landen – das ist einfach ein elementarer Denkfehler Guths, weil er damit das stückimmanente Gegensatz-Prinzip aufhebt… Dennoch und immerhin: Beide „Tannhäuser“, der von Carsen in Barcelona (auch in Paris gezeigt) und der von Guth in Wien haben gemeinsam, dass man als Opernbesucher besser das „Original“ kennen sollte – sonst hat man keine Idee davon, was Richard Wagner wohl einst mit diesem Werk gemeint hat… Die Interpretationen schieben das Original bis zur Unkenntlichkeit beiseite. (Nur dass das eben mehr oder weniger überzeugend ausfallen kann…)

Schön, dass Bertrand de Billy, der nicht zuletzt mit seinem Barcelona-„Ring“ gezeigt hat, dass er ein höchst fähiger Wagner-Dirigent ist, an der Staatsoper nicht mehr ausschließlich französisches Repertoire dirigieren muss. Dieser „Tannhäuser“ schlug schon mit der Ouvertüre so entschiedene, klare, drängende, auf Hochdramatik gepolte Töne an, dass man dergleichen wohl nicht ohne Probe spielen kann: So wirkte auch der ganze Abend wie aus einem Guss, enorm auf Kraft und auch Lautstärke ausgerichtet (was ja bei Wagner nicht verboten ist), aber auch von ausgesprochener Intensität in den lyrisch-tragischen Passagen des dritten Akts.

Was ist Wagner-Singen? Einmal Kraft, körperlich und emotional. Weiters Können, und zwar so, dass es außer Frage steht. Und schließlich Erfahrung, die aus eigenem Wissen resultiert. Peter Seiffert ist mit 58 so weit, wie man nur kommen kann. Wobei die Stimmkraft umwerfend ist. Wenn  man es unfreundlich ausdrücken wollte, könnte man sagen, er habe zumindest den ersten Akt durchgeschrien. Tatsächlich hat er den ganzen Abend lang verschwenderische Mengen von Stimme gegeben, und sie ging ihm nie aus, nicht beim „Erbarme Dich mein“, nicht bei der Rom-Erzählung, die ein spannendes Prachtstück war, faktisch Wort für Wort stimmlich und emotional ausgelotet. Es gab an diesem Abend nichts, was Peter Seiffert nicht konnte (das Guth’sche Konzept spielen, lief da nebenbei auch noch vollgültig mit) – am Ende empfing ihn ein Aufschrei des Publikums, ein Beifallsorkan, der seiner Leistung nur angemessen war.

Im Gegensatz zu Vorgängerin Anne Schwanewilms ist Petra Maria Schnitzer kein Piepserchen, sondern eine Wagner-Qualitätsstimme, schön, stark, technisch bestens geführt, ohne Schrille, und eine überzeugende Elisabeth-Persönlichkeit ist sie auch. Gleichwertige Paare sind im Kunstbetrieb selten, meist schleppt ein Teil den anderen hinter sich her. Bei Seiffert / Schnitzer kann man froh sein, wenn man sie zusammen bekommt.

Hoch interessant war die Besetzung des Wolfram von Eschenbach mit Ludovic Tézier, nicht nur, weil Franzosen im allgemeinen keine Wagner-Sänger sind und dieser schon einmal mit seinem hervorragenden Deutsch (ohne den üblichen französischen Akzent – etwa wie der Herr Direktor) prunkte. Tezier, der bisher nur 2005 ein paar Mal an der Staatsoper den „Figaro“-Grafen gesungen hat, war zuletzt im Internet in der Met-„Lucia“ neben Natalie Dessay als wahrlich bühnenbeherrschender böser Bruder zu sehen. Seine Verwandlung in den Wolfram, wie Guth ihn sieht, und doch anders als die Vorgänger (er wirkte ein wenig wie eine Figur von E.T.A. Hoffmann…), war so bemerkenswert wie überzeugend. Der stille Mann am Rande mit der starken Präsenz war vor allem im dritten Akt für Tannhäuser ein auch darstellerisch unabdingbarer Partner. Stimmlich verfügt Tezier über einen sehr gut geführten, wenn auch im Timbre etwas trockenen Bariton, und es war unüberhörbar, dass er immer wieder an der Grenze seiner Möglichkeiten sang. Dennoch war er in dieser Rolle ein Erlebnis.

Was man von der Venus der Iréne Theorin nicht sagen kann, im schrillen Dauer-Forcieren der Stimme (und nur geringfügig bemerkenswert, wenn sie sich zwischen Piano und Mezzavoce einpendelt, was sie selten darf).

Sorin Coliban ist ein Baß, der ein wenig zum „Röhren“ neigt, Peter Jelosits als Heinrich der Schreiber und Il Hong als Reinmar von Zweter blieben im Hintergrund.

Es gab noch drei Rollendebutanten: Von den Sängerknaben hat man sich verabschiedet, nur dürfen junge Damen des Hauses für den Hirten ran, Valentina Nafornita mit noch nicht durchgeformter Stimme. Lars Woldt benützte seine einzige Gelegenheit, um als Biterolf gewaltig loszulegen, während Norbert Ernst leider über den Walther von der Vogelweide, so klein er als Rolle auch sein mag, hörbar stolperte (was man natürlich auch der Debutnervosität zuschreiben kann).

Im Ganzen war es ein Abend der wirklich großen Leistungen, wobei man den „Tannhäuser“ sicher auch musikalisch differenzierter darbieten kann. Aber so, wie Orchester und Sänger über dem Publikum zusammenschlugen, ging man begeistert in der Macht und Pracht Wagners unter.

Renate Wagner

 

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