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WIEN / Staatsoper: SIMON BOCCANEGRA von Giuseppe Verdi

24.10.2019 | KRITIKEN, Oper

 

Simone Piazzola (Boccanegra), Marina Rebeka (Amelia) und Fabio Sartori (Adorno). Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper: SIMON BOCCANGRA von Giuseppe Verdi
88. Aufführung in dieser Inszenierung
23. Oktober 2019

Von Manfred A. Schmid

Politik ist lebensgefährlich, von Machtgier angetrieben, voll von Intrigen und Verrat. Das ist das Bild, das uns die Handlung der im Genua des 14. Jahrhunderts spielenden Oper vermittelt. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Der Unterschied zu heute (unser frisch angelobter Nationalrat hat ja bekanntlich einen Frauenanteil von 40 Prozent): Politik war damals – und noch Jahrhunderte lang – reine Männersache. Kein Wunder also, dass in den Hauptrollen – mit zwei Ausnahmen – nur dunkle Baritone und schwarze Bässe zu Wort kommen. Im Mittelpunkt steht die jahrzehntelange Feindschaft zwischen dem von den Plebejern zum Dogen gewählten Korsar Simon Boccanegra und dem ihm nach dem Leben trachtenden Patrizier Fiesco, der ihn verdächtigt, ihm seine Enkeltochter absichtlich vorzuenthalten. Die Regie von Altmeister Peter Stein aus dem 2002 setzt auf schematische Personenführung. Richtige Spannung kommt in den an und für sich hochdramatischen Konstellationen leider nur selten auf. Daran ist wohl auch das karge Bühnenbild von Stefan Mayer – zu mehr als einer Sitzgelegenheit und einer Bank reicht es meist nicht – mit Schuld.

Als Fiesco legt Ferruccio Furlanetto – in dem einem Klimax zusteuernden Konflikt mit Simon Boccanegra – das Gewicht seines profunden, noch immer mächtig klingenden Basses in die Waagschale sowie seine langjährige Bühnenerfahrung. Obwohl er den Tod des Widersachers will, ist er dem Ehrenkodex verpflichtet und reagiert entsetzt, als er erfährt, dass sein Erzfeind schmählich und feige vergiftet worden ist. Furlanetto zeigt die vielen Facetten Fiescos auf und verleiht seiner Figur ein farbenreiches Profil. Polternd gibt er seinem Zorn und seinen Rachegefühlen Ausdruck, zeigt sich bei der überraschenden Versöhnung in Form einer unerwarteten Familienzusammenführung am Schluss aber auch zu zarten, einfühlsamen Regungen fähig. Ein starkes, komplexes, vielschichtiges Porträt.

Simone Piazzola hat es bei seinem Rollendebüt schwer, seinem Erzfeind stimmlich auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Als politisches Schwergewicht kann er darstellerisch reüssieren, auch als besorgter, liebender Großvater seiner Enkelin Amelia überzeugt er. Sein Bariton aber wirkt im Vergleich zu Furlanettos fülligem Bass ziemlich eindimensional, stellenweise sogar etwas hohl. Der Sprung vom Fiesling Paolo, den er mit Erfolg an mehreren Bühnen gesungen hat, in die Titelpartie des schillernden Dogen von Genua ist noch nicht ganz geglückt.
Auch bei Clemens Unterreiners Rollendebüt als Paolo ist noch genug Luft nach oben. Aber mit seinem frischen, angriffslustigen Bariton hat er das Zeug, in diese Rolle weiter hineinzuwachsen. Wie er vor dem versammelten Rat, vom Dogen psychologisch nach allen Regeln der Kunst in die Enge getrieben, wie ein Häufchen Elend am Boden liegt, ehrlos und als Entführer gebrandmarkt, ist packend dargestellt. Man bekommt vorübergehend beinahe Mitleid mit diesem Mann, der dann aber als heimtückischer Giftmörder endgültig jeden Respekt verliert. Dan Paul Dumitrescu agiert als sein Helfershelfer Pietro unauffällig im Hintergrund.

Clemens Unterreiner bei seinem Rollendebüt als Paolo. Foto: Wiener Staatsoper / MIchael Pöhn

Die erfreulichen Farbtupfer in der grauschwarzen Männerwelt liefert das junge Liebespaar. Fabio Sartori legt nach seinem guten Don Carlo vor wenigen Wochen als hitziger Gabriele Adorno noch ein Schäuflein nach. Seine fein geführte, höhensichere Tenorstimme verbreitet Wohlklang und Schmelz, egal ob er schmachtend um Amelia wirbt, den Dogen verflucht, der einst seinen Vater getötet hat, oder angesichts der ihm allzu innig erscheinenden Beziehung seiner Angebeteten zum Dogen Böses vermutet, nichtsahnend dass er eigentlich ihr Vater ist. Musikalischer Höhepunkt ist sein Liebesduett mit Amelia. Leidenschaft à la Verdi pur.

Als Amelia kommt Marina Rebeka, die in dieser Partie heuer schon bei den Salzburger Festspielen in Erscheinung ist, zum Einsatz. Ihr strahlend schöner, glockenheller Sopran hat auch einige Ecken aufzuweisen: scharfe, spitze Töne, die aufhorchen lassen.

Insgesamt ein stimmlich-musikalisch durchwachsener Opernabend, immerhin mit Überhang zum Positiven hin. Das liegt nicht zuletzt auch am Dirigenten Paolo Carignani, dem es gelingt, die recht unterschiedlichen klingenden Charaktere auf der Bühne durch einfühlsame Unterstützung aus dem Orchestergraben bestmöglich zur Wirkung kommen zu lassen. Hellhörig, mit einem Gespür für die jeweiligen Möglichkeiten und mit einem ausgeprägten Sinn für den Aufbau dramatischer Spannungsbögen, erweist sich der Mailänder als ein versierter Umsetzer von Verdis Partitur.

Viel Beifall für die Protagonisten, auch für den vorzüglichen Chor.

24.10.2019

 

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