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WIEN / Staatsoper: ROMÉO ET JULIETTE

25.06.2013 | Oper

   
Fotos: Wiener Staatsoper

WIEN / Staatsoper:
ROMÉO ET JULIETTE von Charles Gounod
52. Aufführung in dieser Inszenierung
25. Juni 2013  

Ausverkauft, rundum, auch der Stehplatz. Keine fliegenden Händler mit Karten rund ums Haus, sondern ein einsamer Herr mit einem rührenden „Suche Karte“-Schildchen in der Hand, wie man es aus Bayreuth und Salzburg kennt. Warum? Um den großen Placido Domingo live als Dirigenten zu erleben? Um Piotr Beczala, mittlerweile an der Tenor-Weltspitze, als Romeo zu sehen? Oder die Neugierde auf eine neue Juliette? Wie dem auch sei – es war voll. Viel Applaus, wenn auch nicht die große, hitzige Begeisterung.

In der Jürgen Flimm-Inszenierung, wo auf einer meist ziemlich leeren, stark mit „Lichtarchitektur“ (Patrick Woodroffe) bespielten Bühne die „Bewegungsregie“ von Renato Zanella seligen Angedenkens noch immer den Abend rund um das Titelrollenpaar „macht“, waren die Liebenden also neu besetzt.

Piotr Beczala ist klug genug, uns nach und nach immer mit einer neuen Rolle zu kommen – nach dem Mozart seiner Wiener Anfänge waren es 2008 Alfred, 2009 Faust, 2010 Rudolf und 2011 der Edgardo an der Seite von Diana Damrau (in einer wackeligen „Lucia“-Serie). Heuer ist es der Romeo, nächstes Jahr werden es Hoffmann (und wieder Faust mit der Netrebko) sein.

Man kann keinem Sänger Mitte 40 sagen, dass er für den Romeo zu alt ist, sonst könnte man die Opernhäuser zusperren. Zumal Piotr Beczala wirklich schlank und ein äußerst bemühter Darsteller geworden ist. Er passt in jeder Hinsicht zu der für Wien neuen Bulgarin Sonya Yoncheva, die nicht nur eine besonders attraktive Dunkelhaarige ist, sondern auch nicht teenager-mäßig jung wirkt. Ihr erster Auftritt als Party-Girl in dieser Inszenierung überzeugt total. Im Lauf des Abends erspielen die beiden in – wie man zu spüren meint – stimmiger Chemie ihr leidenschaftlich liebendes Paar, das sich nur manchmal zu niedlich-jugendlich gibt (etwa beim Turteln in der Hochzeitsszene – man kann es auch übertreiben).

Auch die Stimmen passen zusammen, weil sie beide stark sind, er mit der bekannten Härte seines Tenors, sie mit einem etwas fettigen Sopran, beide mit (zu viel) Nachdruck singend, sie noch stärker forcierend als er. Beczala prunkt zwar nie mit wahrem Belcanto (es sei denn, er nimmt die Stimme ganz zurück), hat aber (meist) die Spitzentöne, Sonya Yoncheva lässt zumal in der Emphase ein ganz starkes Vibrato und einiges an Höhenschärfe hören. Gewiß, Timbres sind kein objektives Kriterium, sondern Geschmackssache, aber es wird (neben Fans des Beczala-Timbres) auch Leute geben, denen beide Stimmen nicht sonderlich schön vorkommen. Dennoch – der persönliche Einsatz wiegt genau so schwer, und der war voll vorhanden.

Die Besetzung der Nebenrollen war „solide“, wo es um den Frère Laurent des Dan Paul Dumitrescu ging, auch noch beim aufdrehenden Duc des Alexandru Moisiuc, schon kaum mehr bei dem Capulet von Il Hong. Besonders kläglich (hoffentlich nur an diesem Abend) Juliette Mars als Stéphano (aus dieser Arie am Fahrrad haben Kolleginnen doch einiges heraus geholt), und gar nicht überzeugend die neuen Herren, Gabriel Bermúdez als Mercutio und Dimitrios Flemotomos als Tybalt. Da fragt man sich wieder einmal, wer Engagements tätigt – das kann doch nicht bei allen eine schlechte Abendverfassung gewesen sein?

Man soll zu dem liebenswerten Dirigenten Plácido Domingo (auch wenn man, ihn beobachtend, manchmal den Eindruck gewann, er spielte und litt mehr mit der Handlung mit als dass er sich um Einsätze kümmerte) nicht ungerecht sein: Für die durchwegs grobschlächtigen Sänger legte er einen festen Untergrund, gewissermaßen ein Ölgemälde, wo doch die Franzosen (auch als Musiker) an sich eleganter malen. Freilich, dass der Chor bei der „Party“ zu Beginn dermaßen elendiglich ins Schwimmen geriet – so was pflegt man ja eher den Dirigenten anzulasten als unserem meist so ordentlich bis außerordentlich singendem Chorkollektiv. Aber genau entscheiden lassen sich solche Dinge ja nicht, zumal sie schnell genug vorbei gehen, um nicht wirklich Schaden anzurichten.

Und im übrigen – was seine Stimme und seinen Gesangsstil betrifft, kann man hoffen, dass der Hoffmann eine sehr gute Rolle für Piotr Beczala sein wird, und freut sich darauf.

Renate Wagner

 

 

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