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WIEN / Staatsoper: SOLISTENKONZERT Ludovic Tézier und Maria Prinz

Maria Prinz am Bösendorfer und Ludovic Tézier am Notenpult. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: SOLISTENKONZERT Ludovic Tézier (Bariton) und Maria Prinz (Klavier)

27. November 2019

Von Manfred A. Schmid

„Why a beautiful voice is not enough for a beautiful evening“ – Warum eine schöne Stimme für einen schönen Abend nicht genügt: So lautete der Titel einer Kritik des ersten Liederabends, den Ludovic Tézier im Oktober 2014 an der Wiener Staatsoper gab. Bemängelt wurde damals – es handelte sich tatsächlich um einen „Liederabend“, also um ein reines Liedprogramm – die offenkundig eher mangelhafte Vorbereitung, nicht genug Engagement und Charisma, zu wenig Eingehen auf die pianistische Begleitung und folglich zu wenig Einklang sowie fehlende Textverständlichkeit.

In den fünf Jahren, die seither verstrichen sind, hat der Bariton, eben erst in der Titelpartie von Mozarts Don Giovanni im Haus am Ring zu erleben, merklich an sich gearbeitet. Auch wenn er abseits der Opernbühne inzwischen weiterhin nur höchst selten als Lied- oder Konzertsänger in Erscheinung tritt, hat er den Liedgesang ein gutes Stück weiter für sich „erobert“. Das zeigt er gleich bei den drei ausgewählten Liedern von Franz Liszt, mit denen er das Programm eröffnet. Natürlich kommt ihm dabei zu Gute, dass er es mit Vertonungen nach Gedichten von Victor Hugo zu tun hat, die nicht nur der Sprache nach französisch sind. Denn Liszt, der unstete Weltenbummler und Weltbürger, hat sich voll auf den französischen Esprit der Texte eingelassen, „S’il est un charmant gazon“, „Comment, disaient-ils“ und „Oh! Quand je dors“ klingen tatsächlich wie Stücke aus dem französischen Repertoire, sind voll Witz, Anmut und – eben charmant. Und das liegt dem aus Marseille stammenden Sänger sehr am Herzen, was er dann auch mit seiner duftigen Interpretation von „L’ile inconnu“ von Hector Berlioz zu erkennen gibt. Er lotet die Texte gut aus, mit großer Beweglichkeit seiner leicht abgedunkelten Stimme, die in der Höhe die stark zurückgenommen wird, geradezu „gezähmt“ wirkt und so zu delikater Zartheit fähig ist. Maria Prinz am Klavier, mit der Tézier bereits im Jänner mit einem Liederabend in der Frankfurter Oper aufgetreten ist – im Merker wurde darüber berichtet – ist eine vorzügliche Begleiterin. Obwohl gerade die Lieder von Liszt pianistisch virtuos angelegt sind, drängt sie sich nie in den Vordergrund, sondern ist stets eine aufmerksame, feinfühlige und dennoch sehr präsente Partnerin.

Bei den folgenden Programmpunkten – dem „deutschen Lied“ gewidmet – fällt sofort Téziers stark verbesserte, geradezu perfekte Wortdeutlichkeit auf. Schumanns „Mondnacht“ ist fein gepinselt, man spürt die wunderbare Atmosphäre, den sanfte Hauch der Luft und den milden Schein des Mondes. In „Hör ich das Liedchen klingen“, aus der Dichterliebe, beschwört er bewegt den Trennungsschmerz. Dann zwei Lieder von Schubert – das innige Bekenntnis „An die Musik“ und sein heiteres, unbeschwert dargebotenes „Ständchen“ nach einem Text von Rellstab, in dem nur eine Passage – „Komm‘, beglücke mich“ – durch eine nicht ganz geglücktes Legato bei „Komm‘“ getrübt wird.

Nach der Pause geht es, nach zwei Liedern von Mozart – „Abendempfindung“ und „Komm liebe Zither, komm“ – rasch in die Region, die ihm wohl weiterhin am meisten liegt und in der er sich wohlfühlt wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser: die Oper! Don Giovannis Serenade „Deh, vieni alla finestra“ klingt, wie sollte es auch anders sein, ebenso einschmeichelnd, verlockend und verführerisch wie zwei Tage zuvor in der Opernvorstellung, nur eben diesmal am Bösendorfer begleitet und nicht auf der Mandoline gezupft. Die Arie des Jeletzki aus Tschaikowskis Pique Dame, voll Wehmut, aber ohne jegliche Larmoyanz edel dargeboten, gehört – neben der Arie des Wolfram aus Wagners Tannhäuser, die dann im Zugabenteil zu hören sein wird – zu seinen Paradestücken. Ungemein dramatisch und packend intensiv dann die Szene „Tod des Marquis Posa“ aus Verdis Don Carlo, bis dann mit „Nemico della patria“ aus Andreas Chénier der eindrucksvolle offizielle Schlusspunkt gesetzt wird.

Dem reichlichen Applaus danken er und Maria Prinz, seine exzellente Partnerin am Klavier, mit drei Zugaben: mit der oben schon erwähnten, seelenvoll interpretierten Arie „O du, mein holder Abendstern“, mit Strauss‘ „Zueignung“ und mit der Wiederholung von Don Giovannis zuvor schon gehörter Serenade. Warum? – Weil die Angebetete den Ruf noch nicht erhört hat und nicht gekommen ist, wie der Sänger launig ankündigt. Damit sind wir aber auch schon bei den Einwänden angelangt: Tézier singt von Anfang bis zu Schluss nach Noten, dem Notenpult gilt daher ein guter Teil seine Aufmerksamkeit. Als er nach der Pause zunächst „unbebrillt“ auf die Bühne kommt, muss er nochmals zurück in die Garderobe: „Ich habe meine Augen vergessen,“ erklärt er augenzwinkernd. Frei singen und gestalten kann so aber vielleicht doch nicht ganz gelingen. Eine dritte Zugabe hätte man wohl auch noch einstudieren können. Mit anderen Worten: Bei der Vorbereitung und am wirklich Ernstnehmen eines Soloprogramms mit Liedern ist noch genügend Raum für eine Steigerung vorhanden. Vielleicht in spätestens fünf Jahren in Wien?

 

 

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