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WIEN / Staatsoper: SALOME

08.02.2014 | Oper

 

WIEN / Staatsoper: 
SALOME von Richard Strauss
207. Aufführung in dieser Inszenierung
7. Februar 2014 

Im Zentrum dieser „Salome“ stand das Debut einer Sängerin, die in dieser Rolle die Wiener Staatsoper schon beim Gastspiel in Tokio repräsentiert hat: Jetzt durften wir sie auch kennen lernen. Die große Begeisterung wurde es nicht. Dabei hat man Gun-Brit Barkmin in „Peter Grimes“ so absolut positiv kennen gelernt, allerdings damals schon im Geheimen gedacht, dass ihr die Salome wohl nicht auf den Leib geschneidert ist. Und so war es auch.

Grundsätzlich gesagt: Natürlich ist die Salome für wirklich junge Sängerinnen zu schwer. Aber wenn Damen mittleren Alters dann in der Körpersprache auf „jugendlich“ machen wollen, wirkt das nur peinlich. (Da muss man schon andere Wege gehen wie die Denoke etwa, die ein so verwirrendes, nervöses Geschöpf auf die Bühne stellt, dass man nicht fragt, ob das die kindhafte Prinzessin ist, sondern nur noch fasziniert zusieht).

Gun-Brit Barkmin kann, mit einigen Anzeichen von Anstrengung, mit Defiziten in der Tiefe, die Salome absolut singen (wenn sie es auch extrem wortundeutlich tut), und das will etwas heißen. Aber sie tut es „vom Blatt“, und das, was sie sich als Gesten eingelernt hat, mag vielleicht an sich „richtig“ sein, wirkt aber nicht sonderlich interessant. Der Tiefpunkt ist diesbezüglich der Tanz – mit seinem halben Königreich hätte Herodes schwer überzahlt, der war nicht einmal ein kleines Ringlein wert. Die Dame ist nicht fürs Feurige. Doch seien wir gerecht – ein (nicht ganz nachvollziehbarer) Jubelsturm empfing die Sängerin am Ende: Es ist offenbar noch eine wirkungsvolle Partie, selbst wenn man ihr eine Menge schuldig bleibt. Aber dass die Wiener Staatsoper Gun-Brit Barkmin in dieser Rolle nach Tokio geschickt hat – besonders hoch hat man da nicht gegriffen. Hat niemand Angst um unsere Reputation?

An diesem Abend gab es auch einen neuen Herodes, und  Herwig Pecoraro war in tenoraler Geberlaune, wie man sie in dieser Rolle selten erlebt (die oft von abgewrackten Heldentenören als Übergang ins „Charakterfach“ gewählt wird). Optisch ist er geradezu ideal für den orientalischen Potentaten, darstellerisch wird er, wenn er die Figur öfter interpretiert, ein Konzept finden – ob er vor allem den Lüstling zeichnet, ob den Hysteriker, ob den Neurotiker (hat man alles schon prächtig gesehen), man sollte sich für eine Gangart entscheiden. Es gibt Szenen, etwa wenn er Salome all die Juwelen aufzählt, die er ihr anstelle des Kopfs des Jochanaan anbietet, denen ermangelt es noch an drängender Intensität. Aber die besten Voraussetzungen sind da, dass das für den Sänger eine Prachtrolle werden kann.

Falk Struckmann hätte den Jochanaan schon vor drei Jahren singen sollen und holte nun sein Debut nach – ein bisschen spät für eine so gewaltig dramatische Partie, die so viel Stimme erfordert, aber er singt ja nach wie vor das „schwere“ Fach, obwohl sich seine Mittel schon seit einiger Zeit hörbar reduziert haben. Wo Jochanaan im Vollbesitz der Stimme wohltönend und dabei erschreckend donnernd sollte, ist hier das angesagt, was man mit Technik und Gewalt noch produzieren kann. Allerdings steht Struckmann als beeindruckender Prediger auf der Bühne, noch nie hatte man so sehr den Eindruck, hier einen erschreckenden Fundamentalisten zu erleben…

Iris Vermillion (auch sie hat die Staatsoper nach Japan geschickt – eine Sängerin, die hier im Ensemble keine wie immer geartete Tradition hat. Wäre da nicht eine Elisabeth Kulman eine logischere und bessere Entscheidung gewesen?) hat man vor drei Jahren schon als mittelmäßig interessante Herodias gesehen, ein Mezzo, der seine gutturale Tiefe und seine nasale Höhe nicht wirklich zusammen bekommt.

Carlos Osuna  als Narraboth und Ulrike Helzl, die erstmals den Pagen sang, gingen zu Beginn des Abends nicht unter (was immer wieder passiert), sondern behaupteten ihren Platz, und in den sonstigen Besetzungen hatten die „Ersten“ das Sagen: Norbert Ernst als Erster Jude, den er erstmals sang und uns wahrlich einbläute, dass seit dem Propheten Elias niemand Gott gesehen hat! Seine Komprimarii bestätigten das in üblicher Lebhaftigkeit und wurden noch von keiner politischen Korrektheit aufgefordert, dass das, was man unter jüdischer Gestik versteht, diskriminierend sein könnte: So haben sie offenbar viel Spaß und machen gelassenen Zusehern und Zuhörern mit ihrer Judenschar auch viel Spaß. Adam Plachetka sang den Ersten Nazarener, als Rolle klein genug, aber es war prachtvoll, wie er mit seiner Kantilene prunkte und aufhorchen ließ. Und auch der Erste Soldat, Dan Paul Dumitrescu, hielt nicht nur Wache, sondern setzte sich hörbar in Szene.

Bleibt Andris Nelsons, der die „Salome“ beim New Yorker (nicht Tokioter) Staatsoperngastspiel dirigiert hat und seine Interpretation nun erstmals in Wien hören ließ: Mit Musikern, die ihm wohl wollten und die Raffinessen und Stimmungsumschwünge dieser ungeheuren Musik mit ihm voll auskosteten. Sinnliches Flirren, das die Hauptdarstellerin schuldig bleibt, bekam man solcherart, und wo Nelsons voll aufdrehen ließ, glühte der Abend vor Intensität. „Salome“ funktionierte aus dem Orchesterraum.

Renate Wagner

 

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